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Staatstheater Wiesbaden : Liebe und Lust unter dem Hirschgeweih

  • -Aktualisiert am

Die Pilgerfahrt nach Rom hat auch nichts gebracht: Tannhäuser weiß noch immer nicht, wie Kunst und Leidenschaft in dieser Welt überleben sollen. Bild: Karl & Monika Forster

Wagner ist Chefsache: Intendant Uwe Eric Laufenberg inszeniert „Tannhäuser“ in Wiesbaden. Erstmals dirigiert der neue Generalmusikdirektor Patrick Lange.

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          Er sei, ließ Richard Wagner die Welt wissen, derselben noch den „Tannhäuser“ schuldig. Dabei hat er keines seiner Bühnenwerke so oft bearbeitet wie die 1845 in Dresden uraufgeführte Oper um den Konflikt zwischen der reinen Liebe, wie sie in der Minne der Wartburggesellschaft besungen wird, und der puren Lust im Venusberg. Für die Pariser Erstaufführung im Jahr 1861 komponierte Wagner ein Bacchanal im Anschluss an die Ouvertüre nach, um der dortigen Ballettkonvention halbwegs entgegenkommen zu können, bei Aufführungen in München und Wien folgten Retuschen.

          In seiner Wiesbadener Neuinszenierung stützt Staatstheaterintendant Uwe Eric Laufenberg sich auf eine Mischfassung, wobei niemand, der Laufenbergs Regiearbeiten verfolgt, ernsthafte Zweifel daran gehabt haben dürfte, dass er sich ein prall ausgespieltes Bacchanal entgehen lassen würde.

          Reiches Assoziationsgewusel

          Und so schälen sich während einer eigens für das Vorspiel auf der Bühne arrangierten Kinovorführung aus einem Haufen müder Pilger ziemlich gut gebaute, splitternackte „Nymphen“ heraus, die sich Wagner tatsächlich, nur vielleicht nicht direkt so, für die Sphäre der Venus vorgestellt hatte. Der stumme Film selbst, von Gérard Naziri und Falko Sternberg zusammengestellt, bringt ein reiches Assoziationsgewusel mit bewegten Rom-Bildern alter und neuer Päpste, tierischer Liebe, Tsunamiwellen und elftem September, Hippiehimmel und Drogenhölle. Weit nüchterner präsentiert sich Rolf Glittenbergs Bühne, auf der die Romantik in Versatzstücke geronnen ist, mit Wandgeweihen an der Seite, einem Greifvogel und einer Waldprojektion hinten. Das optische Vokabular wirkt ein wenig wie die Verlängerung von Laufenbergs aus Linz nach Wiesbaden importierter Sicht auf den „Ring“.

          Durchaus erhellend geht es zur Sache, wenn der Regisseur im zweiten Akt den Skandal, den Tannhäuser durch seine Sicht der Liebe auslöst, mit dem plötzlich in die konservativen Wartburggesellschaft eindringenden Quintett der nackten Nymphen bekräftigt. Vor nicht allzu langer Zeit hätte das in Wiesbaden wahrscheinlich einen satten Opernpremierenstörfall ausgelöst, den das am Ende ungebrochen Musik und Szene bejubelnde Publikum hier verweigert. Die Idee ist ja auch gut, was offenbar Laufenberg selbst so sieht, denn er lässt die zwei Tänzerinnen und drei Tänzer zu Tannhäusers läuterungsdienlichem Aufbruch nach Rom gleich noch einmal (und nun ein wenig redundant) grüßen. Der ruhig um ein liegendes Kreuz auserzählte letzte Akt bietet einen kräftigen und treffend nach innen gewandten Kontrast.

          Musikalische Leitung ist Chefsache

          Nicht nur die Regie des neuen Wiesbadener „Tannhäuser“ war Chefsache, auch die musikalische Leitung ist es: Patrick Lange, der 36 Jahre alte, bis 2012 an der Komischen Oper Berlin verantwortlich tätige neue Wiesbadener Generalmusikdirektor, betreute am Staatstheater seine erste Operneinstudierung. Trotz schön aufblühender Horn-Passagen konnte er im ersten, am konventionellsten genommenen Aufzug manche Schnitzer im Orchestergraben nicht verhindern, ein wenig zu locker ließ er die Zügel punktuell beim von Chor und Extrachor stattlich gesungenen Einzug der Gäste auf der Wartburg. Wachsendes Format zeigte der rücksichtsvoll und anschmiegsam begleitete Sängerwettstreit.

          Im dritten Aufzug schließlich bot Lange den beiden eindrucksvollsten Premierensängern eine perfekt mitatmende und klanglich berückende Partnerschaft: Benjamin Russell versinnlichte mit seinem jungen und eleganten Bariton geschmackvoll Wolfram von Eschenbachs „Lied an den Abendstern“, Sabina Cvilak brachte außer ihrem mehr als mädchenhaften, dabei völlig klar und gerade geführten Sopran auch noch eine faszinierende Bühnenpräsenz für ihr großartiges Porträt der reinen Elisabeth ein. Dass sie im ersten Akt, stumm von einer Statistin gedoubelt, schon in einem Schneewittchensarg auf der Bühne präsent war, gehörte wie Tannhäusers finaler Abgang in nebliges Licht zu den eher abgeschmackten Regiezutaten. Auch vokal glückte nicht alles: Jordanka Milkovas absolut unverständliche Artikulation in der Rolle der Venus, Young Doo Park als einseitig derber Landgraf Hermann sowie Aaron Cawleys unstet intonierter Walther von der Vogelweide ließen Wünsche offen.

          Einen ambivalenten Eindruck hinterließ der Tenor Lance Ryan. Sein Tannhäuser bot stabil plazierte Höhen, aber auch eine flache Mittellage, die im Sängerwettstreit bedenklich aus dem Fokus geriet. Seine Rom-Erzählung im dritten Akt dagegen brachte eine ergreifende und sehr wissend deklamierte Seelenschau. Dabei ließ Ryan, der von Kostümbildnerin Marianne Glittenberg zum lederschwarzen Outlaw ausgestattet worden war, sich nie auf jene pauschalen Gesten ein, die der Regisseur offenbar nicht allen Solisten abgewöhnen konnte – Armschwung zur Seite, Blicke nach oben. Trotzdem: Mit seinem „Tannhäuser“ hat Laufenberg eine seiner überzeugendsten Wiesbadener Regiearbeiten in einer Produktion vorgelegt, die sich orchestral zudem zunehmend gut und vokal zum Teil sehr gut hören lassen kann.

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