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Pfingstturnier der Sportreiter : Großes Talent im Haifischbecken

Neue Generation, gut vernetzt: Chloe Reid und Luis P auf dem Weg zum Sieg im Biebricher Schlosspark. Bild: Imago

Die Amerikanerin Chloe Reid siegt im Stechen der Springreiter beim Pfingstturnier. Zuvor hatte Isabell Werth sogar Rafael Nadal überboten.

          Über den Wiesbadener Schlosspark donnerten die Rosinenbomber hinweg – zur Jubiläumsfeier der amerikanischen Luftbrücke nach Berlin. Und unten, im Parcours, ging der Große Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden und damit 30.000 Euro Preisgeld an eine junge Amerikanerin: Chloe Reid, die erst 22 Jahre alt ist und damit zur neuen Springreiter-Generation gehört, flog im Stechen geradezu durch den Parcours und siegte mit dem Hengst Luis P. Die Studentin, die sich als Profireiterin sieht, ist vor vier Jahren nach Thedinghausen gezogen, wo sie vom einstigen Championatsreiter Markus Beerbaum betreut wird. Chloe Reid, der der erste amerikanische Wiesbaden-Sieg nach 43 Jahren gelang, ist gut vernetzt: Ihr Onkel ist Chester Weber, eine der Größen im Vierspänner-Sport, Silbermedaillengewinner bei den Weltmeisterschaften 2014 in der Normandie. Platz zwei beim insgesamt mit 120.000 Euro dotierten Höhepunkt des Pfingstturniers belegte die Luxemburgerin Charlotte Bettendorf mit Hope Street vor Reids Landsmann Lucas Porter auf C Hunter. Der Eleve des ehemaligen Weltmeisters Jeroen Dubbeldam aus den Niederlanden war mit 21 Jahren der Jüngste im Feld.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Bester Deutscher war Marcel Marschall vom Bodensee mit Utopia als Vierter vor dem inzwischen 55 Jahre alten, aber unermüdlichen Altmeister Ludger Beerbaum mit Cool Feeling. 13 von 37 Paaren hatten das Stechen erreicht – nicht unbedingt eine ideale Quote. Und doch blieben einige der großen Namen zurück. Der Niederländer Harrie Smolders und der ehemalige Europameister Christian Ahlmann (Marl), die nicht mit ihren Top-Pferden am Start waren und im Umlauf einen beziehungsweise zwei Hindernisfehler hinnehmen mussten.

          Falls im Haifischbecken des Dressurreitens Aufregung herrschen sollte, so kann Entwarnung gegeben werden. Im Sattel des neunjährigen Quantaz, eines mit großem Talent gesegneten Pferdes, wird Isabell Werth nicht noch zusätzlich die Konkurrenz aufmischen. Sie hat ihn ihrer Sammlung von vierbeinigen Hochkarätern nur temporär einverleibt. Nur einige wenige Male stellt sie ihn auf Turnieren vor, zuletzt beim Maimarkt-Turnier in Mannheim und nun auch in Wiesbaden. Das allerdings mit Erfolg. Sie gewann den Wiesbadener Grand Prix am Sonntag und den krönenden Grand Prix Special am Montag – mit 76,255 Prozentpunkten und insgesamt in ihrer Karriere zum 13. Mal.

          Titelsammlung wie Nadal

          Sie habe, sagte sie, im Radio gehört, dass auch Tennisstar Rafael Nadal so eine Titelsammlung habe. Er gewann am Pfingstsonntag zum 12. Mal das Grand-Slam-Turnier in Paris. „Es gibt also genügend Kollegen, die auch mehrfach gewinnen“, sagte sie, fast, als müsste sie sich für ihre Seriensiege entschuldigen. Mit Quantaz wird aber nicht mehr viel dazukommen.

          Das langbeinige Talent gehört der österreichischen Championatsreiterin Victoria Max-Theurer, die den Wallach demnächst übernehmen will. Sie visiert mit ihm die Qualifikation für die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Tokio an. Auf den Spuren ihrer Mutter: Sissy Theurer gewann bei den Spielen 1980 in Moskau die Goldmedaille in der Dressur. Die erfahrene Isabell Werth soll Quantaz in den großen Sport einführen, danach soll er für Austria glänzen. Am Rand des Wiesbadener Vierecks machten Mutter und Tochter Max-Theurer jedenfalls zufriedene Gesichter.

          Soll demnächst für Austria glänzen: Quantaz, vorgeführt von Isabell Werth.

          Mit der elfjährigen Pathetique haben sie eine ähnliche Strategie. Diese Stute, eine Halbschwester von Quantaz, wurde in Wiesbaden von Dorothee Schneider (Framersheim) vorgestellt. Sie belegte mit ihr im Grand Prix Special den zweiten Platz. „Ich hoffe, dass sie noch etwas in meinem Stall bleibt“, sagte sie. „Der Funke ist sofort übergesprungen, dieses Pferd liegt mir sehr.“ Auch für Reitmeisterin Ingrid Klimke hat sich die Reise von Münster nach Wiesbaden wieder einmal gelohnt – trotz einer Achterbahnfahrt in der Vielseitigkeit. Auf eine sensationelle Dressur mit ihrem Championatspferd Hale Bob folgte ein Aussetzer im Springen mit drei Abwürfen.

          Mit einem tadellosen Geländeritt konnte sie sich wiederum von Rang fünf auf Rang drei verbessern. Es siegte zum fünften Mal im Schlosspark der dreifache Olympiasieger Michael Jung auf Star Connection, einem Wallach, der einst hoch eingeschätzt war, aber eine lange Verletzungspause durchleiden musste. Nun ist er wieder da und hat sich bewährt, er wird behutsam wieder aufgebaut.

          Für Klimke war mit dem Geländeritt der Spaß aber noch nicht vorbei. Als Sonntag Nacht die Schweinwerfer der Flutlicht-Kür ausgingen, fragte sie sich sogar ernsthaft, was mehr Spaß gemacht hatte: mit Bobby durchs Gelände jagen oder mit Franziskus zu spanischen Rhythmen eine Kür zelebrieren. Mit ihrem auf Dressur spezialisierten Hengst gewann sie erstmals diese Prüfung und übertraf dabei mit 80,68 Prozentpunkten sogar die 80-Prozent-Marke. Franziskus, der sich nicht gerade kontemplativ gab, sondern sich im Gegenteil ziemlich wild aufführte, fand in Wiesbaden offensichtlich in den idealen Stimmungsmodus für Bestleistungen. Zweiter wurde der Bad Homburger Sönke Rothenberger mit dem großen Nachwuchspferd Santiano, mit 80,040 Prozentpunkten nur knapp hinter der Siegerin, vor der Wiesbadenerin Anja Plönzke mit Fahrenheit (76,73). Rothenbergers Top-Pferd Cosmo wird am kommenden Wochenende bei den deutschen Meisterschaften in Balve am Start sein. Dort trifft er auf Isabell Werths Cracks Bella Rose und Emilio. Der 24 Jahre alte Student muss eine schlimme Erfahrung verarbeiten. Er hatte Cosmo im Februar bei einem nächtlichen Brand auf dem Familien-Anwesen zwar unversehrt aus dem Stall retten können. Aber mehrere Pferde verloren ihr Leben.

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