https://www.faz.net/-gzg-7og0w

Stadtmuseum Wiesbaden : „Ein Platz, an dem man sich trifft“

Glaskasten mit Vordach: Das Wiesbadener Stadtmuseum auf der linken Seite der Wilhelmstraße zwischen Commerzbank und Landesmuseum, Blick vom Kureck kommend. Bild: dpa

Nach dem Willen des Architekten Helmut Jahn stellt das Wiesbadener Stadtmuseum nicht nur Exponate aus. Das Gebäude soll selbst ein Kunstwerk sein.

          „Das Gebäude wird ein Teil der Stadt sein und kein Tempel, den man betritt wie eine Kirche.“ Dieser Leitgedanke liegt dem Entwurf des Architekten Helmut Jahn für das Wiesbadener Stadtmuseum zugrunde. Der Frage, wie das Bauwerk sich am besten in das Stadtgefüge einbinden lasse, habe er sich besonders intensiv gewidmet, berichtete der vierundsiebzigjährige Deutschamerikaner am Dienstag auf einer Pressekonferenz im Rathaus.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Mit seiner einfachen Geometrie und der Verwendung von Glas und Aluminium passe sich das Bauwerk der klassischen Wilhelmstraße an. Es vertrage sich mit den auf der anderen Seite geplanten Rhein-Main-Hallen, nehme aber auch die unterschiedlichen Ausmaße seiner beiden Nachbargebäude auf. Der Baukörper liege in der Flucht der Commerzbank. Die Kante des Vordaches bilde mit der Fassade des Landesmuseums eine Linie.

          Ausgewählt: Stararchitekt Helmut Jahn soll das Wiesbadener Stadtmuseum bauen - er hat unter anderem den Frankfurter Messeturm entworfen

          Der an der Wilhelmstraße gelegene überdachte Freiraum sei „vielleicht sogar noch wichtiger“ als das Gebäude selbst, meinte der Architekt. „Hier entsteht ein Platz, an dem man sich trifft“, kündigte Jahn an. Die erfolgreichen Museen der Welt würden zu wichtigen Orten, weil die Bürger sich zu ihnen hingezogen fühlten.

          Anziehungskraft auf die Bevölkerung soll auch ein Multifunktionsraum entfalten, der für das Erdgeschoss vorgesehen ist. Er sei in den Vorgaben, die er bekommen habe, gar nicht enthalten gewesen, sagte Jahn. Aber nun weise er eine Länge von 32 und eine Breite von 24 Metern auf, ohne eine einzige Säule. In diesem Raum könnten beispielsweise auch Partys stattfinden. Sie bildeten für viele junge Leute den einzigen Anlass, ein Museum zu betreten. Jahn äußerte, dass hochwertige Materialien, die funktionale Technik und das Design dem Gebäude Nachhaltigkeit verliehen. Es diene nicht nur dazu, Exponate auszustellen, sondern solle selbst ein Kunstwerk sein.

          Stadt will das Museum mieten

          Mit einer Bruttogeschossfläche von 3600 Quadratmetern sei das 20 Meter hohe Bauwerk verhältnismäßig klein, meinte der Architekt, der sich beispielsweise mit dem Frankfurter Messeturm und dem Sony Center in Berlin internationales Ansehen erworben hat. Ihm sei die Größe eines Gebäudes aber noch nie wichtig gewesen.

          Jahns Auftraggeber ist die Projektentwicklungsgesellschaft OFB. Sie hat der Stadt das Grundstück an der Wilhelmstraße abgekauft. Die Tochter der Hessischen Landesbank will auf mehr als 9000 Quadratmetern Wohnungen bauen. Auf einer kleineren Teilfläche soll das Museum entstehen, das die Stadt mieten will.

          Alois Rhiel, der Geschäftsführer der OFB, berichtete, dass er im Juni des vergangenen Jahres fast einen Tag lang mit Jahn in Wiesbaden „inkognito“ unterwegs gewesen sei, um ihm die Stadt, vor allem aber das Grundstück, vorzustellen. Er selbst habe als Oberbürgermeister und Kulturdezernent in Fulda ein Stadtmuseum gebaut.

          Miete betrage höchstens zwei Millionen pro Jahr

          An dem Grundstück an der Wilhelmstraße sei er in seiner Zeit als hessischer Wirtschaftsminister sechs Jahre lang täglich vorbeigefahren. Jetzt stehe er an der Spitze eines Unternehmens, das sich als Partner der Kommunen verstehe. Nun wolle sein Unternehmen in Wiesbaden zusammen mit einem weltweit führenden Architekten „ein Ausrufezeichen setzen“.

          Es werde aus einem Zentrum für Kunst, Kultur und Kommunikation bestehen und sich auch für die Realisierung eines Stadtmuseums eignen. Rhiel sprach ausdrücklich von einem „Angebot“ an die Stadt. „Wir gehen davon aus, dass wir die Miethöhe unterhalb der von der Stadt Wiesbaden gewünschten Schwelle vereinbaren können. Die Risiken trage das Unternehmen, hob Rhiel hervor. Nach dem Ende der Vertragslaufzeit von rund 30 Jahren gehe die voll funktionsfähige Immobilie mitsamt dem Grundstück für einen relativ geringen Betrag wieder in den Besitz der Stadt über.

          Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) kündigte an, dass die Stadt sich in den Verhandlungen an einem Beschluss der Stadtverordneten vom Dezember 2012 orientieren werde. Darin ist festgehalten, dass der Mietzins auf der Basis eines Kostenrahmens von höchstens 24 Millionen Euro errechnet werden solle. Diese Summe war genannt worden, als die Stadt noch die Absicht hatte, das Museum selbst zu bauen. Daraus ergibt sich, wie berichtet, umgerechnet eine Jahresmiete in der Größenordnung von zwei Millionen Euro.

          Die Idee, das Museum zu mieten, war in Wiesbaden auch angesichts der Tatsache entstanden, dass das Innenministerium es der Stadt nach der Einschätzung der Kommunalpolitiker nicht erlauben werde, einen zweistelligen Millionenbetrag für ein Museum auszugeben. Gestern wurde keine Investitionssumme mehr genannt.

          „Wiesbaden braucht ein Stadtmuseum“, sagte Gerich. Es sei Ausdruck bürgerschaftlichen Selbstbewusstseins, historischer Einordnung und der Identifikation mit der Stadt. Auch damit lasse sich das von ihm betonte Wir-Gefühl stärken. Die OFB sei der richtige Partner für das Projekt, Jahns Entwurf sei „hochspannend“. Er werde dafür sorgen, dass das Gebäude internationale Beachtung erfahren werde, meinte Gerich. Hingegen sprach Michael von Poser, der Fraktionsvorsitzende der Bürgerliste, von einem „öden Glaskasten, wie ihn jeder kann, phantasielos, grobschlächtig, ohne jeden Bezug zu Wiesbaden und der Rue“.

          Rhiel kündigte an, dass sein Unternehmen den Bauantrag parallel zu den Verhandlungen erarbeiten und vor den Sommerferien fertig haben werde. Aus seiner Sicht könne man im nächsten Frühjahr mit dem Bau beginnen und das Stadtmuseum im Advent 2016 eröffnen.

          Weitere Themen

          Der Kunstmarkt in Zahlen Video-Seite öffnen

          Kurz erklärt : Der Kunstmarkt in Zahlen

          Jährlich werden auf dem internationalen Kunstmarkt 60 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Doch wo viel Geld ist, sind Kunstdiebstahl und Fälschungen nicht weit. Jedes dritte Kunstwerk auf dem Markt soll nicht echt sein.

          Topmeldungen

          1:0 gegen Bremen : Dusel-Tor verhilft den Bayern zum Sieg

          Das Vorspiel zum DFB-Pokal-Halbfinale geht an die Münchner. Im Titelrennen der Bundesliga gelingt ihnen gegen dezimierte Bremer ein Arbeitssieg der zähesten Sorte. Ein Abwehrspieler wird zum goldenen Torschützen – mit Glück.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.