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Städel-Direktor Hollein : Der Macher

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Städel-Direktor Max Hollein (hier mit Kronprinzessin Mette-Marit in Frankfurt bei der Eröffnung der Edvard Munch-Ausstellung) liebt die Kultur und liefert ihr seinen Beitrag zu ihrem Gelingen in Frankfurt. Bild: dpa

Am Mittwoch wird der Erweiterungsbau des Städel-Museums eröffnet. Der Höhepunkt in der bisherigen Karriere von Max Hollein, Direktor von Städel, Liebieghaus und Schirn.

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          Der Direktor trinkt Tee. Die Haare sind wie immer streng nach hinten gekämmt. Auch wenn er salopp gekleidet ist, strahlt er stets Verbindlichkeit aus. Muss er nicht gerade repräsentative Aufgaben erfüllen, trägt er das Hemd gern offen. Das signalisiert Bewegungsfreiheit: Schließlich ist er ein Mann der Tat. Max Hollein schaut auf den Grünen Hügel, der sich im Städel-Garten wölbt, und kann zufrieden sein. Das ist sein Werk. Ohne ihn hätte es diesen Erweiterungsbau nicht gegeben. „Man muss sich einfach auch mal für Dinge entscheiden“, sagt er. Das hat er getan, kaum dass er im Jahr 2006 zusätzlich zur Leitung der Schirn Kunsthalle auch noch die Direktorenposten im altehrwürdigen Städel-Museum und im verwunschen vor sich hin dämmernden Liebieghaus übernommen hatte. Er erkannte die Defizite im Städel auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst. Dort setzte er an. Das Liebieghaus, Frankfurts Skulpturenmuseum, hat er so nebenbei von Grund auf erneuert.

          Jeder weiß, dass Max Hollein klare Vorstellungen hat. Und einen eisernen Willen, sie umzusetzen. Er fackelt nicht lange. Er packt die Sachen an. Gewiss auch zum eigenen Ruhm. Die Ergebnisse aber nützen allen. Und viele Bürger sind stolz und glücklich, sich auf die eine oder andere Weise daran beteiligt zu haben. Weil Hollein ihnen das Gefühl vermittelt, wie bedeutsam gerade ihr Beitrag für diese Ausstellung, diese Renovierung, diesen Umbau, den Erwerb dieses oder jenes Kunstwerks ist. Wie niemand in Frankfurt zuvor hat er Sponsoren ermuntert und Mäzene motiviert, einen Teil beizusteuern zu den großen Hollein-Festspielen, die nicht nur eine glänzende Inszenierung bieten, sondern auch bleibende Werte schaffen.

          Kulturmarketing=Max Hollein

          Es schnurrt und brummt und geht seinen Gang. In der Schirn, im Liebieghaus, im Städel. Nichts haftet Hollein vom Museumsdirektor alten Schlags an, der Migräne bekommt, wenn zu viele Besucher die Werke anhauchen. Kommunikation ist das Geschäft des multiplen Museumsleiters. Er bringt Menschen dazu, Kunst notwendig zu finden, von der sie vorher noch keine Ahnung hatten. So viel Kulturmarketing war noch nie in Frankfurt am Main. Und zu keiner Zeit gab es ein so großes Vermittlungsangebot, das sich an alle möglichen Gruppen richtet: Kinder, Jugendliche, die jungen Dienstleister, die Wirtschaftselite. Wenn es ein Idealbild vom modernen Kulturmanager gibt, Hollein verkörpert es.

          Eine spektakuläre Ausstellung folgt auf die andere. Gerade in diesen Tagen geht es wieder Schlag auf Schlag. Edvard Munch in der Schirn, die norwegische Kronprizessin Mette-Marit war bei der Eröffnung, sprach ein paar Worte und verschwand über einen Hinterausgang, während vorne die Massen ins Foyer der Kunsthalle drängten. Am Fastnachtsdienstag findet die Vernissage einer Schau mit Werken des amerikanischen Malers George Condo statt. Er müsse aufpassen, sagt Hollein, um mit dem als feierfreudig bekannten und am deutschen Karneval sehr interessierten Künstler nicht in der Frankfurter Nacht zu versacken. Denn am anderen Tag wird das neue Städel eröffnet. Der Erweiterungsbau, die Gartenhallen, die so hell und licht sind, dass man sich immer wieder einmal daran erinnern muss, dass sie unter der Erde liegen. Im Peichl-Bau des Städels präsentiert sich erst seit kurzem eine Ausstellung mit Werken des Landschaftsmalers Claude Lorrain. Auch der frisch renovierte Altbau mit Garten- und Mainflügel steht sein wenigen Wochen dem Publikum wieder offen.

