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Start-up-Szene in Hessen : In Rekordzeit zum Geschäftsmodell

  • -Aktualisiert am

Schulterschluss: Unternehmer Martin Lacroix (links) hat die Start-up-Szene in Mittelhessen befördert. Bild: Marcus Kaufhold

Wenig Schlaf, dafür aber viele hilfreiche Kontakte. Das erhalten junge Gründer, die sich beim Start-up-Treffen zusammenfinden. Es geht auch darum, voneinander zu lernen.

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          Die Wirtschaftsregion Mittelhessen blickt auf eine stolze Geschichte zurück. Aber wie sieht es mit der Zukunft aus? Wenn es um die Start-up-Landschaft in Deutschland geht, dann ist nur von Berlin die Rede, von Hamburg, München, vielleicht noch von Frankfurt. Doch auch Mittelhessen hat Potential. Vor allem in seiner starken Hochschullandschaft schlummert jede Menge Kreativität. Diese zu entfesseln, hat sich Martin Lacroix auf die Fahne geschrieben. Aus diesem Grund hat er 2016 das Start-up-Wochenende ins Leben gerufen, das seither abwechselnd in Gießen, Wetzlar und Marburg stattfindet. Eine Brise Erfindergeist weht durch die Region.

          Bei dem sogenannten „Non-Profit-Format“, das aus Amerika stammt und mittlerweile in mehr als 700 Städten rund um den Globus praktiziert wird, treffen sich Gründer, die eine Idee mitbringen, Experten, die nach einer neuen Herausforderung suchen, und Neugierige, die sich inspirieren lassen wollen. Ziel ist es, in kurzer Zeit ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Erfahrene Mentoren aus der Start-up-Szene begleiten den Prozess. Räumlichkeiten, Essen und Trinken werden gestellt.

          „Das Motto lautet: Lerne von den Besten“, sagt Jens Ihle, Geschäftsführer des Regionalmanagements Mittelhessen, das 2019 die Federführung bei der Veranstaltung übernommen hat. In der ersten Phase stellen die Gründer ihre Ideen in einem sogenannten „Elevator-Pitch“ vor. Dafür müssen sie schnell auf den Punkt kommen, denn nach exakt einer Minute wird das Mikrofon abgestellt. Dann bilden sich die Teams, die die Idee weiterentwickeln wollen. Sie arbeiten in der Regel bis tief in die Nacht. Vorträge, zum Beispiel über Teambildung, ergänzen das Programm. Am Ende kürt die Jury einen Sieger. Es geht nicht darum zu gewinnen, sondern vor allem darum, ein Netzwerk aufzubauen. „Wir unterstützen Rohdiamanten in einer herzlichen Atmosphäre“, sagt Ihle.

          Einzelkämpfer in seiner Umgebung

          In Sachen Start-ups agierte Martin Lacroix, der die Veranstaltung nach Mittelhessen holte, zunächst als Einzelkämpfer in seiner Umgebung. Mit großem Interesse beobachtete der Berater für Organisationsentwicklung die Szene in Deutschland. Da es in seinem Umfeld keine Gelegenheit gab, besuchte er 2015 den von Mario Hachemer initiierten Gründerstammtisch in Frankfurt, wo er sich Anregungen holte. Nach dem Vorbild des ebenfalls von Hachemer organisierten Frankfurter Start-up-Wochenendes wollte Lacroix ein solches Event auch in Mittelhessen etablieren. „Wir haben nicht lange geredet, sondern einfach gemacht. Unterstützt wurden wir von Mario Hachemer, der ein Pionier der Frankfurter Start-up-Szene ist und sie maßgeblich geprägt hat“, erinnert sich Martin Lacroix. Vom Erfolg seien dann alle überrascht gewesen. Nicht nur aus Mittelhessen, sondern auch aus der Wetterau und dem Rhein-Main-Gebiet, sogar aus Stuttgart und Wien seien die Teilnehmer gekommen.

          „Das war ein Raketenstart. Auf einem Schlag haben wir Mittelhessen auf die Start-up-Landkarte gehievt“, freut sich der Vierundvierzigjährige. Aus der Organisation der Veranstaltung hat sich Lacroix mittlerweile zurückgezogen. Er will sich auf sein eigenes Start-up „Metrify“ konzentrieren. Darin setzt er die Erfahrungen und Erkenntnisse, die er während seiner Forschungsarbeit in Bereichen wie „Messung der Fehlerkultur des Teamklimas“ oder der „Veränderungsbereitschaft der Beschäftigten in Unternehmen“ gewonnen hat, in einer Art Mitarbeiter-Analyse-Plattform für das Management um.

          Jens Ihle sieht nach dem Wochenende erste positive Effekte für die Region. „In der wunderbaren Start-up-Welt öffnen sich schnell Türen“, sagt er. Als konkretes Beispiel führt er die Gründer Daniel Winter und Michael Lukaszczyk an. Während des Wochenendes 2016 trafen der Licher und der Marburger zwei Mentoren, die ihre Idee als zukunftsfähig bewerteten und sogar in sie investierten. Ende 2018 hatte ihre IT-Firma Graph CMS mit Sitz in Gießen-Wieseck 20 Angestellte. Gerade erst wurde Wagniskapital in siebenstelliger Höhe eingeworben. Mit dem Headless-Content-Management-System von Graph CMS lassen sich digitale Inhalte für Websites, mobile Apps, aber auch alle anderen Plattformen wie Smart-TVs oder Virtual Reality-Brillen verwalten.

          Online-Plattform für Talentsharing

          Der Frankfurter Fabian Annich und sein Partner Patrick Losert, Sieger aus dem Jahr 2018, haben das Unternehmen „Talentz“ gegründet. Dabei handelt es sich um eine Online-Plattform für Talentsharing. Sie bietet neue Werkzeuge für die Personalarbeit. Arbeitgeber erhalten auf einer Art Börse die Möglichkeit, Beschäftigte für temporäre Projekte in andere Unternehmen zu entsenden oder zu leihen.

          Um die Notwendigkeit, jungen Menschen eine Unternehmensgründung schmackhaft zu machen und sie auf ihrem Weg zu unterstützen, zu verdeutlichen, verweist Jens Ihle auf eine Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young. Diese hat Studenten der Generation Z nach ihren Zukunftsplänen befragt. Laut Studie wünschen sich die Studenten im Berufsleben klare Strukturen. Die meisten Befragten streben eine sichere Anstellung mit festen Arbeitszeiten an. Mehr als 40 Prozent finden den öffentlichen Dienst attraktiv. Dieser Stimmung gelte es entgegenzuwirken, meint Ihle. Denn Innovationen entstünden in der freien Wirtschaft.

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