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Staatstheater Wiesbaden : In zehn Jahren kommen wir wieder

Uraufführung Clemens Bechtel „Casino" am Staatstheater Wiesbaden Bild: Karl und Monika Forster

Das Staatstheater Wiesbaden macht mit dem Stück „Casino“ den Rathaus-Skandal zur bemühten Tragikomödie.

          3 Min.

          „Ich bin doch auch Whistleblower“, raunte eine Stadtverordnete der Grünen noch ihrer Bekannten zu, bevor das Saallicht ausging. „Whistleblower“ ist vielleicht ein wenig zu pathetisch formuliert, das Risiko dürfte überschaubar gewesen sein. Aber Regisseur Clemens Bechtel und die Dramaturgin Marie Johannsen haben in der Tat viele Gespräche mit denjenigen geführt, die nahe dran waren an den Ereignissen, die in den vergangenen beiden Jahren Wiesbadens Stadtpolitik erschüttert haben.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Der einstige Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), der wegen Vorwürfen der Vorteilsnahme und der Bestechlichkeit vor einem Jahr bekanntgegeben hatte, nicht zur Wiederwahl anzutreten, war nicht unter den Informanten – und auch nicht zu Gast im Staatstheater Wiesbaden, als am Sonntagabend im Kleinen Haus die Uraufführung von „Casino“ über die Bühne ging, mit einem Oberbürgermeister namens Jens als Hauptfigur, gespielt von Thomas Peters. Wohl aber war sein Nachfolger Gert-Uwe Mende (SPD) anwesend, ebenso wie zwei der Protagonisten, die auf der Bühne eine Rolle spielen. Der einstige Geschäftsführer der städtischen WVV-Holding, Ralph Schüler, vormals auch Schatzmeister der Wiesbadener CDU, durfte sich als Wolf Meister, jovial-komisch mit diabolischen Untertönen gespielt von Uwe Kraus, wiedersehen. Und Bernhard Lorenz, vormals Fraktionsvorsitzender der CDU, der im Herbst 2019 seine restlichen Ämter abgeben musste, tritt als Bernd Brenz auf: Michael Birnbaum spielt einen Strippenzieher der Kategorie „alter weißer Mann“ mit der Siegesgewissheit dessen, der noch jeden manipuliert hat.

          Dass er sich am Ende buchstäblich eine blutige Nase holt, während Meister am Boden liegt und der jungenhafte Oberbürgermeister Jens sich an der Macht in Form seines Büroteppichs festkrallt, bis seine eigenen Gefolgsleute ihm den Abgang nahelegen, gehört zu den überaus plakativen, aber nur mäßig lustigen Szenen, die aus „Casino“ noch lange keine gelungene Politsatire machen. Denn Bechtel und Koautor David Gieselmann haben sich vorgenommen, das Stück ins Allgemeine zu heben, dahin, wo die Tragik von Machtmenschen liegt, die gern Macher sein wollen und die Macht verlieren.

          Gut gefüllter Saal

          Auch das gelingt nur bedingt, was nicht an den eingestreuten Zitaten aus Shakespeares „Richard II.“ liegt. „Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Gegebenheiten sind zwar nicht zufällig, aber beabsichtigt“, prangt zur Eröffnung an der Hinterbühne. So schief und gewollt geistreich wie dieser Satz ist vieles in den 100 Minuten, in denen das Publikum bisweilen auflacht, man sich alles in allem aber des Eindrucks nicht erwehren kann, die aufgebaute Theatermaschinerie sei etliche Nummern zu groß für die wenigen Fakten und Charakterstudien, die in „Casino“ anklingen. Fürchteten die Verfasser Klagen? Wohl kaum, schließlich werden am Ende der echte – offene Brief – Schülers verlesen und auch die Klarnamen einiger Beteiligter genannt.

          Das Raffael-Gemälde der „Schule von Athen“ illustriert das Geschehen, bis am Ende ein Ruinenpanorama erscheint: Die Kumpels aus Wiesbaden flankiert von Aristoteles, Platon und Diogenes? Wie weit her es mit der Vernunft der Protagonisten zumindest im Stück ist, demonstrieren Szenen, in denen ein Hauch von Groteske aufscheint. Wenn der übereifrige und vom Erfolg berauschte Jens zu allem „Ich bin dabei!“ schreit, und es für unnötig hält, öffentliche Aufträge auszuschreiben. Für sein Büro im Baumarktstil etwa – Gerichs tatsächlicher erster Fauxpas war die aufwendige Sanierung seines Büros für rund 300.000 Euro. Und wen der Jens auf Ibiza besucht hat, fragen sich als Running Gag all seine Polit-„Freunde“, während das Foto einer Luxusvilla eingeblendet wird. Da hat Jens aber schon gelernt, selbst Strippen zu ziehen, halt nicht sehr geschickt. Dass das Stück auch auf die ortsansässige Zeitung eindrischt, ist eine recht überhebliche Medienschelte, die nicht ganz zu dem Erzählten passt. Das Publikum aber, seit einem Jahr medial auf „Casino“ vorbereitet, ist neugierig: Nur noch wenige Restkarten gibt es für die Vorstellungen bis in den März hinein.

          „To be continued ...“ steht im Programmheft am Ende einer Chronologie der Ereignisse. Angesichts all dessen, was derzeit in Wiesbaden und Frankfurt an Mauscheleien ans Tageslicht befördert wird, könnte man noch ein paar Stücke schreiben. Die müssten aber ein bisschen mehr knallen. Was verspricht Jens am Ende? „In zehn Jahren kommen wir wieder, um zu bleiben.“

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