          Er ist immer und überall dabei

          Das Haupt- und Staatsereignis dieses Winters aber ist die Präsentation einer Sammlung, die es bei Holleins Amtsantritt als Städel-Direktor in dieser Weise noch gar nicht gab, in einer architektonischen Hülle, die allein schon die Aufmerksamkeit der Kunstweltöffentlichkeit auf sich ziehen wird. Auf den Abend mit Condo verzichten? Kommt nicht in Frage. Da muss der Direktor schon dabei sein. Er ist immer und überall dabei. Wenn er nicht auf Dienstreise ist. Ganz so viel Staat wird es nun freilich doch nicht geben. Der Bundespräsident sollte die Eröffnung des Erweiterungsbaus mit seiner Anwesenheit adeln. Die Stelle ist allerdings im Augenblick vakant. In Schloss Bellevue schnurrte gar nichts. Es hakte und klemmte, und der Mief von Großburgwedel breitete sich aus. Jetzt kann Hollein ganz froh sein, dass die großzügigen Gartenhallen davor verschont bleiben.

          Vor zehn Jahren kam Max Hollein nach Frankfurt. Seither hat er die Stadt verändert. Erst einmal atmete sie auf, als der Kunsthallenleiter nicht weitere öffentliche Mittel forderte, sondern alles unternahm, um anderswo Geld für die Projekte der Schirn zu beschaffen. Sodann schaffte er es nach kurzer Zeit, die Ausstellungshalle zur bedeutendsten in Deutschland zu machen und ihr internationales Renommee zu verschaffen. Dann kamen Liebieghaus und Städel an die Reihe. Holleins Tatendrang wirkt ansteckend. Seine nüchterne Art, an die Dinge heranzugehen, vertrauenerweckend. Vor allem bei Wirtschaftsleuten, die ihre Schwierigkeiten mit dem Typus durchgeknallter Künstler haben. Wenn Hollein ihnen die Kunst erklärt, nicken sie zustimmend.

          „Ich habe keine künstlerische Ader“

          Hollein wurde 1969 in Wien geboren, ist dort aufgewachsen und fühlt sich, wie er sagt, „sehr mit dieser Stadt verbunden. Ich habe sie aber auch schon früh verlassen.“ Denn er hatte den Ehrgeiz, rasch auf eigenen Beinen zu stehen. Und die Gelegenheit dazu ergab sich in New York, am Guggenheim-Museum. Dort wurde er Projektleiter für Ausstellungen. Und lernte viel über den Zusammenhang von Museum und den kulturbürgerlichen Schichten, die es tragen, über Fundraising angesichts einer kaum vorhandenen öffentlichen Subventionierung der Kunst in den Vereinigten Staaten, über die Bedürfnisse der Wirtschaft nach ästhetischem Glanz und der Aufwertung des eigenen Tuns mittels der schönen oder auch nicht so schönen Künste. Dass er auch in der Lage ist, mit Künstlern zu sprechen, als sei er ihresgleichen, und auf ihre Befindlichkeiten einzugehen, hat mit seinem Elternhaus zu tun. Sein Vater, Hans Hollein, ist ein berühmter Architekt, in dessen Haus die Wiener Szene ein- und ausging. Bildende Künstler, Schriftsteller, Theaterleute. Qualtinger, Heller, die Wiener Aktionisten, man traf sich, man hielt zusammen gegen das Establishment. So hatte der junge Max früh Zugang zu künstlerischen Kreisen.

