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Schiedsrichter Tobias Welz : Angekommen im großen Theater

Ehedem Assistent von Lutz Wagner (Mitte), ist Tobias Welz (rechts) nun der einige hessische Bundesligaschiedsrichter Bild: AP

Lutz Wagner aus Kriftel war gestern: Der Wiesbadener Tobias Welz ist in der nächsten Saison der einzige hessische Erstligaschiedsrichter. Als Kicker „habe immer versucht, so zu spielen, wie es die Regeln vorgeben“, sagt er über sich selbst.

          Wenn sie sich auf dem Fußballplatz begegnet wären, hätte der Schiedsrichter Tobias Welz am Spieler Tobias Welz seine Freude gehabt. „Ich habe immer versucht, so zu spielen, wie es die Regeln vorgeben“, sagt Welz. Zwar blieb es trotzdem nicht aus, dass er als A-Jugendspieler beim FV Biebrich 02 ein paar Gelbe Karten sah. Aber zumindest beschwerte er sich nach eigenen Angaben nie über die Verwarnungen aus den Händen der Schiedsrichterkollegen: „Privat bin ich eher der ruhigere Typ, und das war ich auch als Spieler.“

          Spätestens von der in rund drei Wochen beginnenden Bundesligasaison an sind die ruhigen Zeiten für Tobias Welz wohl endgültig vorbei. Denn dann darf der 33 Jahre alte Polizeioberkommissar neben Spielen der dritten und zweiten Liga auch Begegnungen in der höchsten deutschen Spielklasse leiten. Nachdem der bekannte, gesellige, unterhaltsame Lutz Wagner aus Kriftel in der vergangenen Saison die Altersgrenze für Unparteiische überschritten hatte und in Ruhestand gegangen war, besitzt der Wiesbadener Welz als einziger hessischer Schiedsrichter die Erstliga-Erlaubnis. Allerdings geht er davon aus, dass sich die Anzahl seiner Bundesligaspiele in Grenzen halten wird, in denen er mit seinen Assistenten Mark Brosch aus Mönchengladbach und Tobias Stieler aus Obertshausen auf dem Platz steht. „Ich erwarte erst einmal gar nichts“, sagt Welz bescheiden, „aber nach meiner Erfahrung werden es wohl um die acht Ansetzungen sein.“

          Ein Marathonläufer

          Welz weiß, wovon er spricht. Der Weg in die erste Liga hatte für den 33 Jahre alten Marathonläufer Langstreckenformat: Fast zwei Drittel seines Lebens ist er schon Schiedsrichter. Vom ebenfalls pfeifenden Vater für die Spielleitung begeistert, belegte er den ersten Schiedsrichterlehrgang im Alter von zwölf Jahren. Danach pfiff er parallel zur eigenen Fußballerlaufbahn Jugendspiele. Mit 17 Jahren fragte ihn der zuständige Schiedsrichterobmann, ob er sich auch vorstellen könne, Spiele im Erwachsenenbereich zu leiten. Welz konnte, und gleichzeitig begann der Verband, den jungen Unparteiischen zu beobachten.

          „Das war plötzlich eine andere Sache: Es war eine große Motivation, beobachtet zu werden, bedeutete aber auch Anspannung“, erinnert er sich. Er nutzte diese Anspannung, um sich weiterzuentwickeln, bildete sich fort, wurde 1999 DFB-Schiedsrichter und pfiff von 2004 an Zweitligaspiele. Auch heute sei er vor dem Anpfiff angespannt, doch „wenn das Spiel beginnt, dann fällt das von mir ab, und ich bin nur noch darauf konzentriert, die möglichst beste Leistung abzuliefern“. Dabei habe er das Glück, nicht mit der eigenen Nervosität kämpfen zu müssen. „Ich spüre einfach nur eine riesige Vorfreude.“ Deshalb habe er auch vor seinem ersten Bundesligaspiel keine Angst, sagt er: „Das sind auch nur Spiele, die gepfiffen werden müssen.“

          Nicht durch Fehler auffallen

          Von „Fehlerminimierung“ spricht Welz und davon, dass er das Ziel habe, das Spiel „im Rahmen der Regeln“ ablaufen zu lassen und „durch Fehlentscheidungen nicht negativ aufzufallen“. Es sind abgeklärte Worte für eine Aufgabe, die er professionell anzugehen versucht, seitdem er im DFB von ehemaligen Spitzenschiedsrichtern wie Lutz Wagner oder Herbert Fandel lernt und von ihnen gefördert wird. Sich selbst sieht er als Leistungssportler und ist froh, dass es ihm sein Arbeitgeber, das Land Hessen, ermöglicht, seinem Sport nachzukommen. Welz arbeitet an der Polizeiakademie Hessen im sogenannten Eignungsauswahlzentrum und koordiniert die Einstellungen für Spezialeinheiten sowie den gehobenen Dienst. „Die Polizei unterstützt mich perfekt“, sagt er. Um fit zu bleiben, geht er jeden Tag laufen. Jedes Spiel bereite er akribisch vor und nach, wie er sagt.

          Mitunter kann die Nachbereitung bis zu anderthalb Stunden in Anspruch nehmen. „Wir erhalten nach dem Spiel eine DVD. Je nachdem, wie das Spiel gelaufen ist, schaut man sich Schlüsselszenen an – oder auch das ganze Spiel.“ Ähnlich aufwendig ist die Vorbereitung: Sobald der Schiedsrichter weiß, für welche Partie er angesetzt ist, stimmt sich Welz per E-Mail oder Telefon mit seinen Assistenten ab. Er liest Zeitungen und Sportmagazine und schaut sich an, mit welchem taktischen System die Mannschaften spielen, damit er auf dem Feld möglichst immer nahe beim Ball steht. Und er stellt sich auf die unterschiedlichen Temperamente der Spieler ein. „Es wäre töricht, sich nicht darauf vorzubereiten“, sagt Welz und ergänzt mit der kontrollierten Routine, die ihm und den meisten seiner Kollegen eigen ist: „Aber als Schiedsrichter darf man nicht voreingenommen sein, um möglichst jedem Spieler gerecht zu werden.“

          „Rede viel mit Spielern über Schlagworte“

          Um auch mit den Erstligaprofis gut auszukommen, wird sich der eher ruhige Tobias Welz auf dem Platz in den etwas lauteren Tobias Welz verwandeln und zum Kommunikator mit Pfeife und Karten werden. „Ich rede viel mit den Spielern über Schlagworte. Es können aber auch mal Erläuterungen oder eine autoritäre Ansprache sein, um zu zeigen, welche Schwelle sie nicht überschreiten dürfen.“ Dann kommt es auch auf die Körpersprache an, die er und seine Kollegen sogar schon unter Anleitung eines Theaterregisseurs geübt haben. Denn „wenn man eine Gelbe Karte so verkauft, dass man dabei auf den Boden schaut, dann ruft man Argwohn hervor“. Aber noch wichtiger sei das, was er außer Pfiffen auf dem Platz von sich gebe. „Wenn man mit den Leuten nicht kommuniziert, dann kann man seine Entscheidungen auch nicht gut rüberbringen.“

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