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Konzern im Umbau : Stada will Zentrale in Bad Vilbel stärken

Dreisatz: Claudio Albrecht will Stada zentralisieren, internationalisieren und unabhängiger von der Chemie machen. Bild: Wolfgang Eilmes

Im Herbst fängt der fünfte Stada-Chef seit Mitte 2016 an. Sein Vorgänger stellt aber schon jetzt die neue Strategie des Pharmakonzerns vor – das ist unüblich. Bad Vilbel könnte aber zum Gewinner werden.

          Wie mag sich ein Chef fühlen, der in einem knappen halben Jahr auf seiner Positionen schon wieder Geschichte sein wird? Solch ein Manager gilt gemeinhin als „lahme Ente“. Claudio Albrecht lässt an diesem Donnerstag seine Gefühlswelt außen vor, aber er strahlt Aufbruchstimmung aus. Der erfahrene Pharma-Manager an der Spitze der Stada AG steht in einem modisch knapp geschnittenen karierten Anzug vor einer Leinwand und erläutert seine Pläne für die Arzneimittelkonzern mit Sitz in Bad Vilbel. Die Nummer drei unter den Herstellern von Nachahmer-Medikamenten in Europa und die Nummer fünf in der Welt sollen die Hessen demnach werden. Stada werde den internationalen Vertrieb stärken und Dutzende Millionen Euro besonders in biotechnisch erzeugte Mittel gegen Diabetes, Krebs und Schmerzen, stecken. Im Gegenzug will der Konzern massiv Kosten senken, indem er auf weniger Zulieferer als derzeit zurückgreift. Auf Bad Vilbel kommt der Chef auf Zeit erst auf Nachfrage zu sprechen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was er zu sagen hat, mutet gar nicht schlecht an. Im Gegenteil: Der ehemalige Chef des Konkurrenten Ratiopharm will Stada mehr als Konzern aufstellen. Das heißt: Die Zentrale wird mehr Entscheidungen selbst fällen und nicht mehr den Tochtergesellschaften in Großbritannien, Russland, Serbien oder Myanmar überlassen. In Bad Vilbel gebe es schon jetzt einen Kreis, der zum Beispiel entscheide, ob Stada in Nicaragua eine bestimmte Arznei einführe oder nicht. Diesem Zirkel gehört Albrecht selbst an, wie er berichtet.

          Verstärkt in Schwellenländer gehen

          In der Folge stärke der an der Börse gelistete Generika-Hersteller die Zentrale administrativ. Albrecht spricht von einem „gewissen Aufbau von Ressourcen“. Allerdings strebt er zudem größere Einheiten in der Produktion an und will mit Stada verstärkt in Schwellenländer gehen. Märkte wie Iran, Irak, die Maghreb-Staaten und Vietnam als Drehscheibe in Asien hat er auf dem Zettel.

          Das klingt nicht gerade nach mehr Produktion im Hochlohnland Deutschland. Eher ist das Gegenteil zu vermuten, zumal Stada in der Vergangenheit schon die Produktion im Ausland gestärkt hat und in Vietnam mehr Gas geben will. Die Tochterfirma Hemopharm in Serbien ist ein Pfeiler. Insofern mag seine Aussage überraschen, er sehe in Bad Vilbel „keinen Grund, dort etwas zu tun“. Der etwa 1000 Mitarbeiter starke Stammsitz verfüge über gute Leute und ausgezeichnete Technologien. Dort füllt Stada flüssige und halbfeste Mittel wie Salben ab und fertigt Tabletten.

          „In den Social Media sind wir grottenschlecht“

          Albrecht – der vierte Vorstandschef seit dem unfreiwilligen Abgang des gut zwei Jahrzehnte amtierenden Mittelhessen Hartmut Retzlaff – fasst aber nicht nur die Konzernstruktur an, er will außerdem die Kundenansprache modernisieren. Gerade im Internet soll Stada in der Zukunft viel besser vertreten sein. „In den Social Media sind wir grottenschlecht“, schimpft der Manager. Dem Konzern geht es wie vielen anderen Unternehmen auch: Er muss die Kunden dort treffen, wo sie sind – nicht dort, wo er sie gerne hätte.

          Dabei muss er auf die Kosten achten. Aus diesem Grund werde Stada künftig etwa Bandenwerbung in Fußballstadien „opportunistisch“ schalten. Als Musterbeispiel nennt Albrecht ein Länderspiel zwischen Deutschland und Liechtenstein. Werbezeiten bei dieser Partie zu kaufen, sei billig. Gleichwohl erreiche Stada viele mögliche Käufer seiner Arzneimittel, von denen viele frei verkäuflich sind. Darunter sind ein in Deutschland noch recht neues Mittel gegen Kopfläuse und ein erst vor wenigen Monaten auf den Markt gebrachtes vorbeugendes Spray gegen Erkältungsviren. Damit setzte Stada im vergangenen Jahr 952,2 Millionen Euro um, 1,36 Milliarden Euro entfielen auf Generika. Anders als früher ist die Gewinnspanne bei den frei verkäuflichen Mitteln nicht mehr höher.

          Als wichtiges Thema erachtet er auch die Pharmakogenetik. Dabei geht es darum zu prüfen, ob ein Medikament für den jeweiligen Patienten wirklich geeignet ist. Stada arbeitet seit einigen Jahren mit der Humatrix AG aus Pfungstadt zusammen und hat mehrere Gentests zu gängigen Wirkstoffen gegen zu hohe Blutfettwerte, Brustkrebs oder Depressionen im Angebot.

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