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Organspende : Manipulation der Warteliste: Klinik weist Vorwürfe zurück

Mehr als 1000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderherz. Bild: dpa

Seit April sind der Staatsanwaltschaft Gießen schon schwere Vorwürfe gegen die Bad Nauheimer Kerckhoff Klinik bekannt. Es geht um Fälschungen der Wartelisten bei Organtransplantationen. Jetzt nehmen die Ermittlungen Fahrt auf.

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          Die Warteliste für ein Spenderherz ist lang. Knapp 1130 Menschen hat die Deutsche Stiftung Organspende allein 2018 registriert. 318 Herz-Transplantationen wurden durchgeführt, 82 Menschen starben, weil nicht schnell genug ein passendes Organ für sie gefunden werden konnten.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer auf ein Spenderherz angewiesen ist, der ist krank. Schwer krank. Aber ist der Zustand immer auch akut lebensbedrohlich? Eine Prüfkommission des Bundesgesundheitsministeriums wirft der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim vor, Patienten durch die gezielte Gabe bestimmter Herzmittel „kränker“ gemacht zu haben, als sie tatsächlich waren (F.A.Z. von Freitag). Die Betroffenen sollen so schneller an ein Spenderherz gekommen sein. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass schwerstkranken Patienten die Chance auf ein Herz verwehrt geblieben ist. Bei zwölf der 25 untersuchten Transplantationen, die in der Klinik vorgenommen wurden, soll es laut Prüfbericht zu „systematischen Unregelmäßigkeiten“ gekommen sein.

          Diese „Unregelmäßigkeiten“ in den Jahren 2013 bis 2015 beschäftigen die Gießener Staatsanwaltschaft seit April, wie ein Sprecher bestätigte. Bisher habe man „Patientenakten im umfangreichen Maße“ beschlagnahmt und eine Stellungnahme der Klinik eingeholt. Die Ermittlungen seien erst im November vertieft worden. Denn so lange habe der Bericht der Kommission auf sich warten lassen. Gestern habe die Klinik zudem ein 400 Seiten umfassendes Gutachten nachgereicht, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Das alles gelte es jetzt auszuwerten. Dass Patienten aufgrund ihres Versicherungsstatus bevorzugt wurden, gilt als ausgeschlossen.

          Klinik schaltet externen Gutachter ein

          Ardeschir Ghofrani, ärztlicher Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik, weist die Vorwürfe zurück. „Die Patienten wurden jederzeit auf höchstem medizinischen Niveau behandelt.“ Ein unabhängiger Gutachter, der sich alle Daten angesehen habe, teile diese Sicht, hob eine Sprecherin der Klinik hervor. Sein Bericht werde in Kürze an alle Institutionen, die mit dem Fall befasst seien, weitergeleitet. Die Kritik der Kommission habe man zum Anlass genommen, interne Abläufe zu verbessern. Dafür habe man externen Experten zur Hilfe geholt. Ghofrani hatte zuvor eingestanden, dass die Dokumentation „missverständliche Interpretationen“ zulasse, die nicht der Realität entsprächen.

          Das Herztransplantationszentrum in Bad Nauheim ist neben der Universitätsklinik Gießen das einzige dieser Art in Hessen. Etwa acht Herz-Transplantationen werden dort pro Jahr vorgenommen. Erst 2016 musste die Frankfurter Uniklinik ihr Herztransplantationsprogramm beenden, nachdem drei von vier transplantierten Patienten kurz nach der Operation verstorben waren. Seither werden Patienten aus dem Rhein-Main-Gebiet an die Kerckhoff-Klinik verwiesen.

          Deren Transplantationsprogramm wird vom Ministerium für Soziales und Integration gefördert. Aus dem Kommissionsbericht geht hervor, dass das Ministerium 2017 auf eine Teilnahme an der Klinik-Überprüfung verzichtet hatte. „Aus terminlichen Gründen“, wie es von der Behörde heißt – und weil es zuvor „keinerlei Beanstandungen“ gegeben habe.

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