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Staatstheater Mainz : Am Ende kämpft hier jeder ganz für sich allein

Drama auf der Bühne: Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“. Bild: Bettina Müller

Allem Naturalismus entkleidet: Christoph Mehler inszeniert am Staatstheater Mainz Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“.

          Gerhart Hauptmanns Schlesien ist weit weg. Kein großes Gut und keine Butzenstube, keine Kate, keine Bauern und auch keine Kohlegruben und - sieht man von den Kostümen einmal ab - auch nicht die Spur von 19.Jahrhundert auf der weiten leeren Bühne. Stattdessen: Hier. Jetzt. Heute. Wie ehedem und immerdar. Auch wenn sich, wie in Hauptmanns Stück nun einmal vorgesehen, vordergründig alles um mit Kohle reich gewordene Bauern, um Suff und Völlerei und Dekadenz hier, um das soziale Elend der Bergarbeiter dort dreht.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch Christoph Mehler, der Hauptmanns 1889 uraufgeführtes und seinerzeit als Skandal empfundenes Erstlingswerk jetzt am Staatstheater Mainz inszeniert, hat „Vor Sonnenaufgang“ allen Naturalismus entkleidet. Und mit äußerster Präzision das Skelett freigelegt. Ein Skelett freilich, das vor der Folie des unendlichen Universums (Bühne: Anne Hölzinger) mehr zeigt als nur die Fratze der frühkapitalistischen Verhältnisse und zugleich der allzu naheliegenden Versuchung widersteht, dem Neoliberalismus des 21.Jahrhunderts schlicht den schlesischen Spiegel des 19. vorzuhalten. Zwar steht auch hier Hoffmann für den mit dem Reichtum von den alten Idealen abgefallenen Zyniker; und auch hier ist in seinen Augen der Sozialist und Abstinenzler Alfred Loth „ein höchst gefährlicher Idealist“.

          Doch indem Mehler nicht nur reichlich Text, sondern mit dem Ehepaar Krause und allerlei Knechten, Dienern, Mägden - bis auf Marie - auch nahezu alle Nebenfiguren einspart, verdichtet er Hauptmanns „soziales Drama“ auf seinen existentiellen Kern. Die soziale ist hier nicht nur eine materielle, auf die kapitalistischen Verhältnisse gemünzte Frage, sondern eine der individuellen Haltung. Der Empathie. Und der Entscheidung. „Schimmel“, sagt Loth einmal zu seinem Studienfreund Schimmelpfennig (Zlatko Maltar), „Schimmel, wir hatten drei Möglichkeiten: heiraten, die berühmte Kugel oder weiter leben, kämpfen.“ Und genau darum, dem Leben einen Sinn zu geben, geht es exemplarisch für jeden der Protagonisten.

          Für Hoffmann (Stefan Graf), der dem für eine kritische Reportage nach Schlesien gekommenen Journalisten höhnisch die alten Ideale auszutreiben sucht („Arbeite lieber was! Tu was! Komm zu was!“); für Loth (Aram Tafreshian), der glücklich sein kann „nur, wenn alle Anderen glücklich sind“ und nicht „im Schweiße ihres Angesichts verhungern“; und nicht zuletzt für Krauses Tochter Helene (Verena Bukal), die Loth als ihren Retter sieht: „Es ist ganz entsetzlich, wie es hier zugeht; ein Leben wie das liebe Vieh - ich wäre darin umgekommen ohne dich.“ Am Ende aber kämpft hier jeder ganz für sich allein. Und scheitert. Die Magd Marie (Lisa Mies), die bei Hauptmann noch ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, hier aber immer wieder bloß in blinder Wut gegen die Verhältnisse anschreit, gerade wie der Arzt Schimmelpfennig.

          Selten so vertraut

          Wie Hoffmann, Loth, Helene: jeder hatte eine Chance, und sei es nur für einen Augenblick, seinem Leben noch einmal eine Wendung zu geben. Zu einem besseren, menschlicheren, glücklicheren Dasein. Doch keiner der mal vor-, mal zurücktretenden, stets aber auf der Bühne präsenten Figuren kann hier aus seiner Haut. Und jeder verrät am Ende die eigenen Ideale. Und den Nächsten. All das präpariert Mehlers Inszenierung am Staatstheater Mainz in so stilisierten wie schlichten und präzisen Bildern kunstvoll heraus. Schade nur, dass er nicht nur die Darstellerin Maries, sondern alle im Ensemble dazu angehalten hat, sich überwiegend schreiend zu artikulieren.

          Denn was als Stilmittel punktuell plausibel erscheint, etwa um Hoffmann als Choleriker zu zeichnen oder die Verzweiflung Helenes zu akzentuieren, geht einem auf Dauer schlicht und einfach auf die Nerven. Und gerät überdies um ein Haar nur zur Klamotte. Es wurde denn auch viel gelacht bei der Premiere. Dabei ist hier bis auf die Frisuren kaum etwas besonders komisch, im Gegenteil. Kein Sonnenaufgang, nirgends.

          Hauptmann aber und seine Figuren - Marie in ihrer materiellen Not, Loth und Helene, Hoffmann und Schimmelpfennig mit ihren Sehnsüchten und pathologischen Ängsten, den hehren Idealen hier und dem blanken Zynismus dort -, sie alle erscheinen als Charaktere selten so vertraut. So menschlich noch in ihrer Erbärmlichkeit. Und ihrem Scheitern. Heftiger Applaus.

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