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Radprofi John Degenkolb : Weltreisender mit Plan B

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Degenkolb ist in Gera geboren und im mittelfränkischen Weißenburg aufgewachsen, wo er, der in der Jugend auch ein ausgezeichneter Fußballer war, seinen Realschulabschluss gemacht hat. Den letzten Schliff für die Profikarriere hat er sich als Nachwuchsfahrer während seiner Jahre in Erfurt geholt; dort hat er in einem Sportinternat gewohnt und eine Polizeiausbildung absolviert. Die war zwar verlängert (vier Jahre), aber auf die Bedürfnisse eines Radsportlers ausgerichtet. Seine Eltern, der Vater ein guter Amateurradsportler, haben darauf gedrungen, dass sich ihr talentierter Sohn nicht ganz auf das Radfahren und die vage Aussicht auf Ruhm und Preisgeld versteift. Während der Saison hat Degenkolb sich in Erfurt acht Monate lang auf den Sport konzentrieren können, in den Wintermonaten ist er beschult worden, hat Dienst geschoben in der Verkehrspolizeiinspektion, hat Blitzer aufgestellt und bedient, Lkw kontrolliert.

Hinter der Ziellinie: Degenkolb trägt hier noch das grüne Trikot.

Freunde aus der Radsportszene haben ihn in diesen Jahren bewundert für seine Disziplin und sein Organisationstalent. Wie er beharrlich sein Trainingsprogramm selbst dann abgespult hat, wenn die (Nacht-)Schichten bis zu zwölf Stunden gedauert haben. Er hat sich durchgebissen. Das habe er schon „als kleiner dicker Junge“, sagt er. Damals sei er zwar schon ein guter Rennfahrer in den jeweiligen Altersklassen gewesen, doch viele hätten ihm nicht zugetraut, dass er immer noch gut ist, wenn die Rennen länger und die Berge höher werden.

Aus einstigem Babyspeck ist längst ein stahlharter Muskelpanzer geworden. Aber das Kraftpaket Degenkolb ist bis heute ein Fahrer für die knüppelharten Eintagesrennen. Er ist allein von seiner Statur her kein graziler Bergfahrer, aber auch kein reiner Sprinter. Dass er sich auch im Hochgebirge zu bewähren weiß, hat er bei den großen Rundfahrten Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta hinlänglich bewiesen. „Die Zeit bei der Polizei hat mich reifen und erwachsen werden lassen. Sie hat meinen Blickwinkel geweitet“, sagt Degenkolb, der einige Schicksale kennt, in denen Radsportler alles auf die Karte Profitum gesetzt und verloren haben. Jene Athleten stehen mit Mitte dreißig quasi vor dem Nichts. Degenkolb dagegen ist verbeamtet auf Lebenszeit.

„Ich muss mir nicht das Zeug reinpfeifen“

„Ich habe einen Plan B. Das gibt mir sehr viel Rückhalt“, sagt er. „Ich muss mir nicht um jeden Preis das Zeug reinpfeifen.“ Mit Zeug meint er Doping-Mittel, die Geißel des Radsports. Die vieles überlagernde Problematik, welche die einstigen Helden der Landstraße der Jan-Ullrich-Ära tief stürzen und das öffentlich-rechtliche Fernsehen vom größten Claqueur zum Fernbleiber werden ließ. Die starken Auftritte der deutschen Profis werden heute im Ausland, etwa in Frankreich, Belgien, Holland, wo der Radsport die Massen noch anzieht, mitunter mehr gewürdigt als hierzulande. Die Abwärtsspirale aus Doping, Ausstieg von Sponsoren, Abschalten des Fernsehens und sterbenden Rennen ist hierzulande nur langsam zum Stehen gekommen.

Degenkolb ist ein intelligenter Athlet, ein reflektierter Typ mit einer gewinnenden Art. Und er kann von einem Augenblick auf den anderen seine Rolle als Streiter gegen Doping einnehmen und seine Sicht der Dinge ernst und ohne Floskeln auf den Punkt bringen. Er ist einer der Wortführer jener Gruppe junger deutscher Radprofis, die, wie er sagt, „für einen neuen, sauberen Radsport steht“. Ihr „Sauber-Schwur“ auf dem Boulevard geriet sehr öffentlichkeitswirksam. Man könne auch sauber siegen, sagen sie bei jeder Gelegenheit und führen sich als beste Beispiele dafür an. Er und beispielsweise der aus Eschborn stammende Zeitfahrweltmeister Tony Martin wollen nicht mehr in Sippenhaft genommen werden „für Fehler, die wir nicht begangen haben. Wir wollen, dass uns geglaubt wird. Umso offener und transparenter wir mit dem Thema Doping umgehen, desto glaubwürdiger werden wir.“ Die ständigen Kontrollen morgens um sieben empfinde er nicht als lästig. „Das ist der einzige und genau richtige Weg, um Betrüger aus dem Verkehr zu ziehen“, sagt er.

Degenkolb hat in seinen jungen Profijahren öffentlich schon mehr über die unerlaubte pharmazeutische Beschleunigung der Zunft reden müssen als über die Faszination Radsport. Auch er wünscht sich manchmal, mehr davon erzählen zu können, wie es ist, „einer dieser kranken Typen zu sein, die beim berühmten Rennen Paris-Roubaix 250 Kilometer über das Kopfsteinpflaster heizen“. Darüber zu reden, welche großen Ziele er noch anpeilt in einer Branche, in der die Rennfahrer meist erst um die 30 Jahre den Zenit ihrer Leistungsfähigkeit erreichen und Degenkolb behaupten kann: „Das Beste liegt noch vor mir.“

Zur Person

Der Wahlfrankfurter John Degenkolb wurde 1989 in Gera geboren. Nach seinem Realschulabschluss im fränkischen Weißenburg siedelte er nach Erfurt um und setzte auf eine Radsportkarriere, flankiert von einer Polizeiausbildung. Der Sieg beim Rennen „Rund um den Finanzplatz Frankfurt-Eschborn“ 2011 bedeutete seinen Durchbruch im Profiradsport. Der Allrounder gehört heute zu den erfolgreichsten deutschen Radprofis. Im Trikot des Teams Giant-Shimano feierte er Etappensiege bei den großen Rundfahrten Vuelta und Giro d’Italia. Im vergangenen Jahr gewann er unter anderem die Rennen in Hamburg und den Klassiker Paris–Tours. In der noch jungen Saison 2014 hat Degenkolb schon vier Tageserfolge erreicht, darunter eine Etappe bei Paris–Nizza samt Gewinn des grünen Trikots des Punktbesten.

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