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Stiftung der Deutschen Börse : Mit Geduld und einem Auge für Talente

Vor zwanzig Jahren hat die Deutsche Börse angefangen, zeitgenössische Fotografie zu sammeln. Dabei bewies sie ein gutes Gespür, sodass die Sammlung zu einer der bedeutendsten ihrer Art anwuchs. Wonach werden die Werke ausgewählt und wo kann man sie betrachten?

          Am Anfang war ein Neubau. Als die Deutsche Börse in den neunziger Jahren den Entschluss fasste, im Frankfurter Stadtteil Hausen einen neuen Verwaltungssitz zu beziehen, kam die Idee auf, in diesem Zuge auch eine Sammlung von Kunstwerken aufzubauen, mit denen die Räumlichkeiten am Industriehof geschmückt werden sollten. Nicht zuletzt die markante Architektur der Neuen Börse, ein transparentes achtschiffiges Bauwerk, das mit einer gläsernen Traverse verbunden ist, mochte zu der Entscheidung beigetragen haben, die Sammlung dem Medium Fotografie, dem Zeichnen mit Licht, zu widmen. Der Auftrag, den Grundstock für diese Sammlung künstlerischer Fotografie zu legen, ging an den Schweizer Kunsthistoriker Jean-Christophe Ammann, den damaligen Leiter des Museums für Moderne Kunst Frankfurt.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          200 Arbeiten von 16 Fotografen trugen Ammann und sein Team zusammen, von seinerzeit schon arrivierten Größen wie etwa den Vertretern der Düsseldorfer Schule Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth, aber auch von jüngeren Fotokünstlern wie Martin Liebscher und Jörg Sasse, die erst später berühmt wurden. Um das laut Ammann „bildnerische Denken“ eines Künstlers ersichtlich werden zu lassen, wurden ausschließlich Werkgruppen angekauft. Viele Künstler nutzten die Gelegenheit, den Rohbau der Neuen Börse zu inspizieren, und etliche von ihnen passten die Formate ihrer Arbeiten an die räumlichen Gegebenheiten in Hausen an: So entstanden Abzüge, die nicht nur ihrer Motive, sondern auch ihres Formats wegen heute als ikonographisch gelten. In der Größe, wie sie in der Neuen Börse präsentiert wurden, gab es die meisten der Fotografien sonst nicht.

          Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Themen

          Das ist nun zwanzig Jahre her. Die Deutsche Börse ist in dieser Zeit noch einmal umgezogenen. Seit Juli 2010 residiert das Unternehmen in Eschborn in einem Gebäude namens The Cube, das architektonisch noch auffälliger ist als die Neue Börse. Auch dort schmücken zeitgenössische Fotografien aus der Sammlung die Wände. Diese Sammlung mit dem Namen Art Collection Deutsche Börse ist längst zu einer der bedeutendsten ihrer Art angewachsen. Derzeit umfasst sie rund 1800 Arbeiten von gut 120 nationalen und internationalen Fotokünstlern wie Bernd und Hilla Becher, Mike Brodie, Barbara Klemm, Candida Höfer, Evelyn Hofer, Sebastião Salgado, Diane Arbus, Philip Jones Griffiths, Martin Parr oder Ursula Schulz-Dornburg. Und sie wächst weiter, steht doch jedes Jahr ein Etat für Ankäufe zur Verfügung.

          Für die Weiterentwicklung und den Erhalt der Sammlung ist seit knapp vier Jahren die 2015 gegründete Stiftung Deutsche Börse Photography Foundation verantwortlich. „Qualität ist das höchste Kriterium“, beschreibt Anne-Marie Beckmann, Geschäftsführerin und Kuratorin der Sammlung, die Vorgehensweise bei der Auswahl neuer Werke für die Sammlung: „Wir wählen Arbeiten von Künstlern, die sich mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen auseinandersetzen. Es ist dabei aber immer eine Entscheidung für eine Position und keine gegen eine Position“, sagt Beckmann, die die Sammlung seit ihren Anfängen vor zwanzig Jahren betreut und sich in einem steten Austausch mit unterschiedlichen Kulturinstitutionen über das Medium Fotografie befindet. Diese Kontakte helfen auch, um mitunter an allerorts begehrte Arbeiten zu kommen. „Hinter Joel Sternfelds Arbeit ,McLean, Virginia‘ waren wir lange hinterher. Wir haben auf Auktionen mitgesteigert, aber keinen Zuschlag erhalten. Und dann hat es doch noch geklappt. Acht Jahre hat es gedauert“, erinnert sich Beckmann an das Geduldsspiel um eine faszinierende Fotografie, die einen recht ungerührten Feuerwehrmann beim Kauf eines Kürbisses zeigt, derweil im Hintergrund seine Kameraden versuchen, ein brennendes Haus zu löschen. Was der Betrachter nicht weiß: die Fotografie entstand auf einem Übungsgelände der Feuerwehr, und der unbekümmerte Firefighter hatte wohl gerade frei.

          Ist im Falle Sternfelds die Geduld der Kuratorin belohnt worden, wird ein anderer Wunsch womöglich unerfüllt bleiben: „Arbeiten von Robert Frank hätten wir sicher gern in der Sammlung. Leider haben die Preise für seine Arbeiten astronomische Höhen eingenommen“, sagt Beckmann, die mit der Stiftung auch für die Präsentation der Sammlung zuständig ist. Neben Ausstellungen am Hauptsitz der Deutschen Börse in Eschborn, die zu bestimmten Tagen bei öffentlichen Führungen besucht werden können, ist immer eine kleine Auswahl von Arbeiten im English Theatre Frankfurt zu sehen. Außerdem verleiht die Stiftung regelmäßig Werke aus der Sammlung an Museen und Ausstellungshäuser. „Wir kommen fast jeder Leihanfrage nach, außer wir stellen eine Fotografie gerade selbst aus“, unterstreicht Beckmann einen Schwerpunkt der Stiftungsarbeit: die Kooperation und die Förderung von Projekten und Institutionen zum Thema Fotografie. Im Jubiläumsjahr ganz besonders.

          Informationen zu den Programmen gibt es im Internet unter https://www.deutscheboersephotographyfoundation.org

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