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Trauer durch Boxen verarbeiten : Das Comeback der Hartmanns

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Der Schwergewicht-Hessenmeister, Haris Papst (links), im Jahr 2018 mit seinem Trainer Stefan Hartmann (Mitte) und Vereinskollege Kevin Keim. Bild: Privat

Der deutsche Schwergewichtsmeister, Reiner Hartmann, hat sich 2003 in Florida getötet. Sein Bruder, Stefan Hartmann, trainiert ein hessisches Boxtalent. Das hilft ihm, seine Schicksalsschläge zu verarbeiten.

          Ein junger Hüne wird beim Finale der hessischen Amateur-Boxmeisterschaften am Sonntag (13 Uhr) in der Frankfurter Fabriksporthalle in der Wächtersbacher Straße zunächst mit seiner Körpergröße auffallen. Klitschko-Maße: zwei Meter, 98 Kilogramm, aber noch 17 Jahre jung. 13 Kämpfe, 12 Siege, zuletzt Ende Mai Gewinner des ersten Karl-Mildenberger-Gedenkpokals in Kaiserslautern im Super-Schwergewicht.

          Haris Papst-Vejselovic war schon im vergangenen Jahr als Anfänger Hessen- und Südwestmeister. Eine Schulterverletzung verhinderte jedoch die Teilnahme an den deutschen Meisterschaften. Der riesige Kerl dürfte am Sonntag auch durch sein Talent auf sich aufmerksam machen. Die eingefleischten Frankfurter Boxfreunde aber werden sich vor allem für seinen Trainer in der Ringecke interessieren: Stefan Hartmann.

          Der 17 Jahre alte Meisterboxer Haris Papst hält sich fit, indem er Holz hackt.

          Hartmann? Das ist doch der Name aus der hiesigen Boxsportszene der siebziger und achtziger Jahre, der eine tragische Familiensaga auf einmal wieder gegenwärtig werden lässt. Reiner Hartmann, Stefans acht Jahre älterer Bruder, deutscher Schwergewichtsmeister bei den Amateuren 1979 im Trikot von Eintracht Frankfurt und bei den Profis als Zögling des legendären Ali-Trainers Angelo Dundee von 1983 bis 1985, erschoss sich vor 16 Jahren in Florida, am 7. April 2003, wenige Stunden vor seinem 45. Geburtstag.

          „Boxen fit durchs Leben“

          „Kurzschluss eines Verzweifelten“, vermutete damals sein bester Freund, der Frankfurter Meister-Friseur Bernd Schrader. Die neue Lebensgefährtin hatte Reiner Hartmann vor die Tür gesetzt. Die Tür zurück zur geschiedenen Ehefrau Jacqueline und den beiden Töchtern Tiffany, damals 18, und Amber, 15, blieb verschlossen.

          Bei Reiner Hartmann hatte nicht funktioniert, was auf dem Logo des von Stefan Hartmann 2017 gegründeten Vereins mit dem anspruchsvollen Namen Bruchköbeler Box Akademie (B.B.A) steht: „Boxen fit durchs Leben“. Dieses Motto hat sich Stefan Hartmann, zusammen mit seiner Frau Sabrina ein erfolgreicher Unternehmer in der Logistikbranche, selbst verordnet. „Mit dem Boxen geht mein Herz wieder auf, gibt mir Kraft und Mut“, sagt der 54-Jährige. Denn der Selbstmord des geliebten Bruders sollte nicht der einzige tödliche Schicksalsschlag bleiben. „Die Hartmanns“ ist ein erschütterndes Familiendrama mit zwei Suiziden und einer Drogen-Toten.

          Wie sein Vater Lothar und sein Bruder Reiner lernte auch Stefan Hartmann bei der Eintracht Boxen. Nach sieben Siegen, davon sechs durch K.o., traf ihn selbst der K.-o.-Schlag eines Engländers beim Duell Hessen gegen London. Schluss! Statt weiterhin dem großen Bruder nachzueifern, konzentrierte sich Stefan Hartmann fortan voll und ganz auf eine berufliche Existenz, eine Montagefirma für Möbel.

          Schicksalsschläge seiner Familie endlich verkraftet

          Tochter Selina lernte beim TFC Steinheim Boxen und Haris kennen. Stefan Hartmann, der 2016 die Trainerlizenz beim Hessischen Box-Verband erwarb, trainiert seitdem den künftigen Schwiegersohn in seinem eigens in einer Lagerhalle eingebauten Boxstudio vom Feinsten mit Ring und modernstem Gerät. Selina und Haris sind offiziell verlobt und wollen in zwei Jahren heiraten. Dann will auch die junge Schwergewichtshoffnung den sperrigen Doppelnachnamen aufgeben und fortan Haris Hartmann heißen.

          Haris wurde in Deutschland geboren, die Mutter (Papst) ist eine Deutsch-Russin, der Vater Serbe. Die Eltern leben getrennt, der Sohn seit 18 Monaten bei den Hartmanns und macht eine Ausbildung als Kaufmann. Doch Hessens jüngster Boxverein mit dem modernsten „Gym“ besteht nicht nur aus Stefan Hartmanns Ziehsohn Haris. Der Chef trainiert mittlerweile ein Dutzend meist jugendlicher Boxer. Kevin Keim, Bruchköbeler „Eigengewächs“, muss am Sonntag seinen Juniorentitel im Halbschwergewicht verteidigen. Außerdem gibt es bei der B.B.A eine Abteilung für Hobby-Boxer und -Boxerinnen, die sich aber allenfalls nur im Sparring schlagen und keine Kämpfe bestreiten wollen. Um die dreißig Kunden folgen dem Trend „Fit durch Boxen“.

          Stefan Hartmann hat durch sein spätes „Comeback“ im Boxen die Schicksalsschläge seiner Familie endlich verkraftet. Kürzlich hat „Jackie“ ein Foto von einem Knirps mit grünen Boxhandschuhen aus einem „Gym“ in Miami Beach gepostet. „Next World Boxing Champ! Xavian Hartmann“. Das Foto des kleinen Xavian bestärkt Stefan Hartmann ebenso wie die Plakate von Reiners Kämpfen an den Wänden der Trainingsräume – zwischen Postern von Max Schmeling und Muhammad Ali, Mike Tyson und Henry Maske, Evander Holyfield und Anthony Joshua – in seinem Gefühl, „mein Vater und mein Bruder leben in meinem Herzen und in meinem Kopf weiter und sind immer da“.

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