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„Surrealismus-Sommer“ in Frankfurt : Augen auf im Dunkel!

Aua – gleich wird das Messer angesetzt: „Un chien andalou“ (1929) von Luis Buñuel und Salvador Dalí ist das Herzstück der Schau im Filmmuseum. Bild: Kineos GmbH

Mit „Bewusste Halluzinationen“ im Deutschen Filmmuseum Frankfurt ist der „Surrealismus-Sommer“ eröffnet worden. Viele Fragen aber bleiben offen.

          Wenn der Sommer warm und sonnig wird, was wir doch schwer hoffen wollen, werden unsere Augen uns allerhand Streiche spielen. Aus der gleißenden Helle hinein ins Dunkel und wieder zurück entstehen Bilder auf der Netzhaut, die vielleicht gar nicht da waren – oder doch?

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als vor 85 Jahren, am 6.Juni 1929, Luis Buñuel und Salvador Dalí im Pariser Studio des Ursulines zum ersten Mal ihren Film „Un chien andalou“ zeigten, trauten die Zuschauer ebenfalls ihren Augen nicht. Aber Buñuel hatte ganz umsonst Steine in seine Jacketttaschen gepackt, um sich notfalls gegen das empörte Publikum zur Wehr setzen zu können. Die Leute waren fasziniert, begeistert, schaurig-schön angeregt von dem nur knapp 16 Minuten kurzen Werk. Erst ein Jahr später, als Buñuel „L’âge d’or“ gedreht hatte, bekam er endlich seinen Skandal: Wurfgeschosse im Kino und ein Aufführungsverbot, das fast 50 Jahre lang galt.

          Der Traum steht über der Vernunft

          Die beiden frühen surrealistischen Hauptwerke Buñuels stehen im Mittelpunkt zweier kooperierender Ausstellungen, die zahlreiche Partner, allen voran der Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main, unterstützt haben. Nicht nur die Darmstädter Mathildenhöhe, auch das Deutsche Filmmuseum Frankfurt ruft den „Surrealismus-Sommer“ aus und schickt das Publikum aus dem Sonnenlicht in die Black Box. Das Museum will bis in den Herbst hinein dem Phänomen Surrealismus im Film auf die Spur kommen. Passenderweise, ist doch der Film das wohl wesentliche Medium dieser internationalen Kunstbewegung oder Haltung, die bis in die Gegenwart hinein Früchte hervorbringt. Auch Texte wie André Bretons „Nadja“, auch Gedichtcollagen und Bildmontagen schöpfen aus den Möglichkeiten des Films, sind in ihren jeweiligen Medien verwirklichte Bilder. Und das Schlüsselwerk dieser Bildkunst ist „Un chien andalou“, so die Ausgangsthese der von Stefanie Plappert kuratierten Schau.

          Das Auge, das in „Un chien andalou“ so effektvoll zerschnitten wird, ist das Organ des Surrealismus. Tausende Augen starren aus den Collagen und Filmmontagen der Künstler. Der Traum als Bildwelt jenseits oder vielmehr über der Vernunft wird ins Jetzt geholt, manifestiert – ein Film im Kopf. Und nur mit den Augen zu erfassen sind diese Versuche, das wirklich Wirkliche im trügerisch Realen zu finden. „Bewusste Halluzinationen“ heißt die Ausstellung – und da fängt das Problem an.

          Zweieinhalb Stunden Filmmaterial

          Oder vielleicht auch schon eher, in André Bretons „Surrealistischem Manifest“ von 1924, das, eine Augenweide, in der Schau als eine der vielen internationalen Leihgaben im Original zu sehen ist. In sauberer Handschrift definiert der Chefdenker der Surrealisten, was er unter Surrealismus, Substantiv, maskulin, versteht. Einen „psychischen Automatismus“, der den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken versucht. Das Manifest wirkt wie das Gegenstück der dort beschrieben „écriture automatique“, jener surrealistischen Technik, die völlig frei zum Ausdruck bringen soll, was „es“ denkt, das Gehirn. Frei von kulturellen Vorbildungen und Vorbehalten, nach dem Prinzip der „écriture automatique“, sei ihr Drehbuch zu „Un chien andalou“ entstanden, behaupteten Buñuel und Dalí. Dass der Film immer ein Team, eine geraume Zeit und vor allem eine präzise technische Umsetzung braucht, ist der Widerspruch, den der surrealistische Film von Anfang an in sich birgt. Daher „Bewusste Halluzinationen“, der Titel der reichhaltigen Schau, für die in internationalen Filmarchiven ebenso recherchiert worden ist wie in den hauseigenen Beständen des Deutschen Filminstituts.

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