https://www.faz.net/-gzg-8fv7k

Stifterin Brinkmann to Broxten : Das Grundprinzip ist Offenheit

Stifterin: Eva Brinkmann to Broxten wird für ihr Engagement geehrt Bild: Kreibig, Lukas

Kunst und Wissenschaft von Frauen fördert seit 15 Jahren die Frankfurter Stiftung Maecenia. Morgen wird Eva Brinkmann to Broxten, die Stifterin, für ihr Engagement geehrt.

          4 Min.

          Wer im Theater „Ich“ sagt, ist immer noch öfter Mann als Frau. Merkwürdig eigentlich, dass es in der freien Szene auch so ist, die sich doch sonst von anderen Gepflogenheiten des einst so genannten Establishments gern fernhalten will. „Off the record. Denken in präziser Unschärfe“ heißt eine Debattenreihe von Olivia Ebert und Fanti Baum, die am Freitag im Frankfurter Mousonturm beginnt. Unter der Flagge der Tänzerorganisation ID Frankfurt und zusammen mit den jeweiligen Abendaufführungen wollen Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen mit dem Publikum ins Gespräch kommen, um zu fragen, wo sie denn sind, die weiblichen Avantgarde-Positionen in der Frankfurter Szene.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          „Es gibt immer mehr“, davon ist Eva Brinkmann to Broxten überzeugt, „die Frankfurter Szene ist groß und wächst, auch dank der Studiengänge in Gießen, in der Musikhochschule, an der Hessischen Theaterakademie, beim Studio Naxos - es passiert viel, und es gibt viele junge starke Frauen.“ Der Abend im Mousonturm passt also bestens zu ihrem Anliegen. Es geht um Frauen, um Wissenschaft und Kunst: Diese drei Schwerpunkte hat sie im Grunde schon seit den späten sechziger Jahren verbunden. Und erst recht, seit sie vor gut 15 Jahren eine Ermöglicherin geworden ist, mit ihrer Frankfurter Stiftung Maecenia. Für ihr Engagement bekommt Eva Brinkmann to Broxten am Freitag im Frankfurter Römer das Bundesverdienstkreuz verliehen. Doch statt die Auszeichnung opulent zu feiern, schaut sie sich abends eben lieber das neue Projekt ihrer Stiftung an.

          Lilo von Mangelsdorffs Film

          Die Liste der Bücher und Filme, Theaterstücke, Performances und Ausstellungen, Fotobücher und Workshops aus Frauenhand und Frauenhirn, auf die Brinkmann to Broxten sehr stolz ist, kann sich sehen lassen. Ganz frisch noch ist etwa der beim Filmfest Lichter gezeigte Dokumentarfilm Lilo von Mangelsdorffs über die Darmstädter Komponistin Barbara Heller. Zu den frühesten Projekten der 2000 gegründeten Stiftung zählt Barbara Beers Studie über Frauen in der deutschsprachigen Ethnologie. Die Autorin ist mittlerweile Professorin, und Maecenia, geleitet von Brinkmann to Broxten selbst, ihrer Referentin Stephanie Mayer-Bömoser und Praktikantinnen, hat etliche Erfahrungen mehr darin, in Wissenschaft und Kunst auf das Überraschende, Nonkonforme zu setzen, das von Frauen gewagt wird. Die gehen eben oft nicht den Königsweg, weshalb die Veranstaltungsreihe der Stiftung auch „Königinnenwege“ heißt. Seit 2002 holt Maecenia ihre „Maeceniatinnen“, sofern sie nicht ohnehin von hier kommen, nach Frankfurt, an schöne, oft ungewöhnliche Orte und in Kooperation mit hiesigen Veranstaltern, die nächste Reihe ist in Planung. Von Anfang an, das mag dann doch ein typisch weiblicher Zug sein, setzt die kleine Stiftung, die bislang rund 30 000 Euro je zweijährigem Förderzyklus ausgeschüttet hat, auf Kooperation, Vermittlung, Unterstützung. Ohne den Antragstellerinnen, Männer können allenfalls mitarbeiten, Themen oder Konzepte vorzugeben.

          In all den Jahren hat sie mit diesem Prinzip nur eine richtige Enttäuschung erlebt: „Wir bekommen viele Anträge, weil wir offen sind“, sagt die Stifterin. Es sind vermutlich auch deshalb so interessante und vielfältige, eben weil die Stiftung nicht selbst kreativ sein will - ganz im Gegensatz zu größeren Stiftungen, die mit ihren Konzeptvorgaben mittlerweile ein Gutteil des Kulturlebens bestimmen.

