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Topfit im Alter : Mit 90 noch verrückt nach Sport

  • -Aktualisiert am

Tennis spielt er natürlich auch: Friedrich Schwamb ist mit 90 Jahren noch topfit. Bild: Mader Photography

Friedrich Schwamb ist 90 Jahre alt. Für ihn ist das aber kein Grund zur Trägheit - im Gegenteil. Der Mainzer hat 50 Mal in Folge das Deutsche Sportabzeichen absolviert.

          Das Leben von Friedrich Schwamb besteht auch aus Zahlen. Er notiert sie akribisch, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr. In kleine Terminkalender, Werbegeschenke seiner Bank. Für den Zeitraum von 1987 bis 2012 hat der Mainzer Folgendes summiert: 7391 Stunden Tennis, 1738 Stunden Fußball, 947 Stunden Kegeln, 865 Stunden Schlittschuhlaufen; der aktuelle Stand beim Radfahren lautet 67 494 Kilometer. Wäre Schwamb nicht schon 90 Jahre alt, die Formulierung Sportfreak wäre wohl treffend. Sagen wir lieber positiv Sportverrückter. Und seine Leidenschaft, die seit einigen Wochen alles andere als geheim ist, hat Schwamb zu einer gewissen Popularität verholfen. Denn der rüstige Pensionär wurde geehrt, weil er 50 Mal das Deutsche Sportabzeichen abgelegt hat. Was außer ihm laut dem Deutschen Olympischen Sportbund nur weiteren 874 Personen gelungen ist. Aber 50 Mal ohne Unterbrechung? Diese Statistik wird überhaupt nicht geführt. Gut möglich, dass Schwamb mit dieser Leistung ziemlich alleine dasteht.

          Wer mit ihm spricht, bekommt die jüngere deutsche Geschichte aus persönlicher Sicht nacherzählt. Das erste Lehrjahr als Bau- und Kunstschlosser für zwei Reichsmark pro Woche, die Zeit bei der Wehrmacht, die Jahre des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders mit 50-, 60-Stunden-Arbeitswochen; später, in den Siebzigern, war endlich Zeit für andere Dinge. Schwamb kaufte 1956 sein erstes Auto, einen VW Käfer mit dem Nummernschild MZ-AH 544, seit mittlerweile 26 Jahren fährt er einen Audi 80. Ohne Servolenkung. „Das müssen Sie sich mal vorstellen“, sagt Ehefrau Luise. Sie ist 84 Jahre alt und „so unsportlich wie nur irgendetwas“. Im vergangenen Oktober feierte das Paar seine eiserne Hochzeit, es ging ein Glückwunschschreiben von Bundespräsident Joachim Gauck ein - und sie reisten zum Jubiläum nach Wien.

          Mit 40 Jahren das erste Sportabzeichen

          Friedrich Schwamb und der Sport. Speziell das Sportabzeichen. Es ist eine späte Berufung. Wie genau diese Leidenschaft sich ihm bemächtigte, weiß er gar nicht mehr. „Es lief wohl eine Werbekampagne“, sagt er. „Und da dachte ich mir: Das kannst du auch mal machen.“ Also ging er 1963 ins Mainzer Universitätsstadion, wo damals der legendäre Professor Berno Wischmann den Hut auf hatte. Da war Schwamb schon fast 40 Jahre alt. Er sprang 4,80 Meter weit, lief die 3000 Meter „in zirka zwölf Minuten“, die Leistung vom Kugelstoßen hat er nicht mehr im Gedächtnis. Hinzu kam noch das Schwimmen. An den leichtathletischen Disziplinen hatte er sich vorher nicht ein einziges Mal probiert. „Als ich es geschafft hatte, dachte ich: Probierst du’s einfach wieder!“ Wischmann zeigte ihm dann ein paar Kniffe. Doch das war längst nicht alles.

          „Kennen Sie den?“ Schwamb legt ein Foto auf den Tisch, zu sehen sind die Alten Herren des FSV Mainz 05, für die er von 1963 bis 1974 kickte. Und wirklich, unten in der Mitte kniet jener Boxer, der Muhammad Ali 1966 im Frankfurter Waldstadion über zwölf Runden alles abverlangt hatte: Karl Mildenberger, seinerzeit Fußball-Gastspieler. Zu sehen ist auch Manfred Steinbach, 1960 Olympiavierter im Weitsprung und später in leitender Funktion im Bundesgesundheitsministerium tätig. „Er hatte fast nie Geld dabei“, erinnert sich Schwamb. „Seine Mutter steckte ihm deshalb immer ein paar Scheine mit Nadeln ins Hemd.“ Der pfeilschnelle Steinbach gab den Stürmer, Schwamb („Ich konnte ausdauernd und schnell laufen“) war eher defensiv orientiert. Bis 1973, dann wurde er fast nur noch bei Auswärtsspielen eingesetzt und verlor die Lust. „Ich brauchte etwas Neues.“ Tennis. „Ach“, reagiert er lakonisch auf die Nachfrage. „Das war kein Problem. Wer etwas mit Bällen anfangen kann, kann auch Tennis.“

          Mindestens vier Mal in der Woche Sport

          Schwamb ist im Klub DJK Moguntia im Stadtteil Bretzenheim am Aufbau der Tennisabteilung beteiligt gewesen, und noch 1993 notierte er von jedem Spiel die Namen der Gegner sowie die Satzergebnisse. Am Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag. Nur den Donnerstag hatte er sich freigehalten. Auch an diesem Tag im Mai 2014 hat er vor dem Pressetermin zum Schläger gegriffen. Gemeinsam mit Franz („Der geht auf die 70 zu“) und Klaus („Er ist noch jünger“). Im Umfeld eines Neunzigjährigen sind alle jünger. Mehr oder weniger. Schwamb erzählt von seiner bislang letzten Sportabzeichenprüfung im vergangenen Jahr. Eine Stunde benötigte er für 20 Kilometer Radfahren, den Radsprint über 200 Meter legte er in 21,7 Sekunden zurück. Beim Standweitsprung landete er bei 1,40 Meter in der Grube, den Schleuderball warf er 19 Meter weit. Obligatorisch: das 200-Meter-Schwimmen.

          Ob er es in diesem Jahr wieder tut? „Ich probiere es.“ Fit genug dürfte er sein. Die zwei Hörgeräte hindern ihn nicht. Montags spielt er zwei Stunden Tennis, ebenso mittwochs. Freitags eine Stunde Fußball, sonntags zieht es Schwamb aufs Fahrrad. Unterschlagen sei an dieser Stelle nicht, dass er früher auch Schlittschuh gelaufen ist und im Allgäu Skilanglanglauftouren unternommen hat. Mehrmals ist er dem Tod von der Schippe gesprungen, das erste Mal 1942, als er wegen einer Diphterie-Erkrankung sechs Wochen in ein Lazarett eingewiesen wurde und dadurch dem Russland-Feldzug entkam. Später, in den Achtzigern, explodierten Gebäudeteile seines Arbeitgebers, einer Chemiefirma für Kunstglas. Eine halbe Stunde bevor er sein Büro betreten wollte. Noch später überlebte Schwamb eine Blasenkrebserkrankung. Vielleicht ist sein Geburtstag, der 5. Dezember, einfach ein Glückstag. Auch Johannes Heesters wurde an einem 5. Dezember geboren - und 108 Jahre alt.

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