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Städelschule : Der Mensch braucht Schönheit

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Seine Schrift „Futura“ hat Paul Renner entworfen, als er 1926/1927 an der „Frankfurter Kunstschule“ lehrte. Bild: Marcus Kaufhold

Städelschulgeschichten: Als Fritz Wichert mit der „Frankfurter Kunstschule“ die Ideen des Bauhauses an den Main brachte.

          Mit dem Bauhaus als Vorbild begann die ungewöhnlichste Phase in der hundertjährigen Geschichte der Städelschule, als sie 1922 mit der Frankfurter Kunstgewerbeschule fusioniert wurde: In dieser Verbindung wurde bald darauf die „Frankfurter Kunstschule“ gegründet, und die Berufung von Fritz Wichert als deren Direktor sollte sich als wahrer Glücksfall erweisen: Von 1909 bis 1922 hatte er die Mannheimer Kunsthalle geleitet und dort eine glanzvolle Sammlung französischer und deutscher Gemälde des 19. und 20. Jahrhunderts etabliert. In Frankfurt kannte er sich aus, war Assistent von Georg Swarzenski im Städel von 1907 bis 1909 gewesen, zudem Kritiker der dortigen Zeitung. Zurück in der Stadt, gelang es Wichert, in den zwanziger Jahren mit ihrer Aufbruchsstimmung und Reformfreude seine Ideen und Ziele für die „Frankfurter Kunstschule“ alsbald zu realisieren, mit Rückenwind des bedeutenden und der Moderne aufgeschlossenen Oberbürgermeisters Ludwig Landmann.

          „Gestaltung“ war das Schlüsselwort von Wichert für sein vom Bauhaus inspiriertes Lehrangebot der „Frankfurter Kunstschule“, das freie und angewandte Kunst in vielerlei Formen, auch Architektur und Innenarchitektur, Entwürfe von Möbeln, Textilien, Mode, Schmuck und Metallgeräte als ästhetische Erneuerung und „Lebenspraxis“ integrierte. „Der Mensch braucht die Schönheit wie einen Herzschlag, und auch die Städte brauchen sie und können auf die Dauer nicht ohne sie leben“ schrieb er damals in der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“, dem Sprachrohr der einflussreichen Stadterneuerer. In diesem Sinne betrieb er seine höchst erfolgreiche Personalpolitik: Aus dem Bauhaus berief er Adolf Meyer, engen Mitarbeiter von Gropius, als Leiter der Klasse für Hochbau in der „Frankfurter Kunstschule“, zudem Josef Hartwig als Werkmeister in der Bildhauerklasse, Karl Peter Röhl als Leiter der Vorklasse und Christian Dell für die Metallbildhauerei.

          Berufung von Max Beckmann

          Seine weltberühmte Schrift „Futura“ entwickelte Paul Renner, als er 1926/1927 die Klasse für Werbegraphik und Buchgestaltung in der „Frankfurter Kunstschule“ leitete, die später von Willi Baumeister mit ähnlichem Erfolg weitergeführt wurde. Für Lehraufträge oder Projekte mit den Studenten der „Frankfurter Kunstschule“ gewann Wichert aber auch wichtige Protagonisten des Neuen Bauens in Frankfurt wie Ernst May, Martin Elsaesser oder Ferdinand Kramer, der damals seinen zeitlos gültigen Kramer-Stuhl entwarf, der jetzt wieder hergestellt wird. Mit der Berufung von Max Beckmann, der in Frankfurt lebte, gewann Wichert schließlich einen der wichtigsten deutschen Maler für seine Schule, und das hatte er 1925 bei den Frankfurter Kulturpolitikern glänzend vorbereitet: „Es besteht ernstliche Gefahr, dass Frankfurt diesen Künstler verliert, wenn es nicht gelingt, ihn durch einen Vertrag an die Stadt zu fesseln“, erklärte er ihnen und überzeugte sie sofort.

          Das traurige Ende kam im Jahr 1933. Im März, zwei Monate nach Hitlers Machtergreifung, wurde Oberbürgermeister Ludwig Landmann aufgrund seiner jüdischen Herkunft zum Rücktritt gezwungen. Aus diesem Grund oder weil sie nach dem dümmlichen Kunstbegriff der Nationalsozialisten „entartete“ Gemälde oder Skulpturen schufen oder unterstützten, wurde mehreren Professoren der „Frankfurter Kunstschule“ mit sofortiger Wirkung gekündigt: Es traf Fritz Wichert, die Künstler Max Beckmann, Willi Baumeister, Richard Scheibe und Jacob Nußbaum, den Architekten Franz Nußbaum, die Leiterin der Modeklasse Margarete Klimt, zudem die Fachlehrer Hartwig und Schöffl.

          Ähnlich trostlos war aber auch die Vorgeschichte der weit über die Grenzen der Stadt renommierten „Frankfurter Kunstschule“: Denn seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Administration des Städelschen Kunstinstituts mit ihrem stark geschmolzenen Stiftungsvermögen lieber neue Gemälde für die Galerie gekauft, als weiterhin die Städelschule zu finanzieren. Schon 1893 wurde dort der Elementarunterricht eingestellt. Völlig vergessen war damals, dass der Stifter Johann Friedrich Städel die Einheit von Galerie und Ausbildung 1815 im Stiftungsbrief des Städelschen Kunstinstituts seines Testaments eindeutig festgelegt hatte.

          Nun wurde bald nach dem Ende der Elementarklasse der Malerei-Unterricht auf ein Minimum mit nur noch zwei Malerateliers reduziert. Nach weiteren Klassenschließungen im Jahr 1919 wurde der Unterricht an der Städelschule 1922 endgültig eingestellt. Zwar wurde sie nach dem Ende der „Frankfurter Kunstschule“ von 1933 bis 1945 wieder unter dem alten Namen weitergeführt, bot nun aber ungewohnte und nach der nationalsozialistischen Ideologie völlig veränderte Lehrinhalte, bar jedes künstlerischen Niveaus. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte die Städelschule wieder ein zum Glück wahrhaft nachhaltiges Comeback.

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