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Stammzellspender : Dreihundert Milliliter Leben

  • -Aktualisiert am

Gute Tat: Ein Spender am Zellseparator. Das Gerät filtert Stammzellen und Plasma aus dem Blut. Bild: Fiechter, Fabian

Für jeden zehnten Blutkrebskranken lässt sich kein passender Stammzellspender finden. Die Deutsche Stammzellspenderdatei Rhein-Main will das ändern. Sie organisiert Aktionen, bei denen sich neue Spender registrieren lassen können.

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          Drei Stunden hat es gedauert. Drei Stunden lang hat Brigitte Jung dabei zugesehen, wie eine leise brummende Maschine Stammzellen und Plasma aus ihrem Blut herausfilterte, bevor sie es in ihre Venen zurückpumpte. Drei Stunden. Für Brigitte Jung kaum ein halber Arbeitstag. Für die junge Argentinierin, um deretwillen Jung sich an den Zellseparator hat anschließen lassen, vielleicht ein ganzes Leben. Die 58Jahre alte Sachbearbeiterin bei einer Versicherung hat der an Blutkrebs erkrankten Südamerikanerin Blutstammzellen gespendet - ohne sie jemals gesehen zu haben.

          Noch wenige Wochen zuvor hätte Jung, die in Eltville lebt, sich nicht träumen lassen, dass es einmal so weit kommen würde. Vor drei Jahren erklärte sie sich bereit, Stammzellspenderin zu werden, und ließ anhand einer Blutprobe ihre Gewebemerkmale bestimmen – typisieren, wie der Fachausdruck heißt. Weil ein Junge im Nachbardorf an Blutkrebs erkrankt war, gab es eine große Typisierungsaktion, an der sich 1700Menschen im Rheingau beteiligten, darunter auch Jung. Dass die Daten einmal relevant werden würden, glaubte sie nicht, denn normalerweise sind die Spender zwischen 18 und 55Jahre alt. „Ich dachte, in meinem Alter würde das nicht mehr kommen.“

          Medikament in die Bauchdecke spritzen

          Aber es kam doch. Im April erhielt Jung die Mitteilung, dass ihre Gewebemerkmale mit denen einer Patientin übereinstimmten. Einen Moment überlegte Jung, ob sie tatsächlich spenden sollte. Sie entschied sich dafür. „Ich hätte es sonst mein Leben lang bereut.“ Zuerst musste sie ein Formular mit mehr als 50Fragen zu ihrer Gesundheit ausfüllen. Danach wurden ihre Blutmerkmale im Detail mit denen der Argentinierin abgeglichen.

          Einen Monat später folgte eine Voruntersuchung auf Infektionen, dann wurde ein Datum für ihre Spende festgelegt: der 12.Juni. Fünf Tage vorher musste Jung sich alle zwölf Stunden ein Medikament in die Bauchdecke spritzen, das die Stammzellen im Körper vermehrt. Der eigentliche Termin dauerte kürzer, als Jung erwartet hatte. Nach 182Minuten hatte der Zellseparator 216 Milliliter Stammzellen aus ihrem Blut gefiltert. Normalerweise sind es zwischen 250 und 350 Milliliter. Doch die krebskranke Argentinierin hatte infolge ihrer Krankheit schon so viel Gewicht verloren, dass sie nicht so viele Stammzellen brauchte.

          Fünf Millionen Spender in Deutschland registriert

          Für Ruben Römer sind Geschichten wie die von Brigitte Jung alltäglich. Er sitzt in einem kleinen Büro im dritten Stock des Blutspendedienstes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) neben dem Universitätsklinikum. Hier bei der Deutschen Stammzellspenderdatei Rhein-Main werden nicht nur die Typisierungsaktionen organisiert, sondern auch die Stammzell- und Knochenmarkentnahmen selbst.

          21,5 Millionen potentielle Spender sind weltweit in Knochenmarkdateien registriert, fünf Millionen davon in Deutschland. Wer an Leukämie erkrankt, für den kann über mehrere miteinander vernetzte Zentralregister nach einem passenden Spender gesucht werden. In der Bundesrepublik werden alle Spender in einem zentralen Register vermerkt.

          Unwissenheit hindert viele

          Die Wahrscheinlichkeit, dass sich so ein passender Stammzell-Geber finden lässt, ist recht hoch. 10.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Blutkrebs. Viele von ihnen können nur durch eine Stammzellspende geheilt werden. In neun von zehn Fällen lässt sich für einen Patienten ein Spender mit passenden Gewebemerkmalen finden – aber eben nicht immer. Wenn sich mehr Menschen bereit erklären würden, Stammzellen zu spenden, dann könnte sich das ändern, sagt Römer, stellvertretender Leiter der Datei. Obwohl man sich das ganze Jahr über als potentieller Stammzellspender eintragen könne, steige die Spendebereitschaft vieler Menschen erst dann, wenn in ihrer näheren Umgebung ein Fall von Blutkrebs auftrete.

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