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Stellenabbau : Dauerbaustelle Deutsche Börse

Stets die Gewinne im Blick: Vorstandschef Reto Francioni versucht, die Deutsche Börse unabhängiger vom Auf und Ab des Börsenhandels zu machen. Bild: Eilmes, Wolfgang

Schon wieder ist vom Abbau Hunderter Stellen bei der Deutschen Börse die Rede. Der Marktbetreiber kämpft mit sinkenden Umsätzen. Das Frankfurter Parkett verliert immer mehr an Bedeutung.

          3 Min.

          Die Deutsche Börse AG ist ein Phänomen. Mit operativen Gewinnmargen von gut 50 Prozent zählt der Frankfurter Kapitalmarktbetreiber zu den profitabelsten deutschen Unternehmen. Doch gleichzeitig gibt es kaum einen Konzern, dessen Vorstand seiner Belegschaft seit Jahren so viele Sparprogramme auferlegt, wie es Reto Francioni und seine Kollegen tun. Wenige Wochen vor der Vorlage der Bilanz 2012 ist aus Unternehmenskreisen nun abermals zu hören, die Belegschaft stehe vor harten Einschnitten. Das jüngste Sparprogramm „Excellence“ läuft noch bis Ende des Jahres, da ist schon wieder vom Abbau Hunderter Stellen die Rede - und zwar auf allen Ebenen.

          Tim Kanning
          (kann.), Wirtschaft

          Der Betriebsrat ist verärgert, dass er von den neuen Plänen in der Vorstandsetage wieder einmal aus der Zeitung erfährt, und beunruhigt. „Es kann nicht sein, dass beim Sparen immer die erste Idee ist, Stellen abzubauen“, sagte die Betriebsratsvorsitzende Irmtraud Busch gestern. Nächste Woche trifft man sich mit Francioni.

          Wenig Hoffnung auf alte Höchstwerte

          Die Deutsche Börse befindet sich im ständigen Umbruch. Vielleicht geht das auch gar nicht anders, wenn ein Unternehmen sein Geld auf einem so launigen Spielfeld wie dem Kapitalmarkt verdient. Um 24 Prozent sind die Umsätze allein auf dem vollelektronischen Handelssystem Xetra im vergangenen Jahr eingebrochen. Wurden im Spitzenjahr 2007 Börsengeschäfte im Wert von 2,4 Billionen Euro auf der Plattform aus Frankfurt getätigt, so waren es im vergangenen Jahr gerade noch 1,07 Billionen. Entsprechend weniger verdient der Marktbetreiber damit.

          Strukturelle Veränderungen am Kapitalmarkt geben wenig Hoffnung, dass die alten Höchstwerte einmal wieder erreicht werden. Für den jüngsten Rückgang macht man bei der Börse vor allem die neuen Regeln für Banken verantwortlich. Die meisten großen Häuser haben ihren Eigenhandel eingestellt, viele Geschäfte müssen mit mehr Kapital unterlegt werden, und hinzu kommt, dass die Privatanleger zuletzt auch eher zurückhaltend beim Aktienkauf waren. Schon länger leidet die Börse darunter, dass sich große Handelshäuser und Banken eigene, gemeinsame Plattformen aufgebaut haben, über die sie untereinander Wertpapiergeschäfte abwickeln. Die Deutsche Bank zum Beispiel macht viele ihrer Handelsgeschäfte inzwischen über die Londoner Plattform Turquoise, die sie 2008 gemeinsam mit acht anderen großen Investmentbanken gegründet hat. Während aber auf Xetra immer auch mal wieder bessere Jahre zu vermelden sind, ist der Niedergang der Handelsvolumina auf dem Frankfurter Parkett beständiger. Allein im vergangenen Jahr ist der Umsatz von 72,3 Milliarden auf 56,7 Milliarden Euro heruntergegangen (siehe Grafik). Die Zeiten, in denen die Händler im großen Handelssaal in der Frankfurter Innenstadt noch zumindest ein Viertel von dem umsetzten, was über die Computer läuft, sind lange vorbei. Daran hat auch die großangelegte Parkettreform im Mai 2011 wenig geändert. Mit dem Anschluss der Parkettmakler an das Xetra-System und der Öffnung des Frankfurter Handels auch für ausländische Händler hatten die Verantwortlichen der Frankfurter Wertpapierbörse eigentlich die Umsätze in die Höhe treiben wollen. Tatsächlich haben die Makler, die seit der Umstellung Spezialisten heißen, aber immer weniger zu tun.

