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Boxen : Willi Fischers Reise „durchs eigene Ich“

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Glanz alter Siege: Willi Fischer verteidigt im Jahr 1999 seinen Titel als Deutscher Meister Bild: picture-alliance / dpa

Der Frankfurter Profiboxer Willi Fischer, bekannt als „de Ox“, steht wieder einmal vor einem Comeback. Mit neuem Promoter und großem Trainerstab will er zeigen, was ihn ihm steckt - und träumt schon mal „vom EM-Titel“.

          Künstler und Kämpfer arbeiten unter einem Dach. Der Maler Wilhelm Adam und der Boxer Willi Fischer haben in dem ehemaligen Volksbad in Mainz-Kostheim die Räume für Atelier und „Gym“ gefunden. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts pflegten die Bürger – nach Geschlecht getrennt – in den Wannenbädern des dunkelroten Ziegelbaus unweit des Mainufers ihre Körper.

          Die Körperpflege hat sich verändert, seit der Box-Club Kostheim den Baderaum in eine Boxhalle umfunktioniert hat – mit den üblichen Trainingsgeräten und einem Kleinring. Anspannung statt Entspannung prägt jetzt den Raum von der Größe eines Klassenzimmers. Die weißen Kachelwände aus der Badezeit sind weitgehend mit Boxplakaten von Ali bis Tyson tapeziert.

          Kampf gegen den Letten Aleksei Kosobokows

          Maler Adam wird beim Zeichnen in der ehemaligen Bademeister-Wohnung schon mal vom Gebrüll des Boxers Fischer nebenan gestört. Der Frankfurter Schwergewichtler mit dem Spitznamen „de Ox“ presst die ganze Anstrengung und volle Konzentration mit einem Schrei aus seinem Körper, wenn er auf den Sandsack oder die Pratzen seines Trainers Tom Leidenheimer drischt.

          Es ist der letzte Übungstag vor dem Kampftag. Acht Runden lang überprüfen Pratzenhalter und Handschuhträger noch einmal die Präzision und Explosivität der Schläge. „Wunderbar, super“, so erwidert Leidenheimer die kurzen und knackigen Hiebe. Am Freitag wird in der Lübecker Hansehalle Fischers Gegenüber zurückschlagen, ein gewisser Aleksei Kosobokows aus Lettland, der neun Kämpfe gewonnen und sieben verloren hat. Auch darauf hat sich Fischer vorbereitet. Zwei Wochen lang übte er den Ernstfall im Sparring im Duisburger „Rocky‘s Gym“ der Gebrüder Rocchigiani mit dem Holländer Richel Hersesia und dem Südafrikaner Myiah Solomons. Sehr beweglich, mit geschlossener Deckung und vor allem mit einem gestochenen linken Jab war „de Ox“ meist Herr im Ring.

          Der Auftritt bei der Schwergewichtsparade der neuen Promoter-Firma Arena des Türken Ahmet Öner ist Willi Fischers zweiter Kampf seines x-ten Comebacks. Vor zweieinhalb Monaten war der „Frankfurter Bub“ nach zweijähriger Kampfpause siegreich in den Ring zurückgekehrt. Das geborene Boxtalent, das Junioren-Europameister war und mit 19 Jahren bereits Fünfter der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona wurde, versucht jetzt die verlorenen Profijahre zurückzugewinnen. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. Am 26.August ist er 35 Jahre alt geworden.

          Aberkennung des Meistertitels wegen Kiffens

          Fischer hat sich ein neues Umfeld gesucht und gefunden, das den zur Lethargie neigenden Boxer noch einmal motiviert. „Das Training macht mir seit einem Jahr wieder richtig Spaß“, sagt der Rückkehrer, der sein manchmal aus den Fugen geratenes Junggesellenleben geordnet hat. Die Steuerschulden hat er nach sieben Jahren bis auf den letzten Euro abgestottert. Das „Kiffen“ von Cannabis, zu dem er sich einst bekannte – „Ich hab schon mal einen gedampft" – und das ihm eine insgesamt zweijährige Dopingsperre inklusive Aberkennung des deutschen Meistertitels einbrachte, hat er sich längst abgewöhnt. Der Rückzug vom Ring ans Steuer von Luxuslimousinen als Angestellter eines Mannheimer Immobilien-Millionärs war nur von kurzer Dauer.

