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Helmut Schwan (hs.)

Stadtflucht in Hessen : Leben auf dem Lande

  • -Aktualisiert am

Gemeinschaft aus Kreativen, Hippen und Familien? Häuser an einem Feld in einem Wohngebiet Bild: Lucas Bäuml

Wenn es eine Bewegung „zurück aufs Land“ gibt, dann ist sie vor allem der Not geschuldet, keine bezahlbare Wohnung in der Stadt zu finden. Leben auf dem „flachen Land“ ist allerdings nicht so romantisch und hip wie von manchen erhofft.

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          Mancher Trend wird schon ausgerufen, ehe es überhaupt erste Signale gibt. Die angebliche Stadtflucht könnte ein solches Phänomen sein. Zumindest, soweit sie mit der romantischen Vorstellung verknüpft ist, Familien, Kreative und Lebenskünstler ziehe es scharenweise in die Dörfer, um in hipper Gemeinschaft täglich frische Milch vom Bauern zu holen und den Mist zu riechen.

          Wenn es denn eine Bewegung „zurück aufs Land“ gibt, dann ist sie vor allem der Not zuzuschreiben, in den weiter wachsenden oder zumindest den Ansturm noch längst nicht verkraftenden Metropolen keine bezahlbare Wohnung zu finden. Es ist daher vor allem ein Umzug ins Umland, in neue Siedlungsgebiete. Wo man dann im Zweifel auf die gleichen Nachbarn trifft, die man in der Großstadt gehabt hätte, wären dort die Preise für Quartiere noch erschwinglich gewesen.

          Ein unerfüllbares Ideal

          Allerdings lässt sich ein Aspekt der Pandemie derzeit kaum abschätzen: Die Art zu arbeiten wird sich nachhaltig ändern und damit bis zu einem gewissen Grad auch, wo und wie man wohnt. Homeoffice wird zu einem erheblichen Prozentsatz Corona überdauern. Was die Frage, wie viel Mühe und Kosten man auf sich nehmen muss, um als Pendler sein Auskommen zu finden, neu stellt. Allerdings besteht die Illusion vom Arbeiten im Grünen und im Kreis der Lieben oft nicht den Realitätscheck. Zwar ist es in der Pandemie einfacher, die Kinder, die weder in die Schule noch in den Hort dürfen, im eigenen Garten spielen zu lassen, als sie in einer engen Wohnung zu beschäftigen. Aber die Vorstellung, Familie und Beruf vom eigenen Schreibtisch viel leichter organisieren zu können, hat sich in den vergangenen Monaten nicht selten als unerfüllbares Ideal erwiesen.

          Auf dem „flachen Land“ ist am eigenen Leib zu erfahren, was schlechte Infrastruktur bedeutet: weder Schule noch Kindergarten am Ort, kein Arzt, kein Supermarkt, und der Bus fährt nur zweimal morgens und abends – das ist auch in weiten Teilen Hessens traurige Wirklichkeit. Es ist die zwangsläufige Folge davon, dass die jungen Menschen seit Generationen zum Arbeiten in die Ballungsräume ziehen. Bis sie wieder zurückkommen, muss sich noch viel ändern. Jene, die in Familie und Beruf aus dem Gröbsten raus sind, werden das Abenteuer Provinz eher wagen. Ihre Initiative braucht es, um alte Bahnstrecken zu reaktivieren, Fahrgemeinschaften zu den Schulen und Kinderbetreuung zu organisieren. Schnelles Internet zu bekommen, das ist nach der Stadtflucht oft die leichteste Übung.

          Helmut Schwan
          (hs.), Rhein-Main-Zeitung

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