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Neuer Orden gegründet : Missionsarbeit mit Pommesbude

Neuanfang zu fünft: die Steyler Missionsschwestern Anneliese Heine, Maria Müller, Adelajda Murlowska, Christine Müller und die Oberin Bettina Rupp (von links) Bild: Lukas Kreibig

Die Steyler Missionsschwestern, ein katholischer Orden, gründen mitten in der Großstadt eine neue Gemeinschaft. Abgeschieden zu leben ist nicht ihr Ding, im Gegenteil.

          Schwester Bettina mag Frankfurt. Die Großstadt hat sie gleich in den ersten Wochen für sich eingenommen. Denn dass in Frankfurt Arm und Reich so nah nebeneinander leben, das hat die Frau, die dieser Tage 50 Jahre alt wird und fast schon die Hälfte ihres Lebens als Nonne lebt, nicht erwartet, als sie Mitte Juni in die Stadt zog, um hier gemeinsam mit vier anderen Schwestern eine neue Kommunität der Steyler Missionsschwestern zu gründen. Ihrer Mission, diejenigen Menschen wieder in die Gemeinschaft zu holen, die aus ihr herausgefallen zu sein scheinen, „Milieus aufzubrechen“, fühlt sie sich trotz des ersten, guten Eindrucks in Frankfurt nicht entledigt.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine neue klösterliche Gemeinschaft mitten in Sachsenhausen. Die Schwestern haben die verwaiste Pfarrwohnung von Sankt Aposteln am Ziegelhüttenweg bezogen. „Eine solche Neugründung, das ist in der heutigen Zeit selten geworden“, teilt die katholische Pfarrgemeinde Sankt Bonifatius mit, zu der auch Sankt Aposteln gehört. Schwester Bettina bestätigt, dass der Altersdurchschnitt der insgesamt 310 Steyler Missionsschwestern in Deutschland bei 70 Jahren liegt. Der Orden hat in den vergangenen Monaten insgesamt fünf Gemeinschaften geschlossen, allerdings auch drei an neuen Orten gegründet, vor allen Dingen in Großstädten, darunter Berlin und Frankfurt.

          Erst Bankenlehre, danach Missionarin

          „Unser Auftrag ist, als Gemeinschaft zusammen mit der Gemeinde zu denjenigen Kontakt aufzunehmen, die am Rand der Gesellschaft leben, sie einzubeziehen“, sagt Schwester Bettina. Die Steyler Missionsschwestern, eine internationale katholische Ordensgemeinschaft mit weltweit mehr als 3100 Schwestern, folgen dem Leitgedanken, miteinander zu leben, zu beten und zu arbeiten.

          Schwester Bettina, die gebürtig Bettina Rupp heißt und aus dem Saarland stammt, hat eine Banklehre absolviert und Sozialarbeit in Berlin studiert, ehe sie über ein Jahr als sogenannte Missionarin auf Zeit zu den Steyler Missionsschwestern fand. Sie hat das Motto „mit leben, mit beten und mit arbeiten“ in bunten Farben im Flur der Wohnung an die Wand schreiben lassen. Jeder, der vorbeikommt, soll es lesen können.

          Der neugegründeten Kommunität in Sachsenhausen geht es also nicht um klösterliche Abgeschiedenheit, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte, sondern eher um das Gegenteil. Schwester Bettina nennt es: einen „sozial pastoralen Schwerpunkt“ setzen.

          „Man sieht mir meine Mission nicht an“

          Nicht, dass es Wohnungslosen, Flüchtlingen, psychisch Angeschlagenen oder Einsamen an Angeboten fehle, sagt Schwester Bettina. Es gebe sehr professionelle karitative Hilfe, „auch mit viel Herz“. Und es mangele auch nicht an Ordensgemeinschaften. Doch die Schwestern und die Pfarrei wollen insbesondere in ihrem Stadtteil einen noch stärkeren sozialen Schwerpunkt setzen, um auch die zu erreichen, „auf die man zugehen muss, die nicht von selbst kommen“.

          Das erste Kennenlernen der Gemeinde mit den fünf Nonnen hat längst stattgefunden. Das Nachbarschaftsfest sei ein großer Erfolg gewesen, viele seien gekommen. Schwester Bettina ist wie fast alle deutschen Ordensfrauen zivil gekleidet, nicht in Ordenstracht. „Man sieht mir meine Mission nicht an“, sagt sie lächelnd. Jetzt ist sie dabei, Ideen zu entwickeln, wie man am besten einen attraktiven Treffpunkt organisieren kann.

