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Druckgrafiken von Picasso : Gewalt und Zärtlichkeit

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Die Städel-Ausstellung „Picasso. Druckgrafik als Experiment“ führt durch alle Schaffensphasen des Malers und Bildhauers. Dabei wird deutlich: Trotz der Aneignung von Traditionen bleibt Picasso immer er selbst.

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          Künstler, die nach ihm kamen, taten seine Bedeutung gern ab. Er war ihnen irgendwie lästig, und das Gerede vom Genie ging ihnen auf die Nerven. Einen gewissen Überdruss verspürten alle, die sich mit Kunst beschäftigten und immer wieder den einen und einzigen vorgesetzt bekamen, den Maler und Bildhauer, der sämtliche anderen überragte, der Mann, der gleichsam allein für die Moderne steht, er mag noch so sehr den alten Meistern verpflichtet und zudem ziemlich abergläubisch gewesen sein.

          An seinen Motiven kommt bis heute keiner vorbei, die deformierten kubistischen Köpfe sind ebenso charakteristisch für seine Hand wie die Zirkusfamilien, und trotz ständiger stilistischer Volten, trotz der Aneignung von Traditionen und der Anlehnung an zeitgenössische Richtungen bleibt Picasso immer er selbst. Ob er den Kubismus miterfindet oder sich einreiht in eine neoklassizistische Bewegung, die nach 1930 ganz Europa erfasste. Die Individualität des Spaniers scheint stets durch, macht jedes seiner Bilder und jede seiner Skulpturen zu einem augenscheinlich von seiner Subjektivität durchdrungenen Werk, nie versteckt er sich hinter Formen und Inhalten. Er ist allenthalben präsent. Auf eine geradezu fesselnde Weise.

          Gespür für das Außerordentliche

          Die Graphische Sammlung des Frankfurter Städel-Museums zeigt jetzt eine Ausstellung mit druckgrafischen Blättern des mit Fug und Recht so zu nennenden Ausnahmekünstlers. Das allermeiste, das in den wegen der Empfindlichkeit der papierenen Materie dämmerigen Räumen zu sehen ist, stammt aus dem Bestand des Hauses. Schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs kamen einige Arbeiten in die Kollektion, der damalige Städeldirektor Georg Swarzenski hatte die Qualität der Drucke mit sicherem Gespür für das Außerordentliche erkannt, die er auf dem französischen Kunstmarkt erwarb, darunter eine Radierung mit dem Titel „Die Armen“. Sie lässt das Einfühlungsvermögen eines Mannes erahnen, dem man narzisstische und machohafte Züge kaum absprechen kann. Dieses Blatt aber ist extrem berührend, und es belegt auch, dass Picasso auch zu einem fast schon sozialkritischen Realismus fähig war. Er konnte eben alles. Was unterschiedliche Stile angeht. Und was Techniken betrifft. Gerade davon erzählt die Schau auch.

          Wer genügend Zeit hat, kann sich anhand von Picassos Druckgrafik in die Möglichkeiten dieses Mediums vertiefen. Radierung, Linolschnitt, Lithographie: In allem bewies Picasso seine Meisterschaft. Dass diese Techniken geeignet sind, Leidenschaften geradezu exemplarisch zum Ausdruck zu bringen, ist eine Erkenntnis, die man aus dieser Ausstellung mitnimmt.

          Der Maler und sein Modell

          Picassos Kunst gründet zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf dem Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern. Das wird etwa auf den Blättern der „Suite Vollard“ offensichtlich. Der Maler und sein Modell: Das ist auch ein Blick in die männliche Psyche. Sich ihr zu widmen ist nicht gerade entspannend. Aber womöglich recht erkenntnisreich. Der Künstler versucht, die Kontrolle zu behalten, formt die Frau nach seinem Bilde, mal ist sie eine gegenständliche Skulptur, mal betrachtet sie ihre surrealistische Nachbildung, wird also doppelt ins Bild gesetzt, während der ebenso gewalttätige wie gelegentlich geradezu unbeholfen zärtliche Minotaurus für das Tierische im Künstler steht. Er ist der sexuellen Macht des weiblichen Wesens ausgeliefert und versucht, auf seine Weise damit zurechtzukommen.

          Die „Suite Vollard“, benannt nach dem Kunsthändler, der sie verlegt hat, umfasst 100 zwischen 1930 und 1937 entstandene Blätter. Sie fallen in die Zeit, als Picasso sich von seiner Frau Olga Kokhlova trennte, nachdem seine Geliebte Marie-Thérèse Walter schwanger geworden war. Mit ihr verband ihn eine Art Amour fou, und dass bald auch noch Dora Maar auf den Plan trat, sorgte für Eifersucht unter den Damen, aber für ein gesteigertes Selbstwertgefühl des Künstlers. Dass Eros nicht immer als lieblicher Engel daherkommt, ist eine verallgemeinerungsfähige Einsicht, die diese Blätter nahelegen.

          Jede Linie sitzt

          Dass Picasso sich hier als Künstler, der eine eigene Welt schafft, stilisiert, wäre bei anderen peinlich. Bei ihm ist es das nicht, weil noch jeder Strich, den er setzt, von jener Meisterschaft kündet, die anzuerkennen so vielen seiner Nachfolger schwerfiel. Weil sie etwas Niederschmetterndes für die nicht derart Begabten hat. Picassos Kosmos zieht jeden, der sich nicht dagegen sträubt, in seinen Bann, und er ist in den jetzt ausgestellten Werken in gewisser Hinsicht noch wirkungsmächtiger als in seinen Gemälden. Jede Linie sitzt, jeder Strich ist bedeutungsvoll.

          Vom politischen Engagement Picassos zeugt der Radierzyklus „Traum und Lüge Francos“, und einige wenige, aber dafür um so erstaunlichere farbige Linolschnitte lassen Picasso Fähigkeit erkennen, auch mit scheinbar grobschlächtigenVerfahren einzigartige Effekte zu erzielen. Auch hier experimentierte er, nutzte etwa drei Platten, um fünf Farben aufzutragen, wobei ihn offensichtlich das Flächige so stark interessierte wie an anderer Stelle die Reduktion der Konturen auf ein Mindestmaß.

          Die von Theresa Nisters kuratierte Schau lässt an der Experimentierfreude des Künstlers keinen Zweifel. Einige wenige Blätter und ein Druckstock für den Linolschnitt ergänzen als Leihgaben diese kleine, aber ungemein kraftvolle Ausstellung. Und es sollte uns auch nicht schwerfallen, das Genie als solches zu bezeichnen: Die künstlerische Selbstbeherrschung, mit der er auch jede Form von Unbeherrschtheit aufs Papier gebracht hat, nötigt einem allein schon Bewunderung ab.

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