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Marcel Becker über Rugby : „Wie vom Auto überfahren“

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Keine Angst vor Schmerz: Der 20-jährige Marcel Becker (unten) sollte vor dem Finale besser nicht an solche Szenen denken. Bild: Imago

Wie wird sich Rugby-Nationalspieler Marcel Becker vom SC 1880 Frankfurt nach dem großen Finale fühlen? Als Hakler agiert er auf einer gefährlichen Position. Und das kann weh tun!

          Wie stimmen Sie sich auf das große Meisterschaftsfinale gegen Handschuhsheim an diesem Samstag ein, um auf dem Platz die nötige Aggressivität zu haben?

          Da ist jeder Spieler sehr speziell. Manche hören Musik. Andere wiederum trinken sehr viel Kaffee und ballern sich viel Koffein rein, um wach zu sein. Ich achte schon zu Beginn der Woche darauf, gut zu essen, viel Wasser zu trinken und irgendwelchen Blödsinn zu vermeiden. Außerdem haben mein Mannschaftskollege Emil Rupf und ich ein Ritual. Am Morgen vor einem Spiel gehen wir immer in das gleiche Café in Frankfurt und trinken einen doppelten Espresso. Als wir das einmal nicht gemacht haben, haben wir prompt unser einziges Saisonspiel verloren.

          Sie sind 1,83 Meter groß und wiegen 116 Kilo. Wie stärkt sich ein Kraftprotz wie Sie?

          Ich versuche viele Kohlenhydrate und Proteine zu mir zu nehmen. Aber es gehört zum Beispiel auch Gemüse dazu. Es muss ein guter Mix sein, um viel Kraft im Tank zu haben. Am Spieltag gibt es für alle um 11.30 Uhr ein schönes Mittagessen mit Nudeln.

          Darf ein Rugbyspieler ein sensibles Gemüt haben?

          Natürlich. Aber man muss einen guten Mittelweg finden. Man muss wissen, wann man aggressiv sein und zuschlagen muss und wann man den Fuß vom Gaspedal nehmen muss. Zu aggressiv darf man nicht sein und sich nur von Emotionen leiten lassen. Es ist ganz wichtig, noch einen kühlen Kopf zu bewahren. Wer auf dem Feld ein Anführer ist, hat auch im Berufsleben einen guten Job im Managementbereich.

          Wie haben Sie sich im Spiel unter Kontrolle?

          Vor dem Spiel denke ich einfach mal an nichts. Ich will den Kopf frei bekommen und rede mir ein, dass es egal ist, ob wir das Spiel gewinnen oder verlieren. Es ist ganz easy – ich will nur mein Spiel machen. Die Aggressivität kommt dann mit dem ersten Kontakt im Spiel. Das Kribbeln im Bauch und die Lust am Wettkampf stellen sich ein. Der Zeitpunkt ist gekommen, das Adrenalin rauszulassen.

          Spüren Sie schnell, ob Ihre Mannschaft dem Gegner überlegen ist?

          Ist die Erwartung positiv und die Einstellung gut, dann läuft es. Das Spiel wird in den ersten fünf bis zehn Minuten entschieden. Auch wenn man nur mit drei oder fünf Punkten führt, spürt jeder, dass man dem Gegner ein paar Zentimeter voraus ist. Das Finale ist jetzt das letzte Saisonspiel, es gibt kein nächstes Spiel mehr. Wir können 130 Prozent geben. Wir müssen alles, was wir haben, auf dem Feld lassen. Es ist jetzt im Prinzip egal, ob sich jemand verletzt. Jeder spielt, bis er nicht mehr kann. Es ist auch eine Art von Wohlbefinden, alles gegeben zu haben.

          Wie lange brauchen Sie, um sich von einem Rugbyspiel zu erholen?

          Es kommt drauf an. Das härteste Spiel war bisher gegen Handschuhsheim, da braucht man zwei bis drei Tage. Manchmal auch bis zu fünf Tage, wenn es ganz schlimm war. Ein normaler Mensch würde keinen Spaß haben, wenn er unsere Schmerzen hätte.

          Was schmerzt denn alles?

          Es geht von oben bis nach unten. Man hat Dellen am Kopf. Die Schultern tun einem vom Tackling weh. Außerdem schmerzen die Waden. Wenn man am nächsten Morgen aufsteht, fühlt man sich, als wäre man vom Auto überfahren worden.

          Warum spielen Sie Rugby?

          Es ist die Liebe zum Sport. Wir sind wie eine Familie. Es hat viel mit Gemeinschaftssinn zu tun. Jeder stellt sich in den Dienst des anderen.

          Aber das Rugbytraining ist auch kein Vergnügen, oder?

          In der Saisonvorbereitung sind wir gerannt bis zum Gehtnichtmehr. Manchmal waren wir wirklich kurz vor dem Ende. Man nimmt zum Beispiel einen 30-Kilo-Sack, läuft damit 20 Meter, macht einen Liegestütz und nimmt den Sack wieder auf. Wir müssen uns verausgaben und an unsere Grenzen kommen. Als Stürmer hat man viele Powerbewegungen.

          Wäre es nach den beiden Frankfurter Siegen in der Hauptrunde eine Überraschung, wenn Handschuhsheim deutscher Meister werden würde?

          Wir haben Respekt, aber keine Angst. In den beiden Hauptrundenduellen hatten wir in manchen Situationen die Nase vorne und haben Handschuhsheim dann überrumpelt. Das Finale wird ein sehr strategisches Spiel sein.

          Gordon Hanlon, der irische Trainer der Handschuhsheimer, hat sich bei allem Lob für Frankfurt einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen können. Er findet, dass Frankfurt Rugby wie von vor zwölf Jahren spiele. Was entgegnen Sie ihm?

          Gordon Hanlon hat nicht unrecht. Wir versuchen, von den Fehlern des Gegners zu profitieren und ihn hinten festzunageln. Unser Gegner soll dauernd unter Druck stehen. Dass sich der Gegner an unser Spiel anpasst – das ist unser Ziel. Bisher hat das meistens geklappt.

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