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Steinmetz-Handwerk : Ein Stück Erdgeschichte, auch mit QR-Code

  • -Aktualisiert am

Tradition: Auch für die Familie Neckermann hat Hofmeister schon Naturstein kunstvoll bearbeitet Bild: Norbert Müller

Der Frankfurter Familienbetrieb Hofmeister arbeitet seit 150 Jahren mit Naturstein. Er spürt aber den Wandel der Trauerkultur an der Nachfrage: „Das Material ist kein Selbstläufer“

          Eine Reise vom Mittelpunkt der Erde hinauf nach oben liegt zwar nicht hinter ihm. Aber der Rohstoff, mit dem der Familienbetrieb Hofmeister aus Frankfurt-Fechenheim arbeitet, entsteht schon im Erdinneren. Um es genau zu sagen: etwa 100 Kilometer unter unseren Füßen. Ein weiter Weg, den Naturstein zurücklegen muss, zumal in diesen Tiefen der Erdmantel fest ist und nur punktuell unter großen Temperaturen und Drücken schmilzt. Wer Naturstein nutzt, hat also ein Stück Erdgeschichte vor sich, sagt Matthias Hofmeister, Geschäftsführer des Steinmetzbetriebes. Denn nur in einigen Fällen steigt das breiige Mineral bis in Reichweite des Menschen auf.

          Aus nach oben befördertem Erdmantel-Material fertigt der Betrieb Grabdenkmäler, er arbeitet aber auch für die Baubranche und restauriert brüchige Natursteine. Seit 150 Jahren gibt es die Firma aus dem Osten der Stadt.

          1864 gründete Ferdinand Hofmeister die Firma, er ist der Ururgroßvater des heutigen Geschäftsführers. Damals lag der Betrieb noch an der Eckenheimer Landstraße, direkt neben dem Jüdischen Friedhof und dem heutigen Hauptfriedhof Frankfurts. Inzwischen steht dort die Deutsche Bibliothek. Der Markt für Grabmäler aus Naturstein war seit jeher zuverlässig. Besonders gefragt war Naturstein in der Zeit des Nationalsozialismus, NS-Architekt Albert Speer plante gewaltige Muschelkalk-Bauwerke. Doch profitiert habe Hofmeister in Frankfurt davon nicht, heißt es – eigentlich war dieser unrühmliche Aufwind der Branche mehr um Nürnberg zu verorten. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre waren auch für den Betrieb Hofmeister schwierig, die Firma lag nach 1945 im Sperrgebiet, und es war nicht einfach, auf das Gelände zu gelangen. Matthias Hofmeister erzählt auch von einem alten Arbeiter, der damals von Neu-Isenburg nach Frankfurt zu Fuß gelaufen ist – eine Strecke von zwei Stunden. Tag für Tag, hin und zurück.

          Die Gründung der Bundesrepublik folgte. An jene Tagen erinnert in der Werkstatt der Steinmetze ein weißer Adler an der Wand – auch ein Stück Frankfurter Geschichte. Seinerzeit stand Frankfurt als Hauptstadt zur Debatte. Angesichts dieser Aussicht suchte die Stadt Entwürfe für das Wappentier – einen von diesen Entwürfen hat Hofmeister gefertigt. In den sechziger Jahren kamen viele Gastarbeiter in die Firma, die Mitarbeiterzahl wuchs auf 70. Heute stehen noch 14 Arbeiter hinter den Maschinen. Woran das liegt? Matthias Hofmeister erklärt es sich zum einen mit der Technisierung. So war in den sechziger Jahren der Gabelstapler eine große Erleichterung. Davor bewegten die Steinmetze die schweren Blöcke per Dreifuß. Zum anderen erlebe die Grabmalpflege, bisher ein sicherer Markt für die Branche, einen Wandel: „Mehr anonyme und auch alternative Bestattungen lösen die Gräber im klassischen Sinne ab.“ Generell wandele sich die Trauerkultur: Die Menschen trügen kein Schwarz mehr, mit dem Thema Tod gingen sie unauffälliger um. Das Grabmal werde zum Kostenfaktor, statt ein Ort des Gedenkens zu sein.

          Heute ist Hofmeister mit den 14 Mitarbeitern der größte Betrieb seiner Art in Frankfurt. Seit fünf Generationen liegt er nun in Familienhand, für Matthias Hofmeister schwingt Stolz auf die lange Geschichte mit. Für viele namhafte Frankfurter hat die Firma Steine bearbeitet: für Gräber vieler Frankfurter Oberbürgermeister, aber auch für Bauprojekte fast aller Banken der Stadt oder für die Familie Neckermann.

          Vielleicht ist es eine Art Berufskrankheit, aber der Steinmetzmeister geht gern über Friedhöfe und schaut sich dort Gräber an. Und wird es immer einen Markt für das alte Gestein geben? „Das Material ist kein Selbstläufer“, glaubt Hofmeister, „aber es wird immer Bedarf geben, solange die Qualität stimmt.“ Der Markt werde sich weiter wandeln, Naturstein ist heutzutage erschwinglicher. Das Angebot wird vielfältiger. Aber auch so ein „Produkt, das mit Würde altert“, ist nicht vor Trends gefeit. Mittlerweile verlangten Kunden auch Steine mit eingravierten QR-Codes, die eingescannt dann zu einer Homepage führen. Derzeit sind warme Farben und matte Flächen im Kommen. Ein Stück Erdgeschichte bleiben sie trotzdem.

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