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Staatstheater Wiesbaden : Theater als Abbild der Gesellschaft

„In 20 Jahren sind wir ausgehungert.“ Das sagt der Wiesbadener Intendant. Die Fassade aber glänzt. Bild: Michael Kretzer

Hohe Auslastung, gute Einnahmen: Trotzdem hat das Staatstheater Wiesbaden finanzielle Sorgen. Und der Haussegen hängt auch nicht immer gerade.

          5 Min.

          Die Zahlen klingen großartig – man muss nur genauer hinschauen. Quasi als Weihnachtsgeschenk hat die hessische Landesregierung angekündigt, die Budgets der drei Staatstheater in Wiesbaden, Kassel und Darmstadt dieses Jahr anzuheben, auch das Landestheater Marburg bekommt mehr. Insgesamt gibt das Land dann statt 124 Millionen mehr als 128 Millionen Euro aus, das Budget in Wiesbaden, das höchste, wird nun bei 46,6 Millionen Euro liegen – 730.000 Euro Landesmittel mehr als bisher.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von der Steigerung allerdings wird nach Darstellung des geschäftsführenden Direktors Bernd Fülle nichts hängenbleiben: „Eine Verbesserung unserer finanziell angespannten Situation bedeutet sie nicht.“ Denn die Summe ist längst eingepreist. Für die Biennale und für Tarifausgleichskosten, für die Anpassung der Mindestgagen, die von Kunstministerin Angela Dorn (Die Grünen) im Dezember angekündigt worden war, sowie für Bauunterhaltung und andere schon zuvor bekanntgemachte Erhöhungen.

          Schlechte Kommunikation bis hin zu Eklats

          Grundproblem für Fülle: „Wir sind nicht auskömmlich finanziert. Die Grundkosten müssten gedeckt sein, dazu fehlen in Wiesbaden aber mehr als eine Million Euro. Das zwingt uns dazu, viel zu spielen.“ Überlastung und Überforderung des Personals waren vor allem in der zweiten Jahreshälfte nicht nur durch eine Anhörung der Theater im Landtag publik geworden, wo der Personalratsvorsitzende eine mehrseitige Auflistung der Überbeanspruchung, auch im Vergleich zu den anderen Staatstheatern, eingereicht hatte. Zur 125-Jahr-Feier im September hatte es darüber hinaus anonyme Briefe mit Klagen über Überlastung, mangelnde Absprachen und schlechte Kommunikation bis hin zu Eklats bei Versammlungen gegeben.

          Die Dokumentation für die Anhörung der Theater durch den Landtag sei im ersten Quartal in einer „sehr schwierigen Phase“ entstanden. „Heute herrscht eine ganz andere Atmosphäre“, versichert Intendant Uwe Eric Laufenberg. Damals sei etwa die Schreinerei stark belastet gewesen, körperlich und mental habe es sich um eine „sehr schwierige Zeit“ gehandelt. Mittlerweile sei die Lage entspannter.

          Über den Arbeitsmarkt nicht zu füllen

          „Wir haben sogar Überstunden abgebaut“, sagt der Technische Direktor Dominik Scheiermann: „Wir haben ja viele Gäste im Haus, zum Beispiel bei den Maifestspielen. Und es wird uns immer eine sehr gute Arbeitsatmosphäre bescheinigt.“ Die Arbeitsbelastung sei teilweise hoch, gibt er zu. Der Krankenstand sei zu Jahresanfang, auch saisonal bedingt, höher gewesen, Fremdpersonal anzuwerben, sei zudem schier unmöglich. Viele der Lücken, so Scheiermann, seien über den Arbeitsmarkt nicht zu füllen. Momentan aber seien alle fünf Bühnenmeisterstellen besetzt, auch fünf Beleuchtungsmeisterstellen, eine weitere werde nachbesetzt.

          Alles besser: Intendant Uwe Eric Laufenberg (links) und Geschäftsführer Bernd Fülle

          Generell sei die Personallage, wie sie auch der Bericht des Personalrats darstellt, schlecht. Stellen, die frei würden, könnten nur schwer nachbesetzt werden. Das, so Scheiermann, liege nicht daran, dass zu wenig ausgebildet werde. „Neuralgische Punkte“ seien etwa jene Positionen wie Bühnen- und Beleuchtungsmeister, die aus bühnenrechtlichen Gründen grundsätzlich benötigt würden. Geeignete Kandidaten wanderten immer häufiger in die Industrie und den Schiffstourismus ab. Dort werde deutlich besser bezahlt als am Theater. Das gehe allen Häusern so, es gebe kaum Bewerber auf Stellenausschreibungen. Allenfalls die Möglichkeit, die Beleuchter und Bühnenmeister nach „überwiegend künstlerischer Tätigkeit“ und damit flexibler zu bezahlen, gebe es – allerdings nicht in Wiesbaden. „Wir haben das Problem, dass wir an den Tarif gebunden sind. Und der ist deutlich zu niedrig für diese Verantwortung“, sagt Scheiermann. Selbst Angebote, Angestellte aus den eigenen Reihen gegen zeitliche oder finanzielle Unterstützung fortzubilden, seien nicht möglich: „Wir dürfen nicht.“

          „Zum Erfolg verdammt“

          „Wiesbaden ist weniger von Fachkräftemangel betroffen als davon, wie alle hessischen Theater, dass Hessen aus der Tarif-Ländervereinbarung ausgestiegen ist“, ergänzt Fülle. Die Stadt Frankfurt etwa zahle nach den Tarifen des öffentlichen Dienstes und damit auch an den Städtischen Bühnen deutlich mehr. Man könne, sagt Scheiermann, sehr leicht andere Einstufungen der Beschäftigten vornehmen. Das aber müsse die Politik wollen – und tun.

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