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„Rund um den Henninger Turm“ : Von Falschabbiegern und Schneepflügen

  • -Aktualisiert am

Start frei: Am 1. Mai 1994 hatte das Rennen noch seinen traditionellen Namen, und der war allgegenwärtig. Bild: Helmut Fricke

Der Radklassiker am 1. Mai findet an diesem Sonntag zum 50. Mal statt. Das einstige Henninger-Rennen, das nun „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ heißt, lockte Hunderttausende Zuschauer an die Strecke. Zum Jubiläum zehn Anekdoten aus der wechselvollen Geschichte.

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          Ein Glück, dass sich der Hesse Kai Hundertmarck in Frankfurt auskannte. Das kam ihm am 1. Mai 2000 sehr zugute, dem Tag des größten Sieges seiner Radsportkarriere. Mit zwei anderen Fahrern hatte der Kelsterbacher Profi sich vom Hauptfeld abgesetzt. Dann geschah es, 20 Kilometer vor dem Ziel in der Nordweststadt: Das Streckenfahrzeug mit dem damaligen Rennleiter Didi Thurau bog falsch ab – und blieb kurz darauf im Verkehr stecken. Hundertmarck handelte geistesgegenwärtig, drehte um und fand über Umwege zurück auf die Strecke. Auf den finalen Rennrunden um den Henninger-Turm gab es aber eine weitere Panne. Die vorher gestarteten U-23-Fahrer waren noch auf der Strecke und sorgten kurzzeitig für Verwirrung. Kai Hundertmarck vom Team Telekom ließ sich nicht beirren und fuhr beherzt zum Sieg auf der Darmstädter Landstraße. „Dieser Erfolg vor eigenem Publikum ist mir mehr wert als eine Weltmeisterschaft“, stellte er nach seinem Coup fest. Elf Jahre danach sagt Bernd Moos-Achenbach: „Gott sei Dank hat er das Rennen noch gewonnen.“ Der heutige Veranstalter des Frankfurter Radklassikers saß nämlich damals am Steuer des Führungsfahrzeuges. „Ich hätte es trotz der Hektik vor dem Ziel merken müssen, dass wir falsch gefahren sind.“

          Unter Wert gekauft fühlte sich 1970 Rudi Altig, einer der erfolgreichsten deutschen Radprofis überhaupt. Eine Extra-Siegprämie forderte der Star von den Gründern und damaligen Veranstaltern des Rennens, den Brüdern Hermann und Erwin Moos. Sonst würde er gar nicht erst antreten. Die beiden willigten ein. „,1000 Mark extra, wenn du gewinnst‘, sagten die beiden zu mir“, erinnert sich Altig schmunzelnd. „Das war ein großer Ansporn für mich.“ Damals war es üblich, den Teams einen Teil ihrer Prämien am Vorabend auszuzahlen – in bar, versteht sich –, damit sie ein Hotel beziehen konnten. Man traf sich zur Geldübergabe im Braustübchen der Henninger-Brauerei in Sachsenhausen bei Fleischwurst und Bier. Geldbotin war damals Frau Moos. Ihr Sohn Bernd Moos-Achenbach erinnert sich noch daran, „wie sie da mit den Tausendern rumspaziert ist“. Sie hatte vor, während und nach dem Rennen stets eine Plastiktüte mit 200 000 Mark in der Hand. Daraus wurde auch Rudi Altig bezahlt. Dieser feierte 1970 prompt seinen ersten und einzigen Sieg beim Frankfurter Radklassiker. „Die 1000 Mark“, sagt Altig, „habe ich damals nicht bei der Steuer angegeben.“

          1970 war auch das Jahr, an dem am 1. Mai auf dem Feldberg noch Schnee lag. „Das war eine Mordsaufregung“, sagt Moos-Achenbach. Es hatte über Nacht einen Schneeschauer gegeben. „Da haben wir dann am frühen Morgen noch einen Schneepflug raufschicken müssen.“ Die Rennfahrer traten jedenfalls in langen Hosen an. Atmungsaktive Funktionskleidung, wie sie die Berufsradfahrer heute tragen, gab es damals noch nicht. Zu Altigs Zeiten steckte man sich im Peloton bei langen Abfahrten eine Zeitung unter das Trikot. Das half gegen das Auskühlen.

          201,5 Kilometer müssen die Profis an diesem Sonntag bei „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ bewältigen, vom Start in Eschborn bis zum Ziel vor der Frankfurter Alten Oper. Es gab Zeiten, da verlangte die Taunusschleife den Pedaleuren noch mehr ab. Im Jahr 1964 war die Strecke am längsten: 279 Kilometer.

          In jenem Jahr siegte ein junger Belgier. Clement Roman oder Roman Clement? „Keiner kannte ihn. Wir wussten nicht, welcher der Vor- und welcher der Nachname war“, erinnert sich Helmer Boelsen, der von der ersten Ausgabe des Rennens 1962 an die Pressearbeit für die Brüder Moos machte und das Frankfurter Großereignis viele Jahre als Journalist begleitete. Vor der Siegerehrung habe man den Rennfahrer dann selbst gefragt, wie er denn eigentlich richtig heiße, erzählt der 86 Jahre alte Frankfurter. Er hieß Clement Roman.

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