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Frankfurt : Theater und Oper werden abgerissen

Das Schauspiel und die Oper sollen neu gebaut werden. Der alte Standort am Willy-Brandt-Platz soll abgerissen werden. Bild: dpa

Die Stadtverordneten diskutieren über einen Neubau für die Städtischen Bühnen. Eine Sanierung der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz kommt nicht in Frage – das ist nun beschlossen.

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          Darüber herrschte am Donnerstagabend Einigkeit in der Römerkoalition aus CDU, SPD und Grünen: Eine Sanierung der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz kommt nicht in Frage. Ein Antrag der Koalition, die Sanierung nicht weiter zu verfolgen, wurde denn auch angenommen. Zu deutlich sind die jüngst vorgelegten Ergebnisse der Stabsstelle „Zukunft der Städtischen Bühnen“. Dass aber, wie es aus den Reihen der Opposition hieß, das Theater erst einmal innerhalb der Koalitionäre stattfindet, kann kaum von der Hand weisen, wer nach den in der Öffentlichkeit geführten Scharmützeln der vergangenen Tage die Debatte in der Plenarsitzung der Stadtverordneten verfolgte.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Thomas Dürbeck, kulturpolitischer Sprecher der CDU, verwahrte sich gegen den Vorwurf von Seiten der SPD, die CDU diskutiere „eiskalt und technokratisch“: „Ist es eiskalt und technokratisch, wenn wir fragen, wie wir eine Interimszeit überbrücken können?“ Oder: „Ist es eiskalt und bürokratisch, die Stadt neu zu denken?“ Dürbeck bekräftigte sein Plädoyer für das Raab-Karcher-Gelände am Osthafen als Ort für den Neubau einer Doppelanlage für Musik- und Sprechtheater. Wenn für die Sozialdemokraten das Ostend nicht urban genug sei, dann spreche doch nichts dagegen, es urbaner zu gestalten. Für die christlichen Demokraten aber sei entscheidend, Interimssituationen und Provisorien zu vermeiden.

          Visitenkarte des kulturellen Frankfurt

          Renate Wolter-Brandecker (SPD) stellte klar: „Eine Vermarktung des Willy-Brandt-Platzes kommt für uns nicht in Frage.“ Es sei nicht verwunderlich, wenn Baudezernent Jan Schneider (CDU) eine Nähe zur Immobilienwirtschaft vorgeworfen werde. Der Willy-Brandt-Platz müsse die Visitenkarte des kulturellen Frankfurt bleiben. Sebastian Popp, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, sah vor allem noch viel Diskussionsbedarf. Die Planspiele sollten sich jedoch auf den Willy-Brandt-Platz konzentrieren. Die Grünen seien nicht begeistert, die Wallservitut zu verletzen, aber wenn dies mit einer sinnvollen Lösung für die Städtischen Bühnen verbunden wäre, würden sie sich dem auch nicht widersetzen.

          Ideen für die Bühnen: Studenten der TU Kaiserslautern haben untersucht, wo ein Neubau entstehen könnte.

          Außerdem müsse man doch überlegen, was für ein Theater Frankfurt in Zukunft brauche. So brachte Popp eine Ballett-Sparte ins Spiel: Wollen wir eine oder wollen wir keine? Die Grünen wollten schon. Man müsse einen breiten Konsens finden, die Zeit sei aber auch reif für mutige Entscheidungen. Die Fixierung der CDU auf den Osthafen sei allerdings merkwürdig: „Wollten wir den Osthafen nicht auch als Industrieort sichern?“

          Marode Theaterdoppellage

          Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) hielt eine nachgerade staatstragende Grundsatzrede, die allerdings auch Spitzen gegen die CDU und ihren Magistratskollegen, Baudezernent Schneider, enthielt. „Mit den Ergebnissen des Prüfauftrags haben wir eine Entscheidungsgrundlage.“ Die traurige Lage sei bekannt: „Die Theaterdoppelanlage von 1963 ist marode.“ Das Gebäude entspreche nicht mehr den gesetzlichen Vorgaben. Umso erstaunlicher sei, dass dort nach wie vor Theater auf höchstem Niveau stattfinde. Nun, da feststehe, dass eine Sanierung gemessen am Resultat viel zu teuer würde, müsse man sich aber schweren Herzens von dem Gebäude verabschieden.

          Die Kulturdezernentin wiederholte ihre Position: „Ich schlage zwei Neubauten an unterschiedlicher Stelle vor.“ Die Doppelanlage stehe für eine sehr gute Ära Frankfurts, nämlich für die Ära des demokratischen Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg. „Eine gigantische Großbaustelle wäre mit höheren Risiken behaftet als mehrere kleine“, führte Hartwig aus. „Auch die Variante mit zwei Neubauten wird teuer. Aber wir wollen eine Lösung, die Frankfurt architektonisch und städtebaulich aufwertet. Und: „Unsere Innenstädte dürfen nicht ausverkauft werden.“

          Suche nach dem Grundstück läuft

          Unter fröhlichem Lachen begann Jan Schneider seine Rede mit dem Satz: „Ich wollte mich heute Abend nicht zu den Bühnen äußern.“ Man stehe jetzt vor der spannenden Frage: „Ein großes Haus für beide Sparten oder zwei Neubauten für Schauspiel und Oper.“ Vieles spreche dafür, alles unter einem Dach zu belassen. Derzeit sei überhaupt nicht klar, auf welchen Grundstücken was errichtet werden solle. Schneider verteidigte seine Idee, einen Bühnenbeirat zu bestellen, der von SPD und Grünen abgelehnt worden war: Die Idee sei gewesen, politisch nicht vorbelastete Fachleute heranzuziehen, um die Standortfrage anhand von künstlerischen und anderen nichtpolitischen Argumenten zu entscheiden. „Was spricht dagegen, jemanden mit unbefangenem Auge auf die Situation schauen zu lassen? Man sollte einfach mal die Meinung von unabhängigen Dritten einholen.“

          Neuer Standort? Ein Entwurf für den Neubau der Städtischen Bühnen.

          Es sei nicht klar, worüber zum jetzigen Zeitpunkt eine Grundsatzentscheidung gefällt werden solle. Man müsse doch erst einmal ein Grundstück haben. „Ich bin gerne bereit, ein Grundstück zu suchen, bisher hat die Stabsstelle das als ihre Aufgabe gesehen.“

          Das sagen F.A.Z.-Leser dazu

          Zukunft wagen

          Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) favorisiert Neubauten für Oper und Schauspiel in der Innenstadt. Zwei CDU-Politiker werben für eine andere Lösung zu „Gedankenspiele für einen Bühnen-Neubau“

          Die Karten liegen auf dem Tisch! Die Stabsstelle hat eindeutige Zahlen geliefert: Die Sanierung der Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz ist die schlechteste Variante. Frankfurt erhielte lediglich das Liebgewordene brandschutztechnisch saniert oder allenfalls in Teilen funktional verbessert zurück, müsste zudem das unkalkulierbare Risiko jahrelanger Interimslösungen tragen. Ob der heute hochklassige Spielbetrieb in beiden Häusern auch nur annähernd aufrechtzuerhalten wäre, steht in den Sternen des Wolkenfoyers.

          Also ein Neubau. Oder zwei, der Vorschlag der Dezernentin und ihrer SPD. Es gehe, so Hartwig, um den Erhalt des Standorts, hier schlage das kulturelle Herz der Stadt. Es gelte, auf jeden Fall an der Idee eines Innenstadttheaters festzuhalten, die „städtische Identität“ dürfe nicht „in der Tiefe beschnitten“ werden. Im Gegenteil, die Innenstadt müsse „kulturell gestärkt“ werden, auch um die Demokratie zu behaupten.

          Hartwig selbst spricht dann von der „sich immer weiter verdichtenden Hochhausinnenstadt“, mit der ein neues Theater- und ein neues Operngebäude in einen Dialog einträten. „Als fünftgrößte Stadt Deutschlands mitten in Europa sollten wir diesen Anspruch haben.“

          Die Position der Dezernentin und mit ihr der SPD ist so gefühlig wie unausgereift. Man mag sich nicht trennen von der eigenen Erziehungsgeschichte, „wo wir uns haben bilden lassen“. Aber wer ist „wir“? Für wen entscheiden die Volksvertreter hier? Und wie stellt sich die Frage im großen Entwicklungsbogen Frankfurts seit der Industrialisierung dar? Und ändern sich die Wissenschaft und Künste nicht dauernd?