          Freunde und Gönner, die ungenannt bleiben wollen, sind jetzt seine Sponsoren für den Lebensunterhalt. Drei Mainzer Trainer, einer fürs Boxen (Leidenheimer), einer für die Fitness (Boris Schwarz) und einer für die Psyche (Matthias Werner) kümmern sich – unentgeltlich – um Fischers körperliches und geistiges Wohlbefinden. Eine Art Klinsmann-Trio. Nur der Bielefelder Manager Olaf Schröder, der mit Arena ein Paket von fünf Kämpfen geschnürt hat, bekommt Prozente. Viel werden es vorerst nicht sein. Seine Börsen beziffert Fischer so: „Dreimal boxe ich für‘n Appel und ,n Ei. Beim vierten gibt‘s Schmalz, beim fünften richtig Kohle.“

          Fischer weiß, was Öner mit ihm vorhat. Er soll als attraktiver Gegner für dessen Schwergewichtsgarde, angeführt vom kubanischen Olympiasieger Odlanier Solis und dem einstigen Weltmeister Juan Carlos Gomez, ebenfalls Kuba, aufgebaut werden. „Ich habe noch einen guten Namen, vor allem einen deutschen.“ Doch der vermeintliche Aufbaugegner will sich selbst noch einmal aufbauen – mit dem Ziel, um die Europameisterschaft zu kämpfen. „Man nimmt mich nicht mehr ernst“, sagt Fischer. „Was niemand weiß: Ich nehme die Sache wieder ernst.“

          Der entscheidende Fehler seines Lebens

          Der Boxtrainer hat das Talent wieder herausgekitzelt, der Fitnesstrainer hat ihm Kraft und Ausdauer gegeben, unter anderem mit zehnmal 800-Meter-Läufen unter vier Minuten. Der Mentaltrainer sei sein „Reiseführer durch mein eigenes Ich“. Fischer sei ein „Kopfmensch“, sagt Leidenheimer. „Matthias macht mich im Kopf stark“, schwört Fischer auf Werner, der auch mit Hypnose arbeitet. Nur mit dem Gewicht sind alle unzufrieden: Es müssten 105 statt 112 Kilo sein, das wäre ideal.

          Obwohl es Willi Fischer, Sohn eines Sachsenhäuser Ebbelwei-Wirts und einer Kroatin, trotz der jahrelangen Pausen seit 1995 auf 40 Profikämpfe (33 Siege, 22 durch K.o., sechs Niederlagen, eine durch K.o., ein Unentschieden) und als einer von fünf Deutschen neben Schmeling, Mildenberger, Schulz, und Krasniqi zu einem Weltmeisterschaftskampf gebracht hat, ist in seiner Karriere von Anfang an vieles schiefgelaufen – durch eigenes und anderer Verschulden. Schon der Profi-Übertritt 1995 zur Milieu-Größe Ebby Thust anstatt zum Boxstall Wilfried Sauerland war „der erste und entscheidende Fehler“, sagt Fischer heute.

          Zwei Jahre lang musste der Frankfurter in Zagreb trainieren, wurde dann zu Universum nach Hamburg geschickt und viel zu früh, 1998, in den WM-Kampf (WBO) gegen Herbie Hide in Norwich, England, gehetzt. Das Schmerzensgeld für die K.o.-Niederlage ist ihm nicht vollständig ausbezahlt worden. „Von den 200.000 Mark Börse habe ich gerade mal 35.000 Mark bekommen. Ebby hat mir nie eine Abrechnung vorgelegt. Darauf warte ich noch heute.“ Willi Fischer sagt deshalb: „Ich fange jetzt wieder bei null an, finanziell und sportlich.“

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