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Rugby : Wild entschlossen und bärenstark

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Die Rugbyspieler des SC Frankfurt 1880 (schwarz-rot) haben im Halbfinale gegen den Berliner RC gewonnen. Bild: Carlos Bafile

Die Rugby-Spieler des SC Frankfurt 1880 sind derzeit das Maß der Dinge in der Bundesliga und haben das Finale um die deutsche Meisterschaft erreicht. Dort sind sie Favorit.

          Die kleine Stahlrohrtribüne direkt hinter der Bank der Frankfurter Rugby-Bundesligaspieler bietet nur Sitzplätze an. Aber am Samstag beim mit 59:13 gewonnenen Meisterschafts-Halbfinale der „Achtziger“ gegen den Berliner RC standen die jungen hessischen Anhänger buchstäblich hinter ihrer Mannschaft. Mit großer Begeisterung und reichlich Ausdauer schwenkten sie selbstzusammengestellte rot-schwarze Fahnen, die die Tribüne in ein eindrucksvolles Farbenmeer tauchten. Und gehörigen Lärm machten die Fans auch: mit Trommeln und dem langgezogenen Geheul einer Sirene. Beides machte den Bereich zum akustischen Hotspot auf der Anlage an der Feldgerichtstraße. Ein allzu enthusiastischer Fan zündete sogar Pyrotechnik in der ersten Halbzeit.

          Zu diesem Zeitpunkt riss das wuchtige Frankfurter Spiel alle mit – wie eine Lawine aus wild entschlossenen und bärenstarken Männern überrollte der Favorit das Team aus der Bundeshauptstadt Spielzug um Spielzug und führte folgerichtig schon nach 40 Minuten mit 40:6 Punkten. Bis zum bitteren Ende für die Berliner waren die Kräfteverhältnisse unter den kräftigen Männern klar verteilt, auch wenn die Frankfurter nach dem Seitenwechsel nicht mehr ganz so konsequent zur Sache gingen.

          Die Überlegenheit des Gegners räumte Matthias Dold unumwunden ein, als sich beide Mannschaften nach dem Abpfiff in Reih und Glied noch einmal in gegenseitigem Respekt gegenüberstanden. „Ihr wart die Stärkeren“, sagte der Berliner Kapitän als fairer Verlierer und wagte gleich eine Prognose. „Ich denke, Frankfurt gewinnt das Finale.“

          Finalgegner kommt aus der Süd/West-Sektion

          Doch so leicht wird das für das Rugby-Schwergewicht aus der Mainmetropole nicht, darin sind sich die Spieler des SC 1880 einig. Mark Sztyndera hätte lieber Hannover 78 als Endspielgegner bekommen, das sei „mal was anderes“, meinte er. Jetzt wartet mit dem TSV Handschuhsheim, der auswärts dem Gewinner der Nord/Ost-Staffel beim 57:3 keine Chance ließ, aber ein sehr vertrauter Widersacher aus der Süd/West-Sektion auf die Frankfurter. In der Hauptrunde trennten die beiden besten deutschen Mannschaften am Ende sechs Zähler in der Tabelle.

          Am letzten Spieltag Mitte Mai setzten sich die Frankfurter beim TSV Handschuhsheim 42:26 durch. „Der TSV ist eine tolle Mannschaft, wir haben viel Respekt vor ihnen“, sagt der Frankfurter Trainer Byron Schmidt, der aus Südafrika stammt. Sein Trainerkollege, der Ire Gordon Hanlon, hatte nach dem Aufeinandertreffen von der „schlechtesten Saisonleistung“ im bis dahin wichtigsten Saisonspiel gesprochen.

          „Game Breaker“ aus Heidelberg

          „Wir haben uns selbst viel Schaden zugefügt, können daraus aber unsere Lektionen lernen.“ Das Hinspiel in Frankfurt im November 2018 verlor der Heidelberger Stadtteilklub mit drei Punkten. Am kommenden Samstag (14 Uhr) abermals in Frankfurt bietet das Finale nun ein Kräftemessen zweier Teams mit sehr unterschiedlichen Spielstilen an. Die „Achtziger“ verfügten über ein „sehr strukturiertes und diszipliniertes Spiel“, sagte Hanlon bei „TotalRugby“. „Sie spielen wirklich gutes Rugby – von vor zwölf Jahren. Gute Befreiungskicks aus der eigenen Hälfte, ein gutes Paket und Gedränge, alles sehr kontrolliert.“

          Sein Kollege Schmidt ist derweil bei der Einschätzung der Handschuhsheimer zu dem Ergebnis gekommen, dass diese vor allem auf ihre „Game Breaker“ bauen würden. Das sind Spieler mit der Fähigkeit, eine Partie im Alleingang zu entscheiden. In diesen illustren Kreis ordnet Schmidt den Handschuhsheimer Verbinder Nikolai Klewinghaus und Jaco Otto ein.

          EM-Relegation gegen Portugal

          Trotz der individuellen Stärke der „Löwen“ aus Handschuhsheim gehen die Frankfurter als Favorit in das Finale. Bis auf den Ausrutscher beim Heidelberger RK auf dem für sie ungewohnten Kunstrasenplatz dominierten die Hessen die Hauptrunde mit ihrem sehr organisierten und taktisch disziplinierten Spiel. Auch die Berliner, bei denen sich Luis Becker kurz vor Spielende schwer verletzte, konnten sich am Samstag in der ersten Halbzeit nicht aus dem sportlichen Würgegriff der Frankfurter befreien. „Wir spielen Rugby mit einem guten Spielsystem“, sagte Sztyndera nach dem Einzug in das finale Saisonspiel. „Wir wissen 80 Minuten lang, was wir in jeder Zone spielen wollen. Vom Spieler eins bis fünfzehn ist jeder im Bilde, was er in jeder Spielhälfte zu tun hat.“

          Natürlich wissen die Frankfurter, die für das EM-Relegationsspiel am 15. Juni in Frankfurt gegen Portugal sechs Spieler im vorläufigen Kader abstellen, auch in ihren Reihen Einzelkönner zu schätzen. Über ihren Kick-Spezialisten und Nationalspieler Raynor Parkinson versuchen sie das Spiel immer wieder in die Hälfte des Gegners zu verlagern. „Frankfurt ist in diesem Spieljahr der Maßstab für Rugby in Deutschland, es ist momentan das absolute Topteam“ – so urteilt der Berliner Trainer Uwe Maaser über die Erfolgsserie des SC 1880 auf allen Ebenen, weil der Verein auch im Nachwuchsbereich in vielen Altersklassen an der Spitze steht.

          Den Unterschied auf höchstem Niveau macht außerdem die Frankfurter Fitness aus. Der neuseeländische Fitness-Coach Pete Joblin sorgte dafür, dass die Mannschaft in der entscheidenden Saisonphase im Vollbesitz ihrer Kräfte ist und sich auf dem Platz austoben kann. „Wir müssen aggressiv und direkt sein“, sagt der Spieler Marcel Becker. „Wir müssen den Schweinehund überwinden und jedes Mal den Tank leeren – anders geht es nicht.“

          Mouritz Botha, der Sturmtrainer der deutschen Nationalmannschaft, hatte sich mit Freude das zurückliegende Duell zwischen Handschuhsheim und Frankfurt angeschaut. Er habe „hochklassigen Rugbysport mit großartigen Leistungen von einigen Nationalspielern“ zu sehen bekommen, sagte er. Das wertet Botha auch als gutes Zeichen für das Relegationsspiel gegen Portugal.

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