          Wir meinen: Wir brauchen den Blick nach vorn. Eine Entscheidung in die Zukunft hinein. Diese Zukunft liegt nicht in einem wehmütigen Blick zurück auf die Sozialisationsorte der Nachkriegsgeneration, denen wir uns intellektuell wie politisch verpflichtet fühlen mögen. Die Zukunft Frankfurts liegt in einer neuen Bürgerlichkeit, in einer Verbindung aus Leistungsfreude und Gemeinsinn, und sie liegt räumlich zwischen der Lage am Fluss, der Einbindung in die Region und der Gestaltung Europas.

          Zu all diesen Bezugspunkten wird sich eine neue Doppelanlage am Osthafen selbstbewusst verhalten und – mit der hochklassigen Qualität der jetzigen Spielstätten im Gepäck – eine neue kulturelle Strahlkraft entfalten. Überdies ist das Areal mit 24.000 Quadratmetern ausbaufähig: Hier kann aus Bühnen, Werkstätten, Probebühnen, Studios etc. ein regelrechter Theater-Campus entstehen mit eigener urbaner Anziehungskraft auch tagsüber.

          Der Standort am Osthafen ist Teil der Innenstadt von morgen – so wie der Theaterplatz seine Lage am westlichen Stadtrand erst mit dem Wachstum der Stadt nach und nach hinter sich lassen und die heutige vermeintliche Zentralität erst erobern musste. Er schlägt gleich mehrere Brücken in die Zukunft: zu den Stätten des vormaligen Industriezeitalters, an denen sich Frankfurt gerade in Richtung Digital-, Logistik- und Kreativwirtschaft neu erfindet; über den Fluss zur kleineren, aber mehr und mehr verbundenen Schwester Offenbach hin; schließlich nach Europa, dessen Wahrzeichen, die EZB, das Tor zum wichtigsten Teil unserer Welt symbolisiert.

          Fassen wir uns ein Herz, das Vertraute loszulassen! Lasst uns ernsthaft diese Variante untersuchen, anstatt sie gleich in Bausch und Bogen zu verwerfen. In einer lebendigen Metropole ist der Wandel ein beständiger Begleiter, und gerade die Kultur muss ins Unvertraute vorangehen. Vermutlich hätte Willy Brandt dazu geraten: Mehr Zukunft wagen!

          Bettina M. Wiesmann, Mitglied des Bundestags, Frankfurt, Dr. Thomas Dürbeck, Stadtverordneter, Frankfurt. Die Verfasser sind Mitglieder der CDu.

          Proteste zu erwarten

          Ebenfalls zur Debatte um die Zukunft der Städtischen Bühnen äußert sich dieser Leser und erinnert an die Bedeutung der Wallservitut.

          In der bisherigen öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Städtischen Bühnen vermisse ich vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen in 25 Jahren Tätigkeit in der Stadtverordnetenversammlung, darunter neun Jahre erst als Mitglied und dann als Vorsitzender des Planungsausschusses, bei der Standortfrage einen rechtlich relevanten und für die Menschen in unserer Stadt emotional wichtigen Aspekt, nämlich die sogenannte Wallservitut.

          Als Anfang des 19. Jahrhunderts der die Stadt umziehende mittelalterliche Befestigungswall geschleift und durch einen Grüngürtel ersetzt wurde, hat Frankfurt die Zukunft dieser Grünanlagen (angelehnt an den alten Befestigungswall Wallanlagen genannt) durch einen städtischen Satzungsbeschluss von 1810 gesichert – die sogenannte Wallservitut. Diese enthält neben der Regelung, in welchem Abstand zur Wallanlage Gebäude wie hoch sein dürfen, vor allem ein Verbot für Bauten im Bereich der Anlage selber. Von diesem Verbot wurde 1902 für den Bau des alten Schauspiels am westlichen Ende der Wallanlage, dort, wo heute die Oper steht, eine Befreiung ausgesprochen.

