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Trainer Tuchel : Fast wie Ancelotti und Mourinho

Gut lachen gegen die Bayern: Drei Siege und nur zwei Niederlagen hat Tuchel vorzuweisen Bild: dapd

Der Mainzer Trainer Thomas Tuchel hat gegen die Bayern eine Bilanz, die sich sehen lassen kann und auch internationalen Ansprüchen gerecht wird.

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          Rekorde hatte Mainz 05 vor dem 3:2-Sieg gegen Bayern München in dieser Spielzeit bislang nur in negativer Form aufgestellt. Die Rheinhessen hatten fünf Heimspiele nacheinander verloren, was im Profifußball noch nie passiert war. Und sie mussten nