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Mainz 05 : Vom Flop zur Führungskraft

  • -Aktualisiert am

Aufpasser: Stefan Bell hat auch den Liverpooler Divock Origi im Griff. Bild: dpa

Mainz 05 sucht einen neuen Kapitän - und Stefan Bell, einst bei der Eintracht gescheitert, drängt sich durch Leistung und Charakter für die Anführerrolle auf.

          Stefan Bell macht kein großes Gewese aus der Frage, wer die Profis des FSV Mainz 05 in Zukunft als Kapitän aufs Feld führen wird. Mit Julian Baumgartlingers Wechsel nach Leverkusen wurde das Amt frei. Als Kandidaten für die Nachfolge des Österreichers gelten Niko Bungert, der Dienstälteste im Kader der Rheinhessen, und eben Bell, der schon in der Jugend am Bruchweg kickte. Bell und Bungert weisen mindestens zwei Gemeinsamkeiten auf: Beide sind in der Innenverteidigung zu Hause, und beide gehören nach Spielen der 05er zu den beliebtesten Gesprächspartnern der Journalisten, weil sie in der Lage sind, auch kurz nach Anpfiff schon die vorangegangenen 90 Minuten recht klar zu analysieren. Der Output dieser Gespräche ist deutlich höher als die so oft gehörten Stanzen zahlreicher Berufskollegen quer durch die Vereine.

          Der routiniertere Bungert, mit seinen 29 Jahren und 149 Erstligaeinsätzen schon eine Art Elder Statesman bei den Mainzern, macht dabei meist einen etwas fröhlicheren Eindruck, der rund fünf Jahre jüngere Bell wirkt meist etwas cooler. Inhaltlich nehmen die beiden einander nicht viel. Die Kapitänsfrage, in der Bungert schon vor einem Jahr hoch gehandelt worden war, scheint für beide kein großes Thema zu sein. „Ich werde mein Ding machen, wie ich es in den letzten Jahren gemacht habe“, sagt Stefan Bell. „Ich kümmere mich um ein paar Sachen im Hintergrund und übernehme auf dem Platz Verantwortung für die Defensive. Ob ich dann die Binde am Arm habe oder nicht, ändert daran nichts.“

          Über die Regionalligamannschaft in die Mainzer Startelf

          Stefan Bell blickt inzwischen auf 96 Bundesligaspiele zurück, schnurgerade verlief sein Weg zum Leistungsträger der 05er nicht, er gehört zu jenen Akteuren, die es ohne die Existenz einer U23 sicher nicht mehr gäbe. Nach der Jugend schlug Bell zunächst den Umweg über den Zweitligisten TSV 1860 München, avancierte hier zur Stammkraft, kehrte nach einjähriger Ausleihe an den Bruchweg zurück – um sich gleich wieder ausleihen zu lassen, diesmal an Eintracht Frankfurt. Doch was in München funktioniert hatte, geriet bei den Hessen zum Flop. Nur zweimal durfte Bell in der zweiten Liga ran, bereits im Winter nahm er Abschied. Aber Bell bewies Geduld und Stehvermögen. Weil der damalige Mainzer Cheftrainer Thomas Tuchel für ihn keine Verwendung hatte, arbeitete der Abwehrspieler sich über die Regionalligamannschaft ans erforderliche Niveau heran. Im März 2013 bestritt er sein erstes Bundesligaspiel über 90 Minuten, von der folgenden Saison an stand er fast immer in der Anfangsformation.

          Im Trainingslager im italienischen Saint-Vincent wurde Bell gefragt, ob er nach Baumgartlingers Abschied in der Hierarchie des Kaders aufrücken werde – ein Thema, mit dem er sich offenbar noch nicht befasst hatte. „So etwas wird sich automatisch ergeben“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass ich viel ändern muss.“ Auch seine Spielweise müsse er nicht großartig umstellen, nur weil Baumgartlinger nicht mehr vor ihm sei. Grundsätzlich werde sich an der Rollenverteilung innerhalb des Teams nicht viel ändern. „Auch vorher war die Arbeit auf viele Schultern verteilt, wir waren nicht abhängig von einzelnen Personen.“

          Ehemaliger Frankfurter ist vom Kader überzeugt

          So unaufgeregt Bell in den Testspielen der laufenden Saisonvorbereitung seine Neben- und Vorderleute dirigierte, kommentierte er auch den jüngsten 4:0-Erfolg gegen den FC Liverpool. Der Abwehrchef, der seinen Platz, anders als der in der Vorbereitung nicht hundertprozentig fitte Bungert, sicher haben dürfte, wusste dieses Ergebnis sehr wohl einzuschätzen. „Die wichtigste Erkenntnis ist, dass man nach unseren Wechseln keinen Qualitätsunterschied gesehen hat“, resümierte er. „Wir haben 23 Leute auf einem ähnlichen Niveau. Das wird in einer Saison mit so vielen Spielen in Bundesliga und Europa League besonders wichtig.“

          Sportlich scheint der voraussichtliche Mainzer Kapitän vom erneuerten Kader überzeugt zu sein, die abgewanderten Loris Karius und Baumgartlinger seien gut ersetzt worden. Was er sich allerdings wünscht, ist ein rascherer Abbau der Sprachbarrieren; der Spanier José Rodriguez und der Franzose Jean-Philippe Gbamin können derzeit nur in ihren Muttersprachen kommunizieren. Bells Anregung zielt aber nicht darauf ab, den Zugängen in einem Crashkurs Deutsch beizubringen. „Vielleicht sollten wir daran arbeiten, dass zumindest alle Englisch können“, schlägt er stattdessen vor, „das ist etwas einfacher zu lernen.“

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