          Als Student in Wien hörte seine Kunstgeschichte-Kommilitonen voller Ehrfurcht von der Kunst und den Personen reden, die sie herstellen. Das fand er etwas merkwürdig: Er hatte von klein auf mit Künstlern einen ganz normalen, entspannten Umgang gehabt. Sie waren keine Wesen von einem fremden Stern für ihn. Seinen Eltern kam er allerdings so vor, als er ihnen eröffnete, nicht nur Kunstgeschichte betreiben zu wollen. „Meine Rebellion gegen das Elternhaus bestand darin, dass ich parallel zu Kunstgeschichte Betriebswirtschaft studiert habe. Das konnten sich meine Eltern am Anfang überhaupt nicht vorstellen. Später fanden sie es dann ganz interessant, dass ich beides machte.“ Künstler habe er nie werden wollen: „Ich habe keine künstlerische Ader.“ In der Szene habe er sich aber schon herumgetrieben. Mit Nina, seiner jetzigen Frau. „Wir habe schon auch in der Szene gelebt, wir waren sehr verbunden mit dem, was sich zu unserer Studentenzeit in Wien getan hat, sowohl in der Musik als auch anderswo.“

          „Wir sind freiwillig hier und sehr glücklich und zufrieden“

          Mittlerweile geht das Paar nicht mehr so oft aus wie zu früheren Zeiten. Schließlich hat es drei Kinder im Schulalter. Sie sind alle in Frankfurt geboren, haben aber österreichische Pässe. Und der Museumsdirektor hat ohnehin viele Verpflichtungen an den Abenden. Fehlt ihnen dennoch nicht Wien? New York? Ist es nicht prickelnder in London? Auf der Kunstbetriebslandkarte ist Frankfurt zwar wichtig, so wichtig aber auch wieder nicht. „Wir sind freiwillig hier und sehr glücklich und zufrieden. Die Frage, warum ich nach Frankfurt gekommen bin oder wann ich endlich wieder gehe, begleitet mich, seit ich hier bin.“

          Er schätze viele Leute in dieser Stadt, sagt Hollein, und er lebe gern in Deutschland, der größeren Vielfalt wegen. Zudem bringe sein Beruf ihn an viele Orte in der Welt. Er besuche sie nicht als Tourist, sondern tauche sofort in die Kultur ein, ins intellektuelle Leben. Er vermisse nichts. Und wenn er mit seiner Frau nach Wien oder New York fliege, sei das wie eine Zeitreise. „Aber ich muss nicht an 365 Tagen das Nachtleben von New York oder London haben. Mal ist das auch ganz schön. Aber immer - nein.“

          „In Wien hat man eher die Tendenz: Wenn alles unten ist, ist es beruhigender“

          Hollein spricht mit vielen Menschen. Und es geht nicht immer um Sponsoring oder Spenden. Aber es hält sich hartnäckig die Meinung, er greife von Unternehmen und wohlhabenden Privatpersonen ab, was zu holen ist. Grabe den anderen das Wasser ab. Diese Meinung teilt er naturgemäß nicht: „Das Wasser ist oft nicht da, wir graben, und da finden wir Wasser. Wenn es dann offen sprudelt, kommen viele andere und wollen auch etwas davon haben. Wir haben in Frankfurt vieles aufgebaut, was anderen zugutekommt.“

          Die meisten in Frankfurt sähen jedoch mit Freude, dass etwas zustande komme, wenn man sich engagiere. „In Wien hat man eher die Tendenz: Wenn alles unten ist, ist es beruhigender.“ Er sei ja aber auch angestellt worden, um mit Ideenreichtum und einer gewissen Form von Energie etwas zu bewirken. Und diejenigen wollten anderen etwas wegnehmen, die von der Stadt mehr Geld forderten. Der städtische Zuschuss für die Schirn sei in zehn Jahren konstant geblieben.

          Was bleibt noch zu tun?

          Was bleibt ihm nach dem Städel-Erweiterungsbau in Frankfurt noch zu tun? Viele meinen, das war’s jetzt. Und Hollein suche sich anderswo eine Stelle, die es ihm ermögliche, weitere Projekte zu realisieren.

          Er sollte es sich überlegen. Einen besseren Ort, um ein Heißgetränk zu trinken, als das neue Städel-Café findet er derzeit nirgends.

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