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„Staufreies Hessen“? : Der Dauer-Kampf gegen den Verkehrsinfarkt

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Von wegen staufreies Hessen: Täglich staut es sich zwischen Kassel und dem Odenwald auf ungezählten Kilometern Bild: dpa

Kein anderes Bundesland nimmt soviel Autoverkehr auf wie Hessen. Deshalb war es hier nicht staufrei, ist es nicht und wird es nie sein. Und doch hat sich die Lage verbessert.

          Ein normaler Werktag 2015, morgens, Pendler strömen Richtung Frankfurt. Autos stauen sich auf der Autobahn A3, auf A5 und A66, auf A643 und A661... War da nicht etwas mit „Staufreies Hessen 2015“? In dem ehrgeizigen Programm, aufgelegt von früheren CDU/FDP-Landesregierungen, war das Scheitern schon im Titel angelegt. Wirklich staufrei wird Hessen, das Haupttransitland für Autoverkehr in Deutschland, wohl nie werden.

          Allerdings hat sich die Lage dank großer Kraftanstrengungen über die Jahre verbessert, darin sind sich Experten mit den Behörden einig. Das staufreie Hessen sei als visionäres Ziel wichtig gewesen, sagt der Verkehrstechniker Wolfgang Herda vom ADAC Hessen-Thüringen. Und der Kampf gegen den Verkehrsinfarkt geht weiter.

          Seitenstreifen für Autos freigegeben

          Den Fortschritt macht die Straßenverkehrsbehörde Hessen Mobil an der Zahl der Stunden fest, in denen Stau auf der Straße herrscht. Vor 15 Jahren waren es durchschnittlich 80.000 Stunden im Jahr, 2013 waren es nur noch 16.000 Stunden.

          Dazu beigetragen hat ein Bündel von Vorhaben. Auf einigen Abschnitten der Autobahnen A3 und A5 werden zu Stoßzeiten die Seitenstreifen für Autos freigegeben. So erhöht sich die Kapazität. Am (morgigen) Dienstag wird eine weitere Steuerungsanlage an der A3 zwischen Limburg und der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz in Betrieb genommen. Dann können auf insgesamt auf 90 Kilometern Autobahnstrecke die Standstreifen genutzt werden. Weitere 80 Kilometer stehen in den nächsten Jahren an, ein Masterplan zielt auf 340 Kilometer.

          „Das wirkt entspannend auf die Leute“

          Auf 250 Kilometern im Rhein-Main-Gebiet wird die Geschwindigkeit je nach Verkehrsdichte flexibel geregelt. Das beruhigt den Strom an Fahrzeugen und beugt Staus vor. An 34 Stellen stehen große Leuchtanzeigen, von Fachleuten dWiSta genannt (dynamische Wegweiser mit integrierter Stauinformation). Sie zeigen Autofahrern an, wie viele Minuten Fahrzeit es bis noch bis zum nächsten Autobahnkreuz oder bis zum Frankfurter Flughafen sind. Verspätungen werden planbar. „Das wirkt entspannend auf die Leute“, sagt ADAC-Experte Herda.

          Auch das Baustellenmanagement hat Hessen Mobil verändert. Bei Langzeitbaustellen werden Fahrspuren verengt, aber möglichst nicht geschlossen. Kürzere Arbeiten werden häufiger bei Nacht erledigt. Trotzdem ist es ein Kampf gegen Windmühlenflügel, denn der Verkehr nimmt immer weiter zu. Auf hessischen Autobahnen sind täglich zwei Millionen Autos unterwegs.

          „Wir sind das Transitland Nummer eins“, sagt der ehemalige Verkehrsminister Florian Rentsch (FDP). Deshalb müsse das Programm fortgesetzt, ja ausgebaut werden. Um die steile Autobahn A7 durch die Kasseler Berge zu entlasten, sollte dringend die mittelhessische A49 fertiggebaut werden, fordert er.

          Politisch ist „Staufreies Hessen 2015“ still durch das Konzept „Mobiles Hessen 2020“ der schwarz-grünen Koalition ersetzt worden. Der neue Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) führt zwar Maßnahmen seiner Vorgänger fort, doch sein Blick ist ein anderer. „Staus auf Hessens Straßen können langfristig nur reduziert werden, wenn wir nicht nur die Straßen, sondern auch den Öffentlichen Personennahverkehr im Blick haben“, sagte Al-Wazir der dpa. „Jeder Pendler, der statt mit dem Pkw mit Bus oder Bahn zur Arbeit fährt, entlastet unser hochbeanspruchtes Straßennetz.“

          In ähnliche Richtung denkt der Verein Innovative Verkehrssysteme Darmstadt (ivda). Die Freigabe der Standstreifen sei „nicht falsch“, die teure Straßeninfrastruktur werde so insgesamt besser genutzt, sagt Vereinsvorstand Stefan Opitz. Trotzdem sei „Staufreies Hessen“ der Versuch, „das Überlastungsproblem im Kfz-Verkehr im Kfz-Verkehr zu lösen“. Nötig sei ein Umsteuern auf andere Verkehrsmittel.

          Weniger Stillstand

          Im Kampf gegen den Stau auf Hessens Straßen hat Hessen Mobil nach eigenen Angaben große Fortschritte erzielt. Seit 2001 sei die Anzahl der Staustunden um 80 Prozent zurückgegangen. Die Straßenverkehrsbehörde unterscheidet in der Statistik nach Staus durch Pannen, durch Baustellen, durch Unfälle sowie verkehrsbedingten Staus. Ein Überblick über die Entwicklung in den vergangenen Jahren:

          2001-2003: 88.000 Staustunden, davon 54.000 verkehrsbedingt;
          2005: 49.000 Staustunden, davon 25 000 verkehrsbedingt;
          2007: 26 000 Staustunden, davon 13.000 verkehrsbedingt;
          2009: 20.000 Staustunden, davon 11 000 verkehrsbedingt;
          2013: 16.000 Staustunden, davon 9000 verkehrsbedingt;

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