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Staatstheater Wiesbaden : Siegfried als unschlagbarer Kraftbursche

  • -Aktualisiert am

Das Bier steht im Kühlschrank: Siegfried (Andreas Schager) lebt in einem Männerhaushalt. Bild: Karl & Monika Forster

Szenisch gelungener als zuvor. Und erst die Stimmen: Wiesbadens „Siegfried“ ist ein Fest des Wagner-Gesangs. Auch wenn nicht jede Szene Tatsachen entspricht.

          Siegfried schneidet nicht mit Nothungs scharfer Klinge. In Wiesbaden öffnet er vielmehr mit einem Algorithmus jene Türen, die den Alten, Wotan und Alberich, verschlossen bleiben. Sie scheitern kläglich an Tor und Zaun zur Höhle Fafners, während Siegfried, der Nerd mit den filzig langen Haaren, mühelos den Zugangscode knackt. Der Kampf mit dem Drachen, der sich anschließt, ist ein Computerspiel, projiziert auf die Bühne im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden, mit Fantasyfiguren und leuchtendem Siegesschriftzug „Victory!“.

          Mit „Siegfried“ ist dem Wiesbadener Intendanten Uwe Eric Laufenberg nach „Rheingold“ und „Walküre“ die werkdienlichste Regie innerhalb des neuen Wiesbadener „Rings des Nibelungen“ gelungen, der eigentlich eine Neueinstudierung von Laufenbergs Linzer Inszenierung ist. Das Handlungskaleidoskop, das die Emanzipation des jungen Helden gegenüber seinem Ziehvater Mime, den Kampf mit dem Drachen Fafner, das Brechen von Wotans Speer und Macht und das Erweckungserlebnis mit Brünnhilde umfasst, mag in seiner Vielgestaltigkeit dem eher impulsiv als streng konzeptionell angelegten Ansatz Laufenbergs entgegenkommen.

          Videos legen Fährte

          Der Bär, den Siegfried als Schreckgestalt für Papa Mime aus dem Wald mitbringt, ist ein ebenso pubertär wie er aufbegehrender Kumpel, der sich erst einmal ein Bier aus dem Kühlschrank des Männerhaushalts holt (Bühne: Gisbert Jäkel). Als Fafner, hier der überlebende Alleinherrscher der „Fasolt-Fafner-Bank“, erlegt ist, drängt sich ein Pulk von Fotografen um eine blonde Frontreporterin auf die Bühne. Das widerspricht zwar der Tatsache, dass Siegfried das Weibliche erst in Gestalt Brünnhildes kennen und fürchten lernt, sorgt aber immerhin für Aktion, um die der Alleserklärer Laufenberg nie verlegen ist. Ein szenischer Unfug bleibt die Aufführungszäsur im zweiten Akt, in der die Musik schweigt und die Übertitelungsanlage uns auf Wagners zwölf Jahre lange „Ring“-Schaffenspause an dieser Stelle hinweist.

          Wenn die Tetralogie am 23. April mit der „Götterdämmerung“ vollendet wird und sich sogleich die erste von zwei zyklischen Gesamtaufführungen im Rahmen der Maifestspiele anschließt, dann verspricht Glanz allein schon die vokale Seite. Mit Ausnahme der jungen Sopranistin Sonja Gornik, an deren Stelle dann Evelyn Herlitzius ihre Bayreuth-Erfahrung ins Spiel bringen kann, war in der Premiere schon die Festspielbesetzung zu hören, allen voran der österreichische Tenor Andreas Schager in der Titelpartie.

          Schager kann alles, hat Wucht, Schliff und satte Spitzentöne in der Kraftprobe der Schmiedelieder, zeigt punktuell Gespür für leichte Lyrismen und verfügt bis zur Schlussszene mit Gorniks höhenleichter Brünnhilde über schier unerschöpfliche Kondition. Das keine Grenzen kennende Auftrumpfen des Kraftburschen gelingt ihm mindestens ebenso plausibel wie die Andeutung des kalt kalkulierenden erwachsenen Siegfrieds der „Götterdämmerung“ – insoweit legt Laufenberg nach der Tötung Fafners (Young Doo Park) ebenso eine Fährte wie mit Hilfe der Videos von Falko Sternberg, die Gold und Macht, Reichtum und Massaker, Putin, Trump und Merkel zeigen.

          Starke Spannungsbögen

          Der Tag nach der Premiere der „Walküre“ im Januar war überschattet vom plötzlichen Tod Gerd Grochowskis, des Sängers der Wotan-Partie. Der zum Wanderer gewordene Göttervater ist nunmehr mit Jukka Rasilainen und dessen sanftem Lamento-Ton eindringlich besetzt. Einen höchst wandlungsfähigen und sogar tiefenscharfen Spieltenor bringt Matthäus Schmidlechner als Mime ein. Thomas de Vries als bassschwarzer Alberich und Stella An als luftig-flexibler Waldvogel ergänzen die großartige Ensembleleistung ebenso wie Bernadett Fodor, die als Erda mit einem Trauerzug von drei Nornen und acht verbliebenen Walküren auf den Trümmern des Walkürenfelsens erscheint.

          Siegfrieds und Brünnhildes Schlussduett wird von Alexander Joel und dem Hessischen Staatsorchester trotz schwächelnder Hornstimmen gestisch beredt und mit so starken Spannungsbögen wie die gesamte Premiere begleitet und entfaltet sich in der Wahl der kompakten Tempi noch sängerfreundlicher als hinsichtlich der Lautstärke, die für Schagers unschlagbaren Siegfried freilich nie auch nur den Ansatz einer Herausforderung darstellt.

          Nächste Vorstellungen am 9. und 16. April sowie im Rahmen der zyklischen „Ring“-Aufführungen am 29. April und 26. Mai. Beginn jeweils 17 Uhr.

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