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Steinmeier in Frankfurt : Baklava für den Bundespräsidenten

Bundespräsident trifft Bürger: Frank-Walter Steinmeier will in Frankfurt offen über Integrationspolitik diskutieren. Bild: dpa

Im Frankfurter Salon will Frank-Walter Steinmeier mit kritischen Bürgern offen über Integrationspolitik diskutieren. Der Bundespräsident möchte herausfinden, wie und ob sich das Zusammenleben in Frankfurt verändert hat.

          Der lange, schwere Holztisch, das Herzstück des Cafés Frankfurter Salon, muss weichen. Er ist zu klein für die Gesellschaft, die hier am Donnerstag Platz nehmen soll. Also wird er ausgetauscht. Gegen eine noch längere, noch massivere Tafel, an der 25 Menschen sitzen können. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht am Donnerstag gemeinsam mit seiner Frau Elke Büdenbender Frankfurt, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Stadt mit den Herausforderungen der Zuwanderung umgeht. Steinmeier will durch die Begegnung mit Polizisten, Ehrenamtlichen und Bürgern herausfinden, wie und ob sich das Zusammenleben in der internationalen Stadt in den vergangenen Jahren verändert hat.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dafür informiert er sich am Vormittag über das Thema „Sicherheitslage, Kriminalität und Präventionsmaßnahmen im Kontext von Zuwanderung“ im Polizeipräsidium, lässt sich am Mittag das Integrationsprojekt „Milena“ zeigen, und wird am Nachmittag mit geladenen Bürgern an der für den Besuch verlängerten Kaffeetafel im Frankfurter Salon Platz nehmen.

          „Themen ehrlich auf den Tisch bringen“

          Dort bleibt man angesichts des Besuchs gelassen. „Es kommen 25 Leute. Da sind wir einen ganz anderen Ansturm gewöhnt“, sagt Melanie Haas, Projektleiterin des Frankfurter Salons. Das Café ist eine Einrichtung des Vereins Soziale Heimstätten. Hier arbeiten Menschen, deren Lebenslauf „etwas schwierig“ ist, wie Haas es ausdrückt. In einem Café, in dem Menschen bedienen, die lange Zeit von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, verbietet sich eine besondere Behandlung einzelner Gäste fast schon von allein. Selbst dann, wenn es sich um den Bundespräsidenten handelt. Und so wird für die Belegschaft des Frankfurter Salons der Donnerstag ein Tag wie jeder andere sein. Zumindest fast. „Die Sicherheitsvorkehrungen sind schon andere“, sagt Haas. Eine Delegation habe den Betrieb schon vor einigen Wochen genau in Augenschein genommen. Das Café bleibt für den Publikumsverkehr am Nachmittag geschlossen. Zutritt haben nur geladenen Gäste. Eine Extrawurst, oder besser gesagt, ein Extragebäck, gibt es dann aber doch für den hohen Besuch. „Wie haben zusätzlich Baklava bestellt“, sagt Haas.

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          Wer zu den geladenen Gästen gehört, daraus macht das Organisationsbüro, das den Besuch Steinmeiers koordiniert, ein Geheimnis. „Bürger aus Frankfurt“ verrät eine Sprecherin. Auf Nachfrage fügt sie hinzu: „Kritische Bürger“. Solche, die sich irgendwann in den vergangenen Monaten in einem Brief an den Bundespräsidenten gewandt haben, um ihm vom Leben in einer Großstadt zu berichten, in der sie sich nicht mehr sicher fühlen. Bürger, die die Integrationspolitik offen kritisieren und bereit sind, kontrovers darüber zu diskutieren. „Es geht darum, die Themen ehrlich auf den Tisch zu bringen“, so die Sprecherin weiter.

          Sicherheit, Prävention und Integration

          Außerdem werden an der Tafel Bürger Platz nehmen, die sich entweder ehrenamtlich oder beruflich mit dem Thema Integration beschäftigen, die „von den Licht- und Schattenseiten berichten können“. Steinmeier, der zum ersten Mal im August eine Kaffeetafel im Schloss Bellvue gedeckt hatte, lud im November zu einer ähnlichen Veranstaltung nach Chemnitz ein. Nun ist Frankfurt an der Reihe. „Weil Frankfurt exemplarisch ist für eine Großstadt, die vor großen Herausforderungen steht.“ Wieso dann nicht Berlin, München oder Köln? Ebenfalls Städte, die von Zuwanderung geprägt werden, in denen Themen wie Sicherheit, Prävention und Integration kontrovers diskutiert werden. „Frankfurt hat diese Herausforderungen angenommen“, beeilt sich die Sprecherin zu sagen. „Es ist auch eine Würdigung dessen, was hier geleistet wird.“

          Dass Steinmeier ausgerechnet nach Frankfurt kommt, nachdem Ermittlungen gegen mutmaßlich rechtsextreme Polizeibeamte für Schlagzeilen gesorgt hatten, sei ein Zufall, so die Sprecherin. Der Besuch sei schon länger geplant „Aber das Thema wird eine Rolle spielen. Davon können sie ausgehen.“

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