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Frankfurt Alt-Sachsenhausen : Investor in der No-go-Area

„Alt-Sachsenhausen braucht Ruhe, Gemütlichkeit - und ein bisschen Glanz“: Immobilienentwickler Steen Rothenberger will, dass sich das Viertel ändert. Bild: Michael Kretzer

Wohl kein Stadtviertel hat ein peinlicheres Image als Alt-Sachsenhausen. Immobilienentwickler Steen Rothenberger schreckt das nicht ab. Er will neuen Glanz für die Partymeile.

          6 Min.

          „Ficken 1,50 Euro“ steht auf dem Pappschild im Kneipenfenster. Gemeint ist ein Beerenlikör mit 15 Prozent Alkohol. Doch nicht nur der ist dort zum Schnäppchenpreis zu bekommen. Für einen Jägermeister-Shot oder einen Tequila zahlt man sogar bloß einen Euro, die beliebte Mischung aus Energydrink und Wodka gibt es für zwei Euro. Das ist Alt-Sachsenhausen: ein Dorado für Komatrinker, ein Revier für junge Männer mit zu viel Testosteron, die Laufroute für unzählige Junggesellenabschiede. Die Läden heißen „Kleine Hölle“, „Mega Disco Stadl“ und „Oberbayern“.

          Alexander Jürgs

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Wochenende zeigt die Polizei Dauerpräsenz, um Schlägereien zu verhindern. Oft gelingt es ihr trotzdem nicht. Alt-Sachsenhausen, eine Handvoll kopfsteingepflasterter Straßen zwischen Mainufer und Affentorplatz, ist ein Viertel, das viele längst aufgegeben haben, in das sie seit Jahren keinen Fuß mehr gesetzt haben. Überall blinkt es in Neonfarben, die hölzernen Fensterläden und Türen der Kneipen sind übersät mit Graffiti, jeder zweite Laden scheint eine Shisha-Bar zu sein. Es ist eine No-go-Area für Leute mit gutem Geschmack.

          Ohne Randale perfekte Kulisse

          Wer unter der Woche und tagsüber kommt, findet die Gegend wie leergefegt vor. An der Ecke, wo die Frankensteiner Straße auf die Große Rittergasse trifft, liegt das Hotel „Libertine Lindenberg“. Vor gut einem Jahr ist es eröffnet worden, zwischen Karaoke-Bar, Piercing-Studio und Shisha-Lounge wirkt es wie ein Fremdkörper. Die Sonne fällt ins Foyer, das „Wohnzimmer“ genannt wird und mit Designermöbeln bestückt ist. Auf der Bar-Theke stehen frischgebackene Kuchen, die wuchtige Edelstahl-Kaffeemaschine gibt das typische Geräusch, das entsteht, wenn ein Espresso aufgebrüht wird, von sich. Dazu läuft Folkpop.

          An einem der Bistrotische sitzt Steen Rothenberger, dem das Haus gehört. Wenn er über Alt-Sachsenhausen redet, gerät er ins Schwärmen. Rothenberger spricht dann über die historische Bausubstanz, über die Nähe zum Main, zur Innenstadt. Gemütlich, urig und kleinteilig: Das sind die Begriffe, die er wählt, wenn er das Quartier beschreibt, das als Frankfurts Ballermann gilt.

          Rothenberger will, dass das Viertel sich ändert. Es braucht Ruhe, findet er. Und wieder mehr Gemütlichkeit. Und auch ein bisschen Glanz. Den will der Immobilienentwickler mit seinen Projekten bringen. Rothenberger, 38 Jahre alt, spricht ruhig und druckreif. Er trägt Jeans, einen feinen Strickpullover, Vollbart und Seitenscheitel. Er sagt: „Gäbe es die Aggressionen und die Randale nicht, dann wäre Alt-Sachsenhausen die perfekte Kulisse, um Kinder großzuziehen.“

          Einzigartiges Bar-Konzept

          2015 hat er sein erstes Projekt in dem Viertel realisiert, eine Mischung aus Wohnhaus, Atelier, Galerie und Coworking-Space. Weil der, der zuerst eingezogen ist, ein Fotograf war, taufte Rothenberger die Immobilie an der Kleinen Rittergasse „Der kleine Mann mit dem Blitz“. 2016 folgte das Boutique-Hotel „Libertine Lindenberg“, ein Ableger des „Lindenberg“-Hotels, das Rothenberger im Ostend entstehen ließ. Sein jüngstes Projekt in Alt-Sachsenhausen ist das „Bonechina“, eine wohnzimmergroße Bar in einem barocken Fachwerkbau aus dem 18. Jahrhundert. Bevor das Lokal vor ein paar Wochen öffnete, waren dort ein Dönerimbiss und eine Heavy-Metal-Kneipe zu finden.

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