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Start-ups in der Corona-Krise : Die bedrohte Generation

Lars Reiner, Mitbegründer des Frankfurter Fintechs Ginmon Bild: Ginmon

Viele Start-ups hängen von Kapitalgebern ab. Doch die ziehen sich in der Corona-Krise zurück. Die Folgen für die Szene könnten schwerwiegend sein.

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          Sechs Worte reichen Lars Reiner, um die Lage seines Unternehmens zu beschreiben. "Wir langweilen uns nicht, im Gegenteil." Reiner ist Gründer und Chef des Frankfurter Finanz-Start-ups Ginmon, und seine Aussage ist in diesen Tagen durchaus ungewöhnlich. Denn ebenso wie milliardenschwere Großkonzerne und gestandene Mittelständler sind auch junge Unternehmen von der Corona-Krise betroffen. Die Situation dort ist bisweilen dramatisch: Je nach Umfrage sagen zwischen 50 und 70 Prozent der Gründer, sie seien extrem besorgt wegen der Corona-Beschränkungen und ihrer Auswirkungen.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei Lars Reiner ist das ein bisschen anders. "Wir sind trotz Krise durchgehend gewachsen", sagt er. Das Unternehmen, vor fünf Jahren in Frankfurt gegründet, verspricht seinen Kunden eine automatisierte und daher kostengünstige Anlagestrategie mit börsengehandelten Fonds. Wegen der Turbulenzen am Aktienmarkt zu Beginn der Corona-Krise verloren zwar auch diese ETF genannten Fonds an Wert. "Doch viele Leute haben dann freie Gelder bei uns eingebracht, weil die Aktien günstig zu haben waren", sagt Lars Reiner. Genaue Zahlen zu Umsatz und Kunden gibt Ginmon nicht preis, laut Reiner ist man seit Gründung jedes Jahr aber um durchschnittlich 50 Prozent gewachsen. Mittlerweile verwaltete das Untenehmen Vermögen von rund 100 Millionen Euro.

          Die Investoren zögern

          So rosig wie im Fall von Ginmon ist die Zukunft bei den meisten anderen Jungunternehmen nicht. Denn für sie ergeben sich aufgrund der Covid-19-Pandemie gleich zwei schwerwiegende Probleme: Erstens brechen zahlreiche Geschäftsmodelle zusammen. So war etwa die Restaurantkette Coa, die schon im Oktober 2019 insolvent war, wegen geschlossener Restaurants und laufender Kosten nicht mehr zu retten. Hinzu kommt zweitens, dass viele Start-ups in den ersten Jahren kein Geld verdienen und daher auf Finanzierungsrunden angewiesen sind. Doch dieses Geld fließt nicht mehr wie vor Corona.

          "Wir hören immer wieder, dass Betriebe auch aus der Region derzeit Schwierigkeiten haben, an Wagniskapital zu kommen", sagt Thomas Funke, Geschäftsführer des Gründerzentrums Tech Quartier in Frankfurt. Studien belegen diesen Eindruck. So gingen laut einer Untersuchung des Portals "Start-up Genome" die weltweiten Investments bis Ende April um 20 Prozent zurück, vier von zehn jungen Unternehmen hatten dieser Umfrage zufolge nur noch Geld für höchstens drei Monate. Funke sagt, problematisch sei diese Entwicklung vor allem für Start-ups in der Wachstumsphase, die also erste Mitarbeiter eingestellt, ein Geschäftsmodell entwickelt, vielleicht eine erste Finanzierungsrunde abgeschlossen haben, nun aber weiter investieren wollen. Sie haben hohe laufende Kosten und in der Regel noch geringe Umsätze. Ohne frisches Geld droht ihnen dies zum Verhängnis zu werden. "Besonders Unternehmen, die kurz vor einer Finanzierungsrunde standen, hatten schlechte Karten", sagt Funke. So wurde das Berliner Start-up Tausendkind trotz über einer Million Kunden und 50 Millionen Euro Umsatz eines der ersten prominenten Opfer der Krise, weil ein Finanzinvestor eine Kapitalspritze kurzfristig zurückgezogen hatte.

          Das Virus sorgt für Unruhe am Venture-Capital-Markt, auf dem sich Geldgeber tummeln, die in hoffnungsvolle Gründungen investieren und auf einen lukrativen Verkauf hoffen. Noch im vergangenen Jahr hatten diese Geldgeber weltweit 257 Milliarden Dollar in Start-ups gesteckt, in Deutschland lagen die Investments einer Studie der Unternehmensberatung EY zufolge bei vergleichsweise niedrigen 6,2 Milliarden Euro.

          Deals auf Sechs-Jahres-Tief

          Doch jetzt sind viele Investoren wegen der Turbulenzen an den Kapitalmärkten verunsichert. Der Datenanbieter Refinitiv hat ausgerechnet, dass die Zahl der Investitionsrunden in deutsche Start-ups im ersten Quartal stark gesunken ist. Demnach sollen zwischen Januar und März 22 Deals in Höhe von insgesamt 344 Millionen Euroabgeschlossen worden sein, heißt es - das wäre so wenig wie seit sechs Jahren nicht mehr in diesem Zeitraum. Im Vorjahr waren in der gleichen zeit 54 Transaktionen erfolgt, die 1,4 Milliarden Euro eingebracht hatten.

          Zwar erwartet Thomas Funke nicht "das große Start-up-Sterben", und bisher sind aus der Region auch noch keine größeren Insolvenzen bekannt. Trotzdem sagen Experten für junge Wachstumsbetriebe stürmische Zeiten voraus. So gibt die Chefvolkswirtin der bundeseigenen Förderbank KfW in Frankfurt, Friederike Köhler-Geib, an, erfahrungsgemäß konzentrierten sich Investoren in Krisen auf die Portfoliopflege, also auf bereits getätigte Investments. Mit neuen Projekten hielten sie sich dagegen zurück.

          Wenn die Kapitalgeber dann doch das Portemonnaie öffnen, dann in der Regel zu schlechteren Konditionen, weiß Ginmon-Gründer Reiner. Sogar die Bedingungen bereits vereinbarter Deals würden nun angepasst, berichtet er aus der Szene. Ginmon selbst war davon nicht betroffen, das Unternehmen hat jüngst eine Sechs-Millionen-Euro-Finanzierung abgeschlossen. Doch das ist eben die Ausnahme. KfW-Volkswirtin Köhler-Geib mahnt, es sei gerade jetzt wichtig, funktionierende Startups "nicht im Regen stehen zu lassen". Sie würden sonst die kapitalintensive Zeit, bis sich das Geschäftsmodell von allein trägt, nicht überstehen.

          Die Folgen könnten langfristig sein, fürchtet Ulrike Hinrichs vom Bundesverband Deutsche Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Sie glaubt, es drohten sogar irreparable Schäden am mühsam aufgebauten Start-up-Ökosystem. Diese Prognose besorgt auch Köhler-Geib: "Eine Start-up-Generation zu verlieren wäre ein harter Schlag."

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