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Stiefvater angeklagt : Kindesmissbrauch und Entführung

Prozess im Landgericht Frankfurt: Ein Mann soll seine Stiefkinder missbraucht haben. Bild: dpa

Der Angeklagte bestreitet im Prozess die Vorwürfe, sich an seinen Stiefkindern vergangen zu haben. Mit seiner Frau zusammen hat das Paar seine gemeinsame Tochter vor den Behörden versteckt, nachdem ihm das Sorgerecht entzogen worden war.

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          Der Angeklagte schüttelt den Kopf. Wieder und wieder schnaubt er, winkt ab, dreht sich zu seiner Partnerin um. Sie, ebenfalls Angeklagte, sitzt im Landgericht Frankfurt eine Reihe hinter ihm, und auch sie ist offensichtlich empört über das, was im Lauf des Tages Zeugen über sie sagen. Die Anschuldigungen vor allem gegen den 53 Jahre alten Mann wiegen schwer. Seine zwei Stieftöchter werfen ihm vor, sie über Jahre hinweg sexuell missbraucht zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Tatzeitraum von 2009 bis 2017 aus, als die Mädchen zwischen neun und 16 Jahre alt waren. Die dem Mann vorgeworfenen Taten reichen vom Zeigen pornographischer Bilder bis hin zum Geschlechtsverkehr, bei dem sich das betroffene Mädchen die Decke über den Kopf gezogen haben soll, um die Situation zu ertragen.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die junge Frau, die heute 19 Jahre alt ist, vertraute sich vor drei Jahren erst einer Schulsozialarbeiterin und dann Jugendamtsmitarbeiterinnen an. Diese berichten vor Gericht unisono, nicht den leisesten Zweifel gehabt zu haben, dass die detaillierten Erzählungen des völlig aufgelösten Mädchens der Wahrheit entsprochen hätten. Übereinstimmend sagte sie demnach, die Übergriffe hätten mit dem Einsetzen der Pubertät begonnen. Vom anfänglichen Begrapschen der Brust habe es sich gesteigert, bis Geschlechtsverkehr zur Regel geworden sei. Der Stiefvater sei immer vor Klausurenphasen zu ihr gekommen und habe behauptet, der Geschlechtsverkehr mit ihm wäre gut für ihren Hormonhaushalt und würde zu besseren schulischen Leistungen führen. Auf diese und andere Weisen habe er sie manipuliert.

          Für den Angeklagten ist alles „dreist erfunden“

          Ebenfalls übereinstimmend berichten die Sozialarbeiterinnen, wie groß das schlechte Gewissen des Mädchens gewesen sei, ihren Stiefvater zu belasten. Immer wieder habe sie betont, wie lieb sie ihn habe, dass er immer für sie da sei und alles für die Familie tue. Die Rede ist auch von einer großen Angst, die Familie zu zerstören und die Mutter zu enttäuschen.

          Für den Angeklagten ist das alles „dreist erfunden“. Seine Erklärung: Es sei bekannt, dass die Stieftochter lüge und gerne Gerichte einschalte, um die Eltern irgendwelcher Straftaten zu bezichtigen. Dies sei in der Vergangenheit schon häufiger geschehen, auch zum Nachteil beider leiblicher Elternteile. Er vermutet daher, dass die Stieftochter ihn bestrafen will, weil sie über ihn verärgert war.

          Mutter lebt nach wie vor mit dem Angeklagten zusammen

          Die Mutter äußert sich am Donnerstag noch nicht. Die Sozialarbeiterinnen sind sicher, dass sie nicht an den Missbrauch glaubt. Jedenfalls lebt sie nach wie vor mit dem Angeklagten zusammen. Konsequenzen hatten die Vorwürfe dennoch. Die Stieftochter wurde kurz nach ihrem ersten Termin beim Jugendamt in Obhut genommen – und als die Staatsanwaltschaft Frankfurt 2019 Anklage gegen den Stiefvater erhob, geriet der nächste Stein ins Rollen.

          Denn: Er und die Mutter haben auch eine gemeinsame Tochter. Im selben Jahr der Anklageerhebung entzog das Familiengericht Bad Homburg ihnen das Sorgerecht. In dem Beschluss steht, dass das damals zwölf Jahre alte Kind mit „ziemlicher Sicherheit“ ebenfalls Opfer von Missbrauch werde und dies angesichts der bevorstehenden Pubertät jederzeit geschehen könne. Akzeptieren wollte der Vater dies nicht. Deshalb, so gesteht er es vor Gericht ein, fuhr er direkt nach der Gerichtsentscheidung zur Schule des Kindes, holte sie aus der Nachmittagsbetreuung und brachte sie zu Verwandten nach Neckarsulm. Weil die Mutter dabei war, ist sie in dem Verfahren ebenfalls angeklagt. Die Polizei fand den Aufenthaltsort jedoch schnell heraus, wodurch die Zwölfjährige noch am selben Abend in Obhut genommen wurde. Sie lebt in einer Jugendhilfeeinrichtung.

          Vor Gericht wird sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Sie wolle nicht gegen ihren Vater aussagen, heißt es in Schreiben ihres Anwaltes und ihrer Psychologin. Ihre Halbschwestern sollen am nächsten Prozesstag vernommen werden, allerdings wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Beide treten in dem Verfahren als Nebenklägerinnen auf.

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