          Keine Sentimentalitäten

          Der Bedeutungsverlust des Kassamarktes, zu dem Xetra und das Parkett gehören, wird nun auch personell manifest. Frank Gerstenschläger, der schon beim Aufbau der Deutschen Börse AG in den Neunzigern dabei war und seit 2007 im Vorstand diesen klassischen Börsenhandel verantwortete, verlässt im März das Unternehmen - auf persönlichen Wunsch, wie es heißt. Das Ressort Kassamarkt wurde schon zum Jahreswechsel Andreas Preuß zugeschlagen, der es nun neben dem für den Konzern inzwischen weit wichtigeren Geschäft mit dem Derivatehandel betreut. Zugleich hat auch Rainer Riess seinen Posten als Geschäftsführer der Frankfurter Wertpapierbörse abgegeben, Bereichsleiter Kassamarkt ist nun Martin Reck. Damit sind gleich zwei der bekanntesten Gesichter der Börse in Frankfurt abgetreten.

          Doch für Sentimentalitäten hat man in dem schnelllebigen, auf die weite Welt ausgerichteten Konzern seit jeher wenig übrig. Das ist spätestens mit dem Umzug von Frankfurt ins steuergünstige Eschborn deutlich geworden. Francioni hat immer zuerst die Gewinne im Blick. Seit er 2005 die Führung des Konzerns übernommen hat, versucht er ihn unermüdlich unabhängiger vom wechselvollen Handelsgeschäft zu machen. Auch von den neuen Regularien für Banken würde das Unternehmen gerne profitieren, etwa indem es das Clearing, also die sichere und verlässliche Verrechnung, von bestimmten Handelsgeschäften ausbaut.

          Spaß am Wettbewerb

          Auch sonst hatte man bei der Börse gehofft, die Bestrebungen der Politik, den Kapitalmarkt sicherer zu machen, würden mehr Handel aus den Hinterzimmern der Banken auf die streng regulierten und beaufsichtigten Plattformen der Börse verlagern. Bislang laufen die Pläne der Politik der Börse aber eher zuwider. Sowohl die Einführung einer Finanztransaktionssteuer in einigen, aber nicht allen EU-Ländern als auch die geplanten Einschränkungen für den Hochfrequenzhandel dürften die Umsätze auf den Börse-Plattformen weiter sinken lassen.

          Verzagt zeigt sich Francioni aber nie. Nicht einmal die Absage seiner lange verfolgten Wunschfusion mit der New Yorker Börse durch die EU hat ihm nachhaltig die Laune verderben können. Nun sucht die Börse eben ihr Glück mit Kooperationen in Asien. Und vielleicht will die New York Stock Exchange bald ihre europäische Mehrländerbörse Euronext wieder verkaufen. Auch wenn die Eschborner dafür bislang wenig Interesse zeigen, Aufsichtsratschef Joachim Faber ließ vorige Woche mit vielen Konjunktiven wissen, dass man einen Kauf prüfen würde.

          Dass Francioni durchaus Spaß am Wettbewerb mit der Konkurrenz in aller Welt hat, zeigte seine kämpferische Rede auf dem Neujahrsempfang der Börse vor zehn Tagen. Auch wenn der Adressat etwas unbestimmt blieb, rief er seinen Gästen zu: „Wir greifen an!“

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