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Ökosystem betroffen? : Biologenstreit über Kampf gegen Stechmücken

Ungefährlich: Diese Stechmücke hat zugestochen. (Symbolbild) Bild: dpa

Aktuell finden Stechmücken gute Bedingungen für das Legen ihrer Larven vor. Naturschützer wollen die „Schnaken“ mit einem biologischen Wirkstoff bekämpfen. Mit negativen Auswirkungen auf das Ökosystem?

          Die Kühkopf-Knoblochsaue bei Stockstadt am Rhein ist ein Paradies für Stechmücken. Sie legen ihre Larven am liebsten in den Auen des Naturschutzgebietes. Denn je feiner die Gewässer verästelt sind, desto weniger Gefahr droht von Fischen, die sich unter anderen von Mückenlarven ernähren.

          Aktuell finden die landläufig „Schnaken“ genannten Tiere gute Bedingungen vor. Ein hoher Wasserstand spülte Ende Mai die Larven in die Auen. Statt von einer Plage spricht Peter Hahn vom Naturschutzzentrum Kühkopf aber nur vom „Normalzustand“. Ungewöhnlich seien die vergangenen beiden Jahre gewesen, in denen es wegen Trockenheit kaum Stechmücken gegeben habe. „Die Leute sind die Mücken nicht mehr gewohnt“, meint Hahn. Nichtstun ist für ihn dennoch keine Lösung. Die Naturschützer gehen auch in den geschützten Auen gegen die Mücken vor. Dafür stehen der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) von Sonntag an wieder zwei Hubschrauber zur Verfügung. Wie berichtet, mussten die Flüge zwei Wochen lang ausfallen, weil ein Hubschrauber ausbrannte und ein anderer abstürzte.

          Studie übt Kritik am Wirkstoff

          Warum wird die Stechmücke ausgerechnet im Naturschutzgebiet bekämpft? „Eine gute Frage“, sagt Umweltpädagoge Hahn. Entscheidend sei die Bevölkerung in den Siedlungen unmittelbar um den Kühkopf. Sie wolle man vor Mückenstichen bewahren. Dafür wirft die Kabs von ihren Hubschraubern aus den biologischen Wirkstoff BTI ab. Die Eiweiße des Bacillus thuringiensis israelensis töten die Mückenlarven im Wasser ab. Hahn sagt, dass BTI ausschließlich die Stechmücken bekämpfe. Negative Auswirkungen auf das Ökosystem seien ihm nicht bekannt.

          Das will Carsten Brühl so nicht stehen lassen. Der Biologe der Universität Koblenz-Landau veröffentlichte jüngst eine Studie, die sich mit den Folgen der Stechmückenbekämpfung beschäftigt. Sein Team habe in Freilandversuchen herausgefunden, dass BTI nicht nur die Stechmücken, sondern auch 50 Prozent der nicht stechenden Zuckmücken töte. Diese seien als Nahrung für Fledermäuse, Libellen und Vögel ungeheuer wichtig, sagt Brühl. Er schlägt vor, den BTI-Einsatz in Naturschutzgebieten versuchsweise auszusetzen. Die Mücken belästigten die Menschen vor allen in den Gärten. Dort müsse man ansetzen und nicht im Ökosystem. Zudem sei die Bevölkerung durchaus bereit, mehr Stechmücken außerhalb ihrer Wohnumgebung zu tolerieren.

          Stiche sind nicht gefährlich

          Als „völligen Unfug“ bezeichnet dagegen Kabs-Direktor Norbert Becker die Landauer Studie. Er wirft Brühl methodische Fehler vor. Die untersuchten Frösche seien nicht wegen BTI, sondern wegen hoher Wassertemperaturen gestresst gewesen. Brühl entgegnet, dass nicht seine, sondern die „Gegenstudie“ Beckers unter realitätsfernen Bedingungen stattgefunden habe. Wassertemperaturen von 15 Grad Celsius finde man in Zentralschweden, aber nicht im Hochsommer am Oberrhein vor.

          Die beiden Biologen erheben gegenseitig schwere Vorwürfe: Brühl stehe dem Naturschutz nahe und sei an der Stechmückenbekämpfung nicht interessiert, sagt Becker. Der Landauer Forscher bezeichnet dagegen die Kabs-Studie als „Auftragsforschung“. Dahinter vermutet er nicht nur den Auftrag der Kabs als Schädlingsbekämpfer, sondern auch wirtschaftliche Interessen ihres Direktors. In der Tat ist Becker alleiniger Gesellschafter der Culinex Becker GmbH in Ludwigshafen, die BTI-Tabletten im Internet verkauft.

          Deutlich gelassener sind die Menschen in den von den Mücken besiedelten Gebieten. „Die Lage ist angespannt, aber nicht unerträglich“, sagt Peter Bärwinkel. Er ist Kinderarzt in Lampertheim in der Nähe des Naturschutzgebiets Biedensand. Er sei froh, dass die Hubschrauber wieder starten könnten, sehe aber keinen Grund zur Panik. Bärwinkel rät den Eltern seiner Patienten, sich Moskitonetze und Mückenstecker zuzulegen. Und auch lange Kleidung schütze vor den lästigen, aber die Gesundheit nicht gefährdenden Stichen.

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