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Alles, was tragbar ist, ist auch Kostüm: Im Fundus herrscht heilige Ordnung — auch wenn manche Kuriosität verwahrt wird. Bild: Marcus Kaufhold

Städtische Bühnen Frankfurt : Parsifal von der Stange

Glitzer, Glimmer und Blutspritzer: Gut 40.000 Kostüme lagern an einem gut verborgenen Ort. Dort wird ausgesucht, was demnächst auf den Bühnen zu sehen ist – und was aufbewahrt werden soll. Zu Besuch im Kostümfundus der Städtischen Bühnen Frankfurt.

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          Pailletten in Pink, ein Kleid aus Federn, eines aus Papier. Um all diesen exquisiten Fummel tragen zu dürfen, muss man aber Schauspielerin sein – oder Sängerin. „Am ersten Tag hätte ich auch am liebsten alles Mögliche anprobiert“, gesteht Sabine Gogolin-Hess, „aber das verliert sich wieder.“ Seit zwei Jahren ist die einstige Puppenmacherin aus Bornheim eine professionelle Hüterin textiler Schätze.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ja, das sind Schätze, von so was trennt man sich nicht“, bestätigt ihre Kollegin Ricarda Severon, die schon seit 2012 die Lavendelsäckchen im Kostümfundus der Städtischen Bühnen aufhängt. Schließlich sollen die zum Teil schon historischen und oft sehr phantasievollen Kleidungsstücke nicht von Motten zerfressen werden. Spenden von Theaterfreunden müssen erst einen Ozonschrank passieren, damit sie kein Ungeziefer in die gigantischen Kleiderräume eintragen. „Das wäre eine Katastrophe“, wissen die beiden Frauen, die hier die Ordnung hüten.

          Kostüme auf 2000 Quadratmetern

          Constanze Müller-Pfeffer, die Dritte in ihrem Bunde, hat an diesem Tag frei. Dafür schwenkt Silke Mondovits, Leiterin der Garderobe-Abteilung der Frankfurter Oper, zwei weiße Smokinghemden. Die braucht sie „für die ,Oper to go‘, ein kleines Format für Einsteiger“. Meist kommen die Kostümbildnerinnen mit ihren Assistenten vorbei, um zu prüfen, was hier ihrer Phantasie entspricht und was noch in der Schneiderei bestellt werden muss. Sie haben eine schier unüberschaubare und doch wohlgeordnete Auswahl vor sich: 40.000 Kostümteile auf insgesamt 1547 laufenden Metern Gestänge, das sich über 2000 Quadratmeter zweier Etagen eines Industriebaus erstreckt. An einem versteckten Ort in der Nähe der „Aurora“-Mühle im Osthafen-Gelände turnen die Verwalterinnen des Fundus hoch auf den Leitern, um Kostüme in drei Meter Höhe hin und her zu schieben.

          Auf geht es mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage. Hier baumeln Krawatten in allen Farben an einem Käfig, hinter dessen Gittern Aktuelles aus dem Spielplan lagert. Rechts gegenüber hängen moderne Alltagsklamotten wie aus dem Allerweltsschrank: Kleider, Kostüme, Hosenanzüge für Damen, Sakkos, Anzüge, Mäntel für Herren – eher fürs nüchterne Schauspiel als für die exzentrische Oper? Eine Puppe in Schwarz kauert zusammengesackt auf einem Stuhl, wie eine eingenickte Wächterin. Etiketten auf Containern benennen laufende Produktionen: „Peer Gynt“, „Vor Sonnenaufgang“. Der Schuppenschwanz einer Meerjungfrau ist ein Hingucker, nur das Krokodil, Relikt aus „Peter Pan“, stiehlt ihr die Show. Also ist das Schauspiel wohl doch nicht so nüchtern.

          „Hier darf sonst keiner rein“, sagt Ricarda Severon, die gelernte Modemanagerin und frühere Kostümassistentin, und schließt den Käfig wieder zu. Im dritten Stock lagert auch Historisches, sortiert nach Epochen. Barock und Rokoko, Empire und Biedermeier. Und hinter Gittern „das Allerheiligste“, die Kostüme für die aktuellen Produktionen der Oper. „Die Frau ohne Schatten“ oben an der Stange, „Das schlaue Füchslein“ unten. „Das ist ein ständiges Umpacken und Umwälzen“, sagt Sabine Gogolin-Hess – je nachdem, was auf der Bühne gebraucht wird. Alles ist vorrätig: Die „Götterdämmerung“ und „Peter Grimes“, darunter „Lohengrin“ und „Tannhäuser“. Die Sträflingskleidung aus der „Passagierin“ lagert da, eine ganze Batterie Gummistiefel aus dem „Fliegenden Holländer“, und Fräcke für die Herren ohne Ende gibt es. Für die Damen Hüte, aber: „Wir haben eine Hutmacherin im Haus“, sagt Ricarda Severon. „Ezio“ ist abgespielt, aber das besondere Papierkleid aus der Produktion wird aufbewahrt. Oben, im vierten Stock, lagern ganze Chorsätze: Dutzende mittelalterlicher Prunkgewänder etwa. „Die Rüstungen sind beim Rüstmeister, überhaupt alles, was aus Metall und Leder ist“, sagt Severon. Wer hätte gedacht, wie viel Handwerk sich in den Städtischen Bühnen versammelt. Und diese Handwerker bilden auch Nachwuchs aus. Gleich hinter den Ritterkostümen hängen Richterroben und liturgische Gewänder, vor allem in Kardinalsrot, dann die Mönchskutten, braune für die Franziskaner, weiße für die Zisterzienser und Dominikaner. Die schwarzen der Benediktiner scheinen nicht bühnentauglich zu sein. Uniformen gibt es vielfach und den roten Chorsatz für die Blumenmädchen im „Parsifal“.

          „Wir hüten, was schön ist“

          Dahinter hängen separat die „bearbeiteten“ Stücke: Verbrannte, kunstvoll zerrissene und verdreckte Kostüme: das blutbespritzte weiße Volantkleid der „Lucia di Lammermoor“ zum Beispiel und der blutbesudelte blaue Anzug des geblendeten „Oedipe“ aus der Neuenfels-Inszenierung. Einmal um die Ecke, landet man mitten in Glitzer, Glimmer, Glamour.

          „Die Begeisterung bleibt. Wir hüten, was schön ist“, sagen die beiden Kostümdamen. Weiße, ausgestellte Lederröcke etwa in der „Futuristen-Ecke“. Die sogenannten Wattons, Polster für hängende Brüste etwa, sind zwar weniger schön, aber solche Aufbauten, auch für Bauch und Po, werden gebraucht. Schließlich hat nicht jeder Falstaff-Darsteller automatisch einen Wanst. Ein prunkvoller, uralter Königsmantel ist so schwer, dass niemand ihn mehr bewegen kann. In der „Räumstube“ hingegen werden Kostüme, die schon ausgesucht sind, zwischengelagert. Sie sind umgeben von Tier- und Zwergenmasken. Und einem weißen, ausgehöhlten Ziegenbock, der von oben herab bleckt. Da hat sich aber kein Versatzstück vom Bühnenbild verirrt: „Alles, was tragbar ist, ist Kostüm“, sagt Severon. Und tragbar ist auch der Ziegenbock.

          40.000 Kostümteile auf insgesamt 1547 laufenden Metern Gestänge, das sich über 2000 Quadratmeter zweier Etagen eines Industriebaus erstreckt. Bilderstrecke

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