          Riesige Beträge sind es nicht, mit denen die Stiftung hilft. 2000 bis 7000 Euro sind es meist, und manchmal sind es ein paar hundert bis 1000 Euro aus dem „Feuerwehrtopf“ außerhalb der zweijährigen Förderzyklen, die helfen, ein Projekt zu retten oder zu beenden. Das hat Eva Brinkmann to Broxten aus ihrem eigenen Berufsleben am Frankfurter Institut für Frauenforschung, wo die promovierte Linguistin bis zu dessen Schließung 1999 als soziologische Forscherin tätig war, gelernt: Anschlussfinanzierungen zu bekommen ist oft das Schwierigste, gerade für Frauen in Wissenschaft und Kunst. „Maecenia übernimmt meist eine Anteilsfinanzierung. Aber wir haben festgestellt, dass es den Antragstellerinnen leichter fällt, Mittel einzuwerben, wenn sie angeben können, dass Maecenia sich beteiligt.“ Oft spinnt Maecenia Kooperationen mit weiteren Stiftungen oder versucht, für Projekte Spenden oder Lottomittel einzuwerben - ein Weg zur Finanzierung, der Einzelpersonen verwehrt ist. „Am Anfang dachten wir, jedes Jahr zwei, drei ganz tolle Projekte vollständig fördern zu können. Aber das ist nie gelungen - die Anträge sind einfach zu gut, so dass es immer zwischen sechs und zehn Projekte sind, die wir fördern“, sagt Brinkmann to Broxten. Die Methode, kleiner zu fördern, dafür aber intensiv zu begleiten und den Kontakt zu den unterstützten Künstlerinnen und Forscherinnen zu halten, zahlt sich aber ganz offensichtlich aus. „Unser Anspruch ist es, Kulturgeschichte zu ergänzen oder umzuschreiben, weil viele wichtige Leistungen von Pionierinnen in Vergessenheit geraten sind“, so Brinkmann to Broxten. Ende der sechziger Jahre kam sie nach Frankfurt und war, als junge Mutter und Akademikerin, von der Frauenbewegung fasziniert. „Es gab tolle Frauen, die unglaublich viel Humor hatten, Feste feierten, Straßentheater machten. Wir waren euphorisch und glaubten, etwas verändern zu können“, erinnert sie sich. Als Kursleiterin an der Volkshochschule, später als Journalistin des „Frankfurter Frauenblatts“ war sie tätig, kennt alle Protagonistinnen der Zeit. Umso mehr freut es sie, dass in der aktuellen Förderphase von Maecenia auch ein Buchprojekt zur Geschichte der „Frankfurter Spielfrauen“ entstehen soll. Die Spanne der Vorhaben dieses Jahres reicht von Sabine Koloch aus Ravensburg, die über die „Bibliothèque des dames“ der Adeligen Anna Sibylla von Zocha aus dem 18. Jahrhundert forschen wird, bis zur Performerin Anna Poetter, die schon 2014 für ihre Pilgerreise auf den Spuren des Geldes gefördert wurde, und nun mit einer interaktiven Ausstellung in Frankfurt ihren Weg dokumentieren will.

          Frauen und Geld, das ist überhaupt ein „großes Anliegen“ für Eva Brinkmann to Broxten: Es müsse noch viel passieren, um Frauen in der Theorie und in der Praxis von Wirtschaft an entscheidenden Positionen zu sehen. „Selbstbewusst mit Geld umzugehen und zu gestalten“, das hat sie selbst auch in einem langen Prozess lernen müssen. Dann wurde Maecenia daraus, einem Erbe zu verdanken. Brinkmann to Broxtens Großvater hat das Unternehmen „Telephonbau und Normalzeit“ mitgegründet. Erbin zu sein war aber nicht gerade schick in der Frauenbewegung. „Junge Frauen sind heute selbstbewusster in ihrer Lebensplanung und wissen, was sie wollen - das war bei mir nicht so“, sagt Brinkmann to Broxten und weiß: „Ein bisschen davon habe ich mit geändert.“

          Diesen Elan wird sie weiter in ihre Stiftung tragen. Wiewohl sie, Jahrgang 1943, realistisch in die Zukunft blickt: Junge Frauen hätten kaum die Zeit für ein Ehrenamt, das so aufwendig ist. Und deshalb ist Maecenia nun in eine „Verbrauchsstiftung“ umgewandelt worden. Will heißen: Maecenia kann zu Lebzeiten ihrer Stifterin die Mittel aufbrauchen. Kann, betont Brinkmann to Broxten. Aber in diesem Jahr sind erstmals mehr Fördergelder ausgegeben worden, und das könnte noch gut zehn Jahre so weitergehen - oder auch nicht, sagt die Stifterin: „Es ist alles offen.“

          Weitere Themen

          Deutsch-jüdische Geschichte anders erzählt

          Comic : Deutsch-jüdische Geschichte anders erzählt

          „Nächstes Jahr in“ versammelt elf herausragende Comics und viele Informationen zu Stationen jüdischen Lebens in Deutschland. Dabei kann man viele unbekanntere Geschichten jüdischen Lebens kennenlernen.

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
                        Bald in der Luftwaffe? Eine amerikanische F-18 beim Katapultstart vom Flugzeugträger USS Carl Vinson

          Nukleare Teilhabe : Poker um den Atom-Bomber

          Nach der Einigung im Koalitionsvertrag muss entschieden werden: Sollen amerikanische Bomber oder deutsche Eurofighter in Zukunft die nukleare Teilhabe sichern?
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.