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Nach Schüssen : Wächtersbach ruft zu Mahnwache gegen Rassismus auf

  • Aktualisiert am

Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit: Die Stadt Wächtersbach lädt zu einer Mahnwache ein. Bild: dpa

Im hessischen Wächtersbach ist ein Eritreer angeschossen worden. Der mutmaßliche Täter soll ein fremdenfeindliches Motiv gehabt haben. Nun will die Stadt ein Zeichen setzen.

          Einen Tag, nachdem ein 26 Jahre alter Eritreer im hessischen Wächtersbach durch einen Bauchschuss schwer verletzt wurde, hat die Stadt für Dienstagabend zu einer Mahnwache gegen Rassismus aufgerufen. Die Ermittler gehen von einem fremdenfeindlichen Motiv des mutmaßlichen deutschen Täters aus, der sich kurz danach erschoss. Nach Angaben eines Sprechers der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt sei das Opfer „aufgrund seiner Hautfarbe“ ausgewählt worden. Auch andere Hinweise aus der Durchsuchung der Wohnung des mutmaßlichen Täters, der sich selbst erschoss, erhärteten diese Vermutung.

          Nachdem sich seit Dienstag herumspreche, dass das Opfer wohl aufgrund seiner Hautfarbe gewählt worden sei, mache sich im Ort Betroffenheit bemerkbar, sagte Bürgermeister Andreas Weiher (SPD): „Gestern wurde noch spekuliert, es könne sich um eine Tat unter Asylbewerbern oder eine Milieu-Straftat handeln.“

          Laut Weiher handelt es sich bei dem Opfer um einen Bewohner der Nachbargemeinde. Man wolle mit der Mahnwache Solidarität gegenüber dem Verletzten bekunden, sagte Weiher. „Es gilt zeitnah ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Wir bekennen hier Farbe.“ Dem Bürgermeister sei kein vergleichbarer Fall eines fremdenfeindlichen Übergriffs in Wächtersbach bekannt. Dass sich Weiher mit seiner Positionierung zu einem möglichen Ziel von Anfeindungen macht, fürchtet er nicht.

          Täter soll Sportschütze gewesen sein

          Die Bevölkerung sei am Ort des Vorfalls eingeladen, „dem Opfer und seiner Familie zu gedenken und ein Zeichen zu setzen gegen rassistische Gewalt“, hieß es in dem gemeinsamen Aufruf von Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Koch, Bürgermeister Andreas Weiher, Landrat Thorsten Stolz (SPD) sowie der Kirchen des Ortes. In einer Presseerklärung erklärten Weiher, Stolz und Erlensees Bürgermeister Stefan Erb: „Auf dem Boden des Grundgesetzes leben wir in Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, und diese Errungenschaften verteidigen wir mit allen demokratischen Mitteln.“ Sollten sich die Hinweise verdichten, dass der Täter aus einem rechtsradikalen Umfeld heraus agierte, so müsse auch das Umfeld beleuchtet werden. Es müsse geklärt werden, ob es  „ein breiteres Netzwerk, einen Kreis Gleichgesinnter“ gebe, die die beförderte.

          Ein 55 Jahre alter Deutscher hatte den Mann aus Eritrea am Montag offenbar aus einem Auto heraus in Wächtersbach niedergeschossen. Das 26 Jahre alte Opfer wurde nach Angaben des hessischen Landeskriminalamts und der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft bei der Tat am Montag schwer verletzt, nach einer Notoperation war der Mann am Dienstag außer Lebensgefahr. Der mutmaßliche Schütze habe sich mit einem Kopfschuss selbst getötet.

          Er soll ein Mitglied eines Schützenvereins gewesen sein. „Die Waffen waren alle legal beim Main-Kinzig-Kreis angemeldet“, sagte Manfred Weber, der Bürgermeister von Biebergemünd. Der allein lebende Mann sei seit 2017 in dem Ort im Main-Kinzig-Kreis gemeldet und nicht auffällig gewesen. „Er lebte zurückgezogen“, sagte Weber über seine Informationen. Während er am Vereinsleben des Ortes nicht teilnahm, solle er einem Schützenverein in der Umgebung angehört haben.

          Politiker kritisiert AfD

          Der hessische Bundestagsabgeordnete, Achim Kessler (Die Linke), sieht eine klare Parallele zum Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und wirft der AfD in einer Pressemitteilung eine Mitverantwortung an dem Zwischenfall vor: „Die Hassreden der rechtsextremen AfD in und außerhalb der Parlamente sind der Nährboden für diesen Rechtsterrorismus.“

          Kessler forderte die Landesregierung auf, „den braunen Sumpf in Polizei und Verfassungsschutz trockenzulegen, damit der Kampf gegen Rechtsextremismus ernsthaft aufgenommen werden kann“.

          Fünf Jahre nach Breivik

          Der Vorsitzende des Landesausländerbeirats Hessen, Enis Gülegen, sagte, nach dem Anschlag sei das friedliche Zusammenleben aller Menschen in Deutschland und Hessen in Gefahr. Der von Rechtspopulisten gegenüber Migranten betriebene Hass schlage nun offenbar in Mordanschläge auf offener Straße um.

          Die Fraktionsvorsitzende der Linken im hessischen Landtag, Janine Wissler, äußerte sich erschüttert über die Tat. Wenn sich der Verdacht bewahrheite, dass der Täter aus rassistischen Motiven handelte, sei es nach dem Mord an Lübcke der zweite rechtsextremistische Mordanschlag in Hessen innerhalb von wenigen Wochen. Wissler wies darauf hin, dass sich der Angriff am 22. Juli ereignete. An diesem Datum habe 2011 der norwegische Rechtsextremist Anders Breivik auf der Insel Utøya 77 Menschen getötet. Fünf Jahre später habe der offenbar von diesem inspirierte David S. in einem Münchner Einkaufszentrum neun Menschen erschossen. „Es darf nicht zugelassen werden, dass der 22. Juli zu einem Symboltag wird, an dem Rechtsterroristen Gewalttaten verüben“, fügte Wissler hinzu.

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