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Nach Havarie bei Staudinger : Als Stahlrohre wie Strohhalme knickten

Vor der Wiederinbetriebnahme: das Kesselhaus mit der Kesselglocke. Hier ereignete sich der schwere Zwischenfall, Rohre rissen ab und verwüsteten den Bau. Bild: Rainer Wohlfahrt

Acht Monate nach der Havarie von Block 5 des Kraftwerks Staudinger soll der Betrieb wieder losgehen. Rund 25 Millionen Euro hat die Instandsetzung gekostet.

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          „Es hat sich angehört, als ob ein Flugzeug abstürzt“, erinnert sich eine Anwohnerin. Nicht vergessen haben die Bewohner im Umfeld des Eon-Kraftwerks Staudinger den Abend des 12. Mai, als sich der bisher teuerste Unfall am Kraftwerksstandort Großkrotzenburg ereignete und das einst größte konventionelle Kraftwerk Hessens auf Monate lahmlegte. Mittlerweile ist die Ursache geklärt und sind die Schäden behoben, der fünfte Staudinger-Block, der letzte, der noch im Regelbetrieb war, kann wieder ans Netz gehen. In dieser Woche hat ein eingeschränkter Probelauf begonnen, in der nächsten soll der Normalbetrieb wieder losgehen. Sollten die letzten Tests wie die Prüfung der Abschaltfunktionen von Turbine und Generator gelingen, erwartet Kraftwerksleiter Edgar Kaufhold die Genehmigung des Regierungspräsidiums Darmstadt zur Wochenmitte.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Es war keine klassische Explosion im Kraftwerksblock 5, die Bewohner von Großkrotzenburg, Großauheim, Hainburg und Kahl aufschreckte. Wie Fachleute des Technischen Überwachungsvereins feststellten, war wegen eines Risses im Stahl das Gehäuse einer Umwälzpumpe im Kesselhaus geborsten. Der Grund war laut Kaufhold nicht Materialverschleiß, sondern eine Konstruktionsschwäche, die mit der Zeit zum Riss über einer Schweißnaht in der Glocke des Pumpenkopfes führte. Der Fehler sei inzwischen auch in zahlreichen anderen Kraftwerken Europas entdeckt und behoben worden.

          Im Kesselhaus herrschte Chaos

          Wie der ganze Block 5 war auch die Pumpe 1992 in Betrieb genommen worden. Mehr als zwei Jahrzehnte später barst das Teil, und mehrere hundert Grad heißes Wasser wurde unter großem Druck freigesetzt. Der stundenlang aus dem Kesselhaus austretende Dampf und das laute zischende Geräusch war alles, was Beobachter außerhalb des Kraftwerks an diesem Abend sehen konnten.

          Das Kraftwerk: Drei von fünf Staudingerblöcken sind mittlerweile stillgelegt.
          Das Kraftwerk: Drei von fünf Staudingerblöcken sind mittlerweile stillgelegt. : Bild: Wohlfahrt, Rainer

          Im Inneren des Kesselhauses jedoch herrschte Chaos. Leitungen und Rohre rissen ab und verwüsteten das 100Meter hohe Kesselhaus einschließlich der mächtigen Stahlträger bis auf eine Höhe von gut 50 Metern. Die dicke Mauer zum angrenzenden Turbinenhaus stürzte teilweise ein. Wie durch ein Wunder wurden keine Menschen verletzt. Zwei Techniker, die zuvor in der Halle nach dem Rechten sahen, brachten sich in Sicherheit, nachdem sie ungewöhnliche Geräusche wahrgenommen hatten. Bevor die beiden Männer die Abschaltung des Blockes veranlassen konnten, kam es zu dem Unglück. Wie stark die Kräfte waren, belegen die abgerissenen Stahlrohre, die im Turbinenhaus des stillgelegten Blocks 3 lagern. Die mit drei Zentimeter starken Wänden ausgestatteten Rohrstücke waren einmal grade, jetzt krümmen sie sich stark. Die Bruchstellen zeigen, dass sie abknickten wie Strohhalme. Allein fast zwei Monate dauerte es, bis alle Trümmer aus dem kaputten Kesselhaus entfernt waren. Eingesetzt wurden erfahrene Industriekletterer, die sich von oben vorarbeiteten. Die Arbeiten erinnerten laut Projektleiter Heinz-Werner Wolf an die Entwirrung eines gigantischen Mikadospiels, bei der jeder Schritt genau überlegt sein wollte.

          200 Tonnen Stahl ausgetauscht

          Auf 25 Millionen Euro beziffert der Kraftwerksleiter den Schaden. Dabei entfielen etwa 60 Prozent der Kosten auf die Reparaturarbeiten, der Rest ging auf das Konto der aufwendigen Tüv-Untersuchungen und der Prüfungen von Werksteilen, die zur Sicherheit unter die Lupe genommen wurden, obwohl sie von der Havarie nicht direkt betroffen waren. Bei den Untersuchungen habe sich kein Fehlverhalten von Kraftwerksmitarbeitern herausgestellt, auch Versäumnisse haben die Prüfer laut Kaufhold nicht festgestellt.

          Veraltet: Diese Maschinenhalle ist dauerhaft stillgelegt, der vierte Block dient nur noch der Netzsicherheit.
          Veraltet: Diese Maschinenhalle ist dauerhaft stillgelegt, der vierte Block dient nur noch der Netzsicherheit. : Bild: Wohlfahrt, Rainer

          Damit Block 5 ans Netz gehen kann, wurde in den vergangenen Monaten die Fassade des Kesselhauses wieder aufgebaut. Außerdem ersetzte man Rohrleitungen, die Pumpe und die gesamte Stahlkonstruktion bis auf eine Höhe von mehr als 50 Metern. Insgesamt wurden rund 200 Tonnen Stahl ausgetauscht.

          Fernwärme-Lieferung  beeinträchtigt

          Nicht eingerechnet in die 25Millionen Euro sind die bisher unbezifferten Kosten des Betriebsausfalls. Nachdem die veralteten Staudingerblöcke 1, 2 und 3 in den Jahren 2012 und 2013 abgeschaltet wurden, war bis Mai 2014 nur noch Block 5 im Regelbetrieb. Der mit Gas betriebene Block 4 wird nur noch wenige Male im Jahr genutzt, um die Netzsicherheit zu gewähren. So kam es, dass seit dem Unglückstag im Kraftwerk, in dem 114 Mitarbeiter und 40 Auszubildende beschäftigt sind, so gut wie kein Strom mehr erzeugt wurde. Für das Personal blieb die Havarie laut Kaufhold ohne Auswirkungen.

          Beeinträchtigt wurde aber die Lieferung von Fernwärme an die Hanauer Stadtwerke. Sie überbrückten die Zeit, indem sie Strom in kleinen eigenen Heizwerken produzierten. Über die Mehrkosten von rund 1,5 Millionen Euro verhandeln Stadt und Kraftwerksbetreiber Eon noch. Vertraglich verpflichtet ist Eon gegenüber den Stadtwerken aber nicht. Besser steht die Gemeinde Großkrotzenburg da, sie bezieht ebenfalls Fernwärme von Staudinger, ist aber laut Kaufhold gegen einen Ausfall abgesichert. Sie bezog zuletzt Fernwärme über die Stadtwerke Hanau und einen neuen Speicher bei Staudinger, der mit der Wärme von Hilfskesseln des Kraftwerks versorgt wurde.

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