          Eine Art „Kirche der Armen“

          Eine „Pommesbude“ wäre vielleicht etwas, um die Kontaktaufnahme zu erleichtern, sagt sie. Sie kann sich aber auch gut vorstellen, mit einem Motorroller unterwegs zu sein, und darauf eine Art Café zu montieren. Es werde natürlich auch Wochenendseminare geben, ein kleines Jugendzentrum könnte sie sich ebenso vorstellen. Jeden Mittwoch um 19 Uhr gibt es bereits eine Gebetszeit. Das ehemalige Pfarrhaus direkt neben der Sankt-Aposteln-Kirche sei als Ort „einfach toll“.

          „Man braucht uns nicht als notwendiges Versorgungsangebot“, stellt Schwester Bettina fest. Doch die Gesellschaft brauche einen „menschlichen Beitrag für mehr Gemeinschaft“. Sie weiß, wovon sie redet, sie hat vor zehn Jahren in Mönchengladbach einen bis heute sehr erfolgreich funktionierenden Treffpunkt für Langzeitarbeitslose mitgegründet, eine Art „Kirche der Armen“ und dort bis zu ihrem Umzug nach Frankfurt an zentraler Stelle mitgewirkt.

          Auch in Frankfurt gibt es Elend

          Frankfurt, darunter hatte sie sich vorgestellt, dass die Menschen in den Bankentürmen, in diesen „Wahrzeichen des Kapitalismus, die Armut ,noch und nöcher‘ produzieren“, darauf dringen würden, eine heile, saubere Stadt um sich herum vorzufinden. Doch bei ihren ersten Erkundungstouren habe sie eine städtische Fixerstube, nur wenige Schritte von der Mainzer Landstraße entfernt liegend, entdeckt, dort, wo die Meile der prächtigen Glastürme beginnt. „Armut und Elend, das ist schwer auszuhalten“, sagt die Ordensfrau. Umso erstaunlicher findet sie es, dass Reiche und Arme in Frankfurt so dicht nebeneinander leben. „Und dass die Stadt das zulässt.“ In Berlin am Potsdamer Platz sehe man keinen einzigen Obdachlosen.

          Ob allerdings die Frankfurter tatsächlich diese „anderen“ auch wahrnähmen würden und sich nicht doch, wie so viele, abkapselten, das vermag Schwester Bettina noch nicht einzuschätzen.

          Als sie kürzlich zum ersten Mal zum Mittagessen für Obdachlose ins Kapuzinerkloster am Liebfrauenberg gegangen sei, habe ein Franziskaner ihr auf den Kopf zugesagt: „Sie gehören hier doch nicht her.“ Offenbar, schlussfolgert Schwester Bettina, sei man in Frankfurt von der Vision, dass beispielsweise bei einem Essen die unterschiedlichsten Menschen einer Stadt tatsächlich zusammenkommen, sich an einen Tisch setzen, doch noch weit entfernt.

          Die Gemeinschaft und ihre Gründer

          Ihren Namen haben die Steyler Missionsschwestern von der niederländischen Ortschaft Steyl, die unweit der Grenze zu Deutschland liegt. Im Jahr 1875 ging der damals 37 Jahre alte Priester Arnold Janssen aus Goch am Niederrhein dorthin, um das zu verwirklichen, was er wegen des Kulturkampfes in Deutschland nicht konnte: ein Ausbildungshaus und einen Orden für Missionare gründen.

          Am 8. September 1875 wurde das erste Missionshaus der Gesellschaft des Göttlichen Wortes, auf Latein Societas Verbi Divini, eröffnet. Genannt wurden die Ordensleute aber kurz „Steyler Missionare“. Bald interessierten sich auch Frauen für diese Arbeit.

          1889 gründete Janssen gemeinsam mit Helena Stollenwerk und Hendrina Stenmanns die Gemeinschaft der Dienerinnen des Heiligen Geistes, Servarum Spiritus Sancti, die Steyler Missionsschwestern. Fünf Jahre später kam noch eine kontemplative Gemeinschaft hinzu. Der Orden ist in vielen Ländern vertreten. Im Jahr 2003 wurde Janssen von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.

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