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Steigende Mieten : Häuserkampf um knappe Ressourcen

  • -Aktualisiert am

Tausende demonstrierten 2018 in Frankfurt gegen Spekulationen und Wohnungsmangel; seitdem hat sich die Lage in der Stadt sogar noch zugespitzt. Bild: dpa

Immer mehr Menschen gehen wegen steigender Mieten und Luxussanierungen auf die Barrikaden. Ein Beispiel zeigt, was passiert, wenn der Wohnungsmarkt zum Schlachtfeld wird.

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          Kai Schönbach nennt es „Politik der kleinen Nadelstiche“. Abgerissene Klingelschilder, Müll in Briefkästen, abgestelltes Warmwasser, angekündigte Arbeiten, die nie durchgeführt werden. Später dann Briefe mit Modernisierungsplänen, Dauerbaustelle, Lärm, Dreck, Schikane und verbale Drohungen. Das haben dem Leiter der städtischen Stabsstelle Mieterschutz Bewohner mehrerer Immobilien, die der Frankfurter Investor Niko B. aufgekauft hat, berichtet. Für Schönbach ist eindeutig: Altmieter werden aus ihren Wohnungen verdrängt, um diese dann teuer zu modernisieren und an neue Käufer zu veräußern.

          „Fix and Flip“ – Aufwerten und Verkaufen – nennt sich jener Prozess in der Szene, Jurist Schönbach spricht vom „Klima der Angst“. Mieter aus sechs Häusern von B. haben sich zusammengetan, sie alle berichten von ähnlichen Vorgängen in und um ihre Häuser. Viele sind verunsichert, einige wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. Alexander Sdrakas, der im Stadtteil Sachsenhausen wohnt, ist einer, der sich öffentlich wehrt. Die meisten seiner ehemaligen Nachbarn seien bereits weggezogen; „vertrieben“ und „rausgeekelt“. „Es ist nicht so, als könnte ich mir keine andere Wohnung leisten“, sagt Sdrakas. Er wolle sich das Vorgehen des Vermieters einfach nicht gefallen lassen. „Es geht ums Prinzip.“

          Vom Arbeiterviertel zum Trendbezirk

          Wenn Wohnraum zur lukrativen Ware wird, werden Menschen zum Kostenfaktor degradiert. Können oder wollen sie sich eine erhöhte Miete nicht leisten, werden sie zum Hindernis, das es aus dem Weg zu räumen gilt. Gentrifizierung und Entmietung sind in Frankfurt nichts Neues. Das, was Mieter wie Sdrakas berichten, ist ein bekanntes Muster, das sich in der ganzen Stadt beobachten lässt. Schon vor Jahren haben sich Stadtteile wie das Gallus, das Bahnhofsviertel oder das Ostend gewandelt. Waren sie einst als Hotspot für Kriminalität, als sozialer Brennpunkt oder industriell geprägtes Arbeiterviertel verrufen, sind sie heute die „angesagten Trendbezirke“, wie auf einschlägigen Vermarktungs-Webseiten zu lesen ist.

          An der von Rotlicht und Drogen geprägten Taunusstraße im Frankfurter Bahnhofsviertel etwa kann man nun für 1500 Euro monatlich ein Einzimmer-Apartment mieten. Im Gallus laufen Mieter und Lokalpolitiker Sturm gegen das börsennotierte Unternehmen Vonovia – durch Modernisierung sei die Miete derart angestiegen, dass einige Mieter ausziehen müssten; die Häuser liegen im Milieuschutzgebiet. Im Ostend bekommt die Nachbarschaftsinitiative NBO regen Zulauf, die Mietern Rechtshilfe bietet – mit Erfolg: Einzelne Räumungsklagen nach Eigenbedarfskündigungen wurden vom Amtsgericht bereits abgewiesen.

          Doch es sind nicht nur die ehemaligen Problembezirke, die eine erhebliche Aufwertung erlebt haben. So organisierte unlängst die SPD eine Tour durch das bürgerliche Westend, um auf „Gentrifizierung und spekulativen Leerstand“ aufmerksam zu machen. Nirgends ist in Frankfurt die Kaufkraft höher als im Westend, nirgends leben mehr Millionäre. „Bereits wohlhabende Bevölkerungsschichten werden durch noch wohlhabendere ausgetauscht“, heißt es seitens der Partei.

          5090 Euro je Quadratmeter für eine Wohnung

          Dazu passen Meldungen über erneut gestiegene Wohnungspreise, die der Presse beinahe wöchentlich zu entnehmen sind. Nur zwei der aktuellsten Beispiele: Trotz gestiegener Bautätigkeit zahlten Käufer in Frankfurt im ersten Halbjahr 2019 durchschnittlich 5090 Euro je Quadratmeter für eine Wohnung, was einem Anstieg von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Bei Neubauwohnungen und Einheiten in Altbauten wurden im Schnitt 6900 Euro je Quadratmeter fällig, wie der Gutachterausschuss für Immobilienvertreter ermittelt hat. Das ist ein Plus von 30 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017.

          Noch stärker gingen die Mieten nach oben: „Im gesamtstädtischen Durchschnitt sind die Mieten in den vergangenen zehn Jahren um 44,6 Prozent gestiegen“, so ein Fazit einer Studie des Hausverwalters Immo Concept. Bedingt durch niedrige Baukredit-Zinsen und den nach wie vor starken Nachfragedruck werde sich dieser Trend mittelfristig fortsetzen.

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