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Städtische Bühnen Frankfurt : Glückliches Skandinavien

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Wie soll die Zukunft des Musiktheaters aussehen? Blick in den Zuschauerraum der Oper Frankfurt von der Bühne aus Bild: Michael Kretzer

Wenn das Musiktheater nicht die kulturfernen Schichten erreicht, ist seine Zukunft fraglich: Norbert Abels, bis Mitte 2019 Chefdramaturg an der Oper Frankfurt, zur Zukunft der Städtischen Bühnen.

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          Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts formulierte der Frankfurter Bürger Theodor W. Adorno, dass die Kraft, welche die Menschen an die Oper binde, die „Erinnerung an etwas“ sei, woran sie sich gar nicht mehr erinnern könnten, „die legendär goldenen Zeiten des Bürgertums“. Das gilt noch heute, und es fällt einem dazu auch noch Richard Wagners Prägung einer „Wirkung ohne Ursache“ ein. Gleichwohl: Es erscheinen ganz unterschiedliche Blickwinkel. Es gibt, nicht eben selten flankiert vom unheilbaren Repräsentationsbedürfnis der – zumal in Frankfurt – reichen Klientel, immer noch jenen premieresüchtigen bourgeoisen Blick auf das Opernwesen. Er entstand in der Gründerzeit. Dieser Blick will seine Carmen mit Akazienblüte, seinen Lohengrin mit Schwan und seinen Zigeunerchor an den unlöschbaren Lagerfeuern der Konvention. Da schreibt man erboste Briefe, wenn Rigoletto ohne Buckel daherkommt.

          Zu diesem Blick gesellt sich komplementär die nicht minder stereotype Sicht der soigniert ambitiösen Fachkenner hinzu, die es fade finden, wenn Wozzeck keinen Smoking trägt. Zwei Seiten der gleichen Medaille. Dann freilich der so reflektierte kritische Blick derer, die auch bei beständig schmalerem Geldbeutel auf den Gang in den Musentempel nicht verzichten wollen, weil sie das sind, was man gerne interessierte Laien nennt. Wir finden sie, diese klugen Leute, im zweiten und dritten Rang und bei den von der Dramaturgie durchgeführten Sonderveranstaltungen. Sie schreiben engagierte Briefe, stellen niveauvolle Fragen, diskutieren das Erlebte kritisch nach den Vorstellungen.

          Wen die Oper erreichen möchte, muss sie ansprechen

          Nicht zu vergessen schließlich der andere, in modernen Zeiten immer schon tragisch scheiternde Blick: der Blick der Komponierenden und Inszenierenden, der so gerne Menschen erreichen würde, die niemals die verbissen weiterhin Kraftwerke der Gefühle genannten Musikpaläste frequentieren. Warum nicht? Weil sie ihnen absolut fremd sind, weil sie dafür kein Geld haben, weil sie aus Schichten stammen, die ihren Sprösslingen – um mit Schiller zu sprechen – keine ästhetische Erziehung, vielleicht noch nicht einmal das Abitur bieten können. Weil sie aus Weltgegenden kommen, in welchen die Spitzentöne der Königin der Nacht bislang unerhört blieben, fern ab vom Begeisterungstumult des hiesigen Publikums ob dieser sportiv empfundenen Leistung. Menschen, die aus Zeit- und Notgründen keinen Blick werfen auf Opern- oder Schauspielhäuser. Sie aber gilt es zu erreichen, sollte der Kunstform überhaupt noch eine Zukunft in einer Welt zunehmend von der Hochkultur Abgekoppelter beschieden sein. Auch hierfür, und nicht nur für die vielen aufzutreibenden Millionen Euro, die am Ende – wir kennen prominente Beispiele – sich gar auf eine Milliarde belaufen könnten, bedarf es einer „Stabsstelle“ für die Zukunft der Städtischen Bühnen unserer Stadt.

          Wie sollte es beschaffen sein, dieses Opernhaus – wo immer es zukünftig auch nicht mehr residieren, sondern mit der Welt kommunizieren sollte? Im Ostend oder – neu saniert – dort, wo es jetzt noch nach Luft japsend steht; wo im Inneren alles knirscht, leckt, bröselt und erodiert und sich der historische Grünspan der vorletzten Jahrhundertwende in den Kanalisationssystemen weiterhin so ausbreitet, als unterliege er einer evolutionsgeschichtlich vorgegebenen Logik des Verfalls?

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