          Solche Befreiungen hatte es vorher bereits gegeben, 1839 für das Heilig-Geist-Hospital am östlichen Ende der Wallanlage und 1880 für die Oper (heute Alte Oper) und gab es in der Folgezeit 1960 für das Stadtbad Mitte und 1999 für die Tiefgarage für die Doppelanlage der Städtischen Bühnen. In allen diesen Fällen ging es um Baumaßnahmen für konkrete öffentliche Zwecke auf dem Gebiet der Daseinsvorsorge oder, wie bei der vorgenannten unterirdischen Garage, im Zusammenhang mit einem solchen Zweck. Keine dieser Befreiungen ist meines Wissens so ausgestaltet, dass sie über den konkreten Zweck und das konkrete Bauvorhaben hinaus Gültigkeit hat, also auch erlaubt, dass dort für alle Zukunft irgendwer irgendwann irgendein Gebäude für irgendeine Nutzung errichten kann.

          Das bedeutet: Wenn der jetzige Standort der Oper in der Wallanlage aufgegeben wird und ein privater Investor die Immobilie von der Stadt als Eigentum oder Erbbaurecht erwerben will, um sie für seine gewerblichen Zwecke zu nutzen, benötigt er für sein Bauvorhaben in der Wallanlage eine neue Befreiung von der Wallservitut.

          Dafür gibt es aus der Mitte der neunziger Jahre einen Präzedenzfall. Damals wollte Oberbürgermeister von Schoeler die Immobilie des Stadtbads Mitte an den Hilton-Hotel-Konzern verkaufen. Die Stadt hatte damals ganz erhebliche Haushaltsschwierigkeiten, ihr fehlte das Geld für die dringend notwendige Sanierung des Schwimmbads, das vor der Schließung stand. Der Hilton-Hotel-

          Konzern wollte auf dem Grundstück in der Wallanlage ein neues Hotel bauen. Nach massiven Protesten aus der Bürgerschaft kam das Ganze in der Form zustande, dass Hilton nur das Verwaltungsgebäude durch einen Neubau ersetzen durfte, das Schwimmbad aber sanieren und dabei akzeptieren musste, dass dieses weiterhin öffentlich genutzt werden kann – damit wurde die Nutzung für öffentliche Zwecke der Daseinsvorsorge für diese Teilfläche der Wallanlage fortgesetzt.

          Gemessen an diesen rechtlichen und historischen Gegebenheiten, sind mit Sicherheit Proteste aus der Bürgerschaft zu erwarten, wenn die Stadt jetzt eine Befreiung vom Bauverbot der Wallservitut beabsichtigen sollte, um den Wert der Immobilie in der Wallanlage am Willy-Brandt-Platz für den Stadtsäckel zu realisieren. Könnte das nicht zudem für die Zukunft einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen: die Wallanlagen als Reserve für den städtischen Haushalt?

          Andererseits: Wenn, was ebenfalls diskutiert wird, eine der beiden Bühnensparten einen Neubau in der Wallanlage gegenüber der derzeitigen Doppelanlage auf der anderen Seite des Willy-Brandt-Platzes erhält, würde die dafür erforderliche Befreiung von der Wallservitut auf der Linie der Befreiungen der Vergangenheit liegen – öffentliche Daseinsvorsorge auf dem Gebiet der Kultur.

          Wie auch immer man selber für sich die Dinge im Ergebnis entscheidet, es geht bei beiden vorgenannten Themen letztlich um die hochbedeutsame Frage, ob Teilflächen des Grüngürtels Wallanlage überhaupt bebaut werden sollen und, wenn ja, ob nur für öffentliche oder auch für private Zwecke. Diese Frage darf in der Diskussion über die Zukunft der Städtischen Bühnen und ihrer Standorte nicht unter den Tisch fallen.

          Hans-Jürgen Hellwig, Frankfurt. Der Verfasser war von 1981 bis 1984 Frankfurter Stadtverordnetenvorsteher. Er ist Mitglied der CDU.

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