https://www.faz.net/-gzg-9h2fb

Stadtentwicklung in Frankfurt : Die ersten Projekte werden schon gestrichen

Noch zu retten? Auch das Europaviertel ist noch nicht so etabliert wie gewünscht. Bild: Ly, Martin

Vor allem die Grünen sind mit dem neuen Konzept zur Stadtentwicklung unzufrieden. Sie wollen an der Autobahn lieber Grünflächen als Gewerbe.

          Manche Leute haben spezielle Vorlieben. Sie gehen zum Beispiel gerne an einer achtspurigen Autobahn spazieren, und zwar an einer Stelle, an der die Fahrbahnen eine sechsspurige andere Autobahn kreuzen. Auf den Feldern neben dem Bad Homburger Kreuz von A5 und A661 führen diese Leute ihre Hunde aus. Eine Starkstromleitung über ihren Köpfen und ein Gewerbegebiet im Rücken machen die Idylle komplett. Menschen mit solchen Präferenzen hat zumindest Manuel Stock schon beobachtet. Für den Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Römer ist das ein Grund, warum eine Fläche, die im Stadtentwicklungskonzept als Gewerbegebiet eingestuft ist, keinesfalls bebaut werden darf. „Grünzüge an der Autobahn werden von den Menschen als Erholungsflächen genutzt“, meint er.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das geplante Gewerbegebiet neben dem Bad Homburger Kreuz will Stock darum aus dem Konzept streichen. Dabei wäre es durch eine Straße gut erschlossen, auf deren anderer Seite schon Ikea und Hornbach liegen. Stock will aber, dass diese Felder dem Grüngürtel zugeschlagen werden, wie es ein Plan aus den neunziger Jahren auch vorsieht. „Wir sollten lieber bestehende Gewerbegebiete attraktivieren. Diese Grünfläche geben wir nicht preis.“ Dass durch eine Verlagerung von störendem Gewerbe aus der Innenstadt an den Stadtrand anderswo neue Freiräume entstehen, glaubt er nicht. Außerdem seien die Felder am Bad Homburger Kreuz schon als Ausgleichsfläche für die Bebauung am Römerhof verplant.

          Kristische Grüne

          Es ist nicht der einzige Vorschlag, den die Grünen aus dem Konzept entfernen wollen. Auch der „Untersuchungsraum“ im Frankfurter Norden rund um Nieder-Erlenbach behagt Stock nicht. „Wir haben uns in der Koalition darauf verständigt, dass wir nicht am Pfingstberg bauen.“ Denn eine solche Bebauung würde die Frischluftzufuhr aus der Wetterau bremsen. Auch ein neues Stadtquartier nordöstlich von Eschersheim sehen die Grünen kritisch. Und nördlich von Bergen lägen wertvolle Streuobstwiesen. „Das muss man sich genau anschauen.“

          Für Stock steht fest, dass die gestern in dieser Zeitung veröffentlichte „Strategiekarte“ überarbeitet werden muss. Sie zeige einen veralteten Diskussionsstand. „Wie sind irritiert, dass das wieder auftaucht. Es gibt einige Dinge, die so nicht abgestimmt sind und die wir schwer mittragen können.“ Das Planungsdezernat wisse auch, dass es Dissens gebe. „In dieser Fassung werden wir das Stadtentwicklungskonzept nicht mit beschließen.“

          Priorität Wohnraum

          Der Koalitionspartner CDU sieht das Konzept entspannter. Der Fraktionsvorsitzende Michael zu Löwenstein wäre schon zufrieden, wenn das vage als „Untersuchungsraum“ gekennzeichnete Gebiet rund um Nieder-Erlenbach in der Karte anders eingefärbt würde, um darzustellen, dass es sich in einem anderen Planungsstadium befindet als das Baugebiet an der Grenze zu Steinbach. „Theoretisch kann man auch rund um Nieder-Erlenbach gucken. Wir können dem Planungsamt nicht verbieten, nachzudenken. Aber das ist nicht akut.“ Die Koalition habe einmütig beschlossen, dass der Pfingstberg in dieser Wahlperiode nicht bebaut werde. Die übrigen Projekte unterstützt Löwenstein. „Wir müssen tun, was wir können, um Wohnraum zu schaffen. Dass man sich jede Möglichkeit anschaut, die sich bietet, ist völlig richtig.“ Besonders die nachträgliche Verdichtung der locker bebauten Siedlungen aus der Nachkriegszeit sei „absolut die richtige Idee“. Viele dieser Siedlungen sind im Eigentum der städtischen ABG. Deren Geschäftsführer Frank Junker bemisst das Potential, das durch Ergänzung und Aufstockung der eigenen Siedlungen entstehen könnte, auf 3000 bis 4000 Wohnungen. Junker sagt, er habe sich schon lange für eine städtebauliche Neuordnung dieser Siedlungen ausgesprochen.

          Die Opposition bewertet die Pläne zurückhaltend. Elke Tafel-Stein, planungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, sieht in dem Konzept „eine Mischung von Altem und Neuem“. Auch sie will, dass der Pfingstberg gestrichen wird, setzt aber Hoffnungen auf das ebenfalls im Plan enthaltene Rebstock-Areal. Die Erwartung, dass durch eine Verdichtung der Siedlungen der Nachkriegszeit insgesamt sogar 10.000 Wohnungen entstehen könnten, hält die Politikerin für zu optimistisch. „Das Potential ist nicht realistisch. Ich rechne mit starken Widerständen.“

          Fokus auf Bedarf

          Die Linke will sich den im Konzept gesammelten Plänen nicht verschließen, fordert aber, dass die wirklich bedürftigen Wohnungssuchenden profitierten. Sollten neue Stadtviertel entstehen, so auf einem anderen Preisniveau und mit einer anderen Sozialstruktur als auf dem Riedberg und im Europaviertel, meint der Planungspolitiker Eyup Yilmaz. Sozialwohnungen dürften nicht nur als Lärmschutz dienen. „Auch bei der Verdichtung der Siedlungen muss die Stadt darauf achten, dass dies nicht zu Gentrifizierung führt. Einige Freiräume müssen erhalten bleiben.“

          Dass die Stadt am Rand von Liederbach ein Gewerbe- und kein Wohngebiet plant, ärgert Thomas Horn (CDU). Der Direktor des Regionalverbands wünscht sich dort, an der Stadtgrenze von Sulzbach, Liederbach und Frankfurt, ein interkommunales Stadtquartier. „Es wird auch Gewerbe geben. Aber wir wollen den Schwerpunkt auf Wohnen legen.“ Am Konzept kritisiert Horn zudem, dass Kleingärten erhalten bleiben sollen. „Kleingärten an Schienenstrecken sind ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Wir sollten sie verlagern.“ Außerdem lässt der Verbandsdirektor erkennen, dass das Siedlungsbeschränkungsgebiet des Flughafens im nächsten Regionalen Flächennutzungsplan anders gefasst wird. „Es gibt eine kleine Erleichterung für Frankfurt.“ Nördlich von Bergen wäre somit tatsächlich Spielraum für ein neues Wohnquartier.

          Weitere Themen

          Nied wächst bis an den Main

          Neues Wohnbauprojekt : Nied wächst bis an den Main

          Der Westrand von Nied wird mit einer Wohnbebauung neu erschlossen. Das Projekt war im Stadtteil umstritten; letztlich erhält dieser nun aber ein neues attraktives Entree und eine Verbindung zum Main.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Die Macht der Netzwerke

          Anne Will versuchte zu erklären, wie sich Annegret-Kramp Karrenbauer durchsetzen konnte. Vieles dürfte ungewiss bleiben, nur eines scheint klar: Netzwerke bleiben für Politiker unerlässlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.