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F.A.Z.-Leser helfen : Sprache lernen im Berufsalltag

  • -Aktualisiert am

Anleitung: Monika Überla im Kreise von Schützlingen im Ausbildungsrestaurant „Startorante“ Bild: Wonge Bergmann

Im Programm „Faberis“ lernen Ausbilder, wie sie Flüchtlingen Deutsch für den Berufsalltag beibringen können. Für das Projekt haben die F.A.Z.-Leser im vergangenen Jahr gespendet. Die ersten 34 Ausbilder haben den Kurs jetzt absolviert.

          Liana Chilingaryan ist eine Expertin in Fragen internationaler Aus- und Fortbildung. Die gebürtige Armenierin hat eine russische Schule besucht, in Frankreich Unternehmensrecht studiert und in den Vereinigten Staaten an vielen Fortbildungen teilgenommen. Sie wägt ihre Worte sorgfältig ab, wenn sie spricht, sie differenziert genau und spricht exzellent. „Aber ich konnte kein einziges Wort Deutsch, als ich nach Deutschland kam“, sagt sie.

          Auch deswegen ist sie vermutlich so besonders geeignet, Flüchtlingen und anderen Menschen mit Migrationshintergrund dabei zu helfen, die Zunge zu lösen und die Sprache zu erlernen, wenn sie versuchen, Arbeit zu finden, um sich hier zu integrieren. „Das hier war wirklich hervorragend“, sagt die junge Frau, die im Frankfurter Verein zur beruflichen Förderung von Frauen (VbFF) als Ausbilderin für kaufmännische Berufe arbeitet. Hier lernen Frauen, viele von ihnen alleinerziehende Mütter und viele auch mit Migrationshintergrund, wie sie den Weg ins Berufsleben schaffen können.

          Wort-Memorys und Sprach-Kreuzworträtsel

          Mit „Das hier“ ist die Weiterbildung zur „Sprachförderkraft für berufsintegriertes Sprachlernen“, von „Faberis“, der „Fachstelle für berufsintegriertes Sprachlernen“ gemeint. 17 Männer und Frauen haben den zweiten Lehrgang erfolgreich absolviert und feiern das an diesem Nachmittag. Seit September haben sie ein Vierteljahr lang immer donnerstags und freitags den ganzen Tag lang gebüffelt und ausprobiert, Wort-Memorys und Sprach-Kreuzworträtsel erstellt, Tafelrallys und Bingospiele organisiert, komplizierte Fachtexte vereinfacht und sich auch theoretisch viele Gedanken gemacht über das Lernen von Sprache für den Beruf. F.A.Z-Leser haben „Faberis“ im vergangenen Jahr mit ihren Spenden unterstützt, die ersten 17 Absolventinnen und Absolventen waren bereits im Juni fertig mit der Ausbildung.

          „Meine Schüler waren begeistert von den Spielen mit Text- und Wortbausteinen und haben mich gebeten, den Unterricht jetzt immer so zu machen“, erzählt Chilingaryan. Was sie während des Lehrgangs gelernt haben, konnten die Teilnehmenden an den Tagen dazwischen gleich in die Praxis umsetzen und ausprobieren - und ihre Erfahrungen mit den anderen Männern und Frauen aus der Gruppe wieder besprechen.

          „Man achtet jetzt ganz anders auf Sprache, auch auf seine eigene“, sagt Monika Überla, die als gelernte Köchin und Konditorin in der Ausbildung in der „Faprik“ arbeitet und junge Flüchtlingsfrauen im Ausbildungsrestaurant „Startorante“ im Gallusviertel bei der Berufsorientierung hilft. „Ohne professionelle Anleitung verfällt man ja schnell in so ein ganz einfaches Ausländerdeutsch. Hier aber haben wir gelernt, wie man schwierige Inhalte vereinfacht, Prüfungstexte in kleine Stücke aufteilt und so sehr sprachsensibel wird“ , erläutert sie die Lehrgangsinhalte.

          Auch Peter Schwan und Roger Traiser aus Weiterstadt und Bensheim, beide Ausbilder der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main für das Bauhandwerk, wussten vor der Teilnahme an der Faberis-Fortbildung nicht, wie sie den Flüchtlingen ohne ausreichende Sprachkenntnisse, die sie in Ausbildung bringen wollten, die fachlichen Inhalte vermitteln sollten. „Die Unterschiede sind ja riesig, wir haben Teilnehmer, die einen Highschoolabschluss aus den USA haben, und andere, die in Eritrea nur vier Jahre die Schule besucht haben“, berichtet Traiser.

          „Vor dieser Weiterbildung haben wir unsere Teilnehmer nie nach einem Feedback gefragt“, sagt Schwan. Jetzt hängt er in der Lehrwerkstatt regelmäßig Plakate auf, auf denen die Teilnehmer mitteilen können, ob sie sich wohl fühlen oder ob sie etwas gelernt haben im Unterricht. Die Handwerker haben einen großen Vorteil: „Wir müssen keine Maurerkelle fotografieren, um den Begriff zu erklären, wir können sie einfach zeigen und deuten.“ Erfolgreich haben sie einen betreuten Flüchtling direkt in eine Ausbildungsstelle vermitteln können. „Der war sehr kontaktfreudig und hat sich sehr darum bemüht, die Sprache zu lernen“, erzählt Schwan.

          Die beiden Ausbilder helfen ihm jetzt auch nach den Tagen in der Berufsschule nach dem Unterricht weiter, markieren und gliedern Texte mit ihm. „Wir arbeiten selbst jetzt strukturierter“, sagen sie, denn die Handwerksmeister haben Sprachvermittlung ja auch nie wirklich gelernt. Dank des „Faberis“-Kurses haben sie jetzt mehr Verständnis dafür, was ihre Schützlinge „gar nicht können können“, und können ihnen gezielter helfen. Beispielsweise mit einem Werkzeug-Memory, bei dem auf dem einen Kärtchen die Maurerkelle abgebildet ist, die Karte mit dem Wort „Kelle“ müssen die angehenden Azubis rausfischen. Auf dem „Feedback-Plakat“ steht dadurch jetzt viel öfter ein Strich in der Rubrik „wohl fühlen“ und „viel gelernt“.

          Berufsintegrierte Sprachförderung

          Meta Cehak-Behrmann leitet die Kurse und vermittelt gemeinsam mit vier weiteren Dozentinnen die Inhalte mit viel Herzblut, was alle Teilnehmerinnen immer wieder betonen. Berufsintegrierte Sprachförderung sei keine Vermittlung von Deutschkenntnissen nach dem Modell eines üblichen Sprachunterrichts, sagt sie. Die Vermittlung von Fachinhalten stehe zwar weiterhin im Zentrum, „die sprachlichen Ausdrucksformen der Fachinhalte werden aber in die Ausbildung integriert“. Sprache wird nicht nur mit dem Grammatikbuch gelernt, sondern aus der fachlichen Lernsituation heraus. Fachtexte und Situationen im Arbeits- und Schulalltag bilden die Folie des Lernens.

          Fachkräfte und Ausbilder sprechen aufgrund ihrer Fachkompetenz oft in Strukturen, die Lernende ohne umfangreiche Deutschkenntnisse nicht verstehen. Als Beispiel nennt sie den Satz: „Eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr sollte vermieden werden“, den junge Pflegefachkräfte hören oder lesen - und nur Bahnhof verstehen. Ein geschulter Ausbilder merkt künftig, was er da sagt, und übersetzt die Botschaft zunächst: „Dieser Patient muss viel trinken.“ Und wenn alles optimal läuft, versteht die angehende Altenpflegehelferin bald auch, wie sie sich solche Sprachungetüme selbst erschließen kann.

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