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Sterben der Videotheken : Kein bisschen Hollywood

  • -Aktualisiert am

Diversifikation: Ulrich Born in seiner Videothek in Rüsselsheim. Weil Filme allein nicht mehr reichen, sollen Chips, Lotto- und Reinigungsannahme helfen. Bild: Helmut Fricke

Ulrich Born war der Videotheken-König des Rhein-Main-Gebiets. 21 Filialen hatte er zu seinen besten Zeiten, heute sind es noch sechs. Eine Geschichte über den unaufhaltsamen Wandel der Zeit.

          Ein Fähnchen soll den Weg in eine Zukunft weisen, die ziemlich ungewiss ist, ungefähr so wie ein Lottogewinn. Harald Reinheimer schleppt an diesem Morgen eine Leiter. Er baut sie vor der Videothek Tomin in Rüsselsheim auf und friemelt an dem Fähnchen herum. „13 Millionen Euro“ steht dort noch, aber dieser Jackpot ist inzwischen geknackt.

          Reinheimer nimmt die Karte mit der Eins und der Drei heraus und schiebt eine Null und eine Eins hinein. Er leitet die Filiale in Rüsselsheim, noch vor ein paar Jahren hätte er nur Filme sortiert und Plakate aufhängt. Aber seitdem das Fähnchen vor dem Eingang der Videothek weht, muss er sich auch darum kümmern.

          Von 280 auf 75 Mitarbeiter

          Die Idee mit der Lottoannahmestelle hatte Ulrich Born, Reinheimers Chef. Er sieht ein wenig aus wie Kad Merad, der Hauptdarsteller von „Willkommen bei den Sch’tis“, einem Kinoerfolg aus Frankreich, der auch in Deutschland mehr als zwei Millionen Zuschauer in die Kinos lockte. Seit vielen Jahren treibt Born die Frage um, wie er seine Läden retten kann. Mit Komödien wie „Willkommen bei den Sch’tis“ allein kann er nicht mehr überleben. Er entschloss sich deshalb vor zweieinhalb Jahren dazu, sein Glück mit den sechs Richtigen zu versuchen.

          Borns Tomin-Videotheken gab es früher überall im Rhein-Main-Gebiet. Er war der König der Filme für einen Heimabend. Wenn „Titanic“ oder „Schulmädchenreport“ auf Videokassette herauskamen, stürmten die Menschen seine Läden. Zu Borns Reich zählten 21 Videotheken, 280 Mitarbeiter und eine Zentrale auf 500 Quadratmetern. Seine hellerleuchteten Filialen zogen die Filmbegeisterten an wie das Licht Motten. Es kamen die DVDs, die Leute kamen immer noch. Dann kam das Internet, und auf einmal kamen sie nicht mehr.

          Heute hat Born sechs Filialen mit 75 Mitarbeitern, die Zentrale gibt es nicht mehr. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis nur noch zwei oder drei gute Videotheken übrig bleiben. Wie seine Filiale in Darmstadt, wo viele Studenten hingehen und er die einzige verbliebene Videothek der Stadt ist. Oder in Rüsselsheim. Ein- bis zweimal in der Woche ist Born dort, wie an diesem Morgen, um zu sehen, wie sich seine Ideen entwickeln. Hier experimentiert er.

          Nicht mehr nur Filme

          Die Filiale liegt zwischen einem Laden der Tierbedarfskette Fressnapf und dem Drogeriemarkt dm. Das Schild über dem Eingang verblasst, weitläufig reihen sich in diesem Palast der neunziger Jahre Film an Film, als wäre „American Pie“ gerade erst auf Videokassette herausgekommen. Den dunkelblauen Teppich sprenkeln festgetretene Kaugummis.

          Draußen zwei Supermärkte, ein großer Parkplatz davor, an der Straße McDonald’s. Ein Einkaufszentrum wie aus einer amerikanischen Kleinstadt. Noch groß genug, um Filmfreunde anzulocken, aber ausreichend klein, damit Born all die Randgeschäfte abgreifen kann. Gäbe es im Areal einen Schreibwarenladen, hätte er nicht den Zuschlag für die Lottoannahmestelle bekommen. Gäbe es dort eine eigene Reinigung, hätte er wohl keine Annahme in seiner Videothek. Denn auch das probiert er dort aus. „Treffpunkt für gepflegte Leute“ steht auf einem Aufsteller draußen, 1,60 Euro kostet ein gewaschenes und gebügeltes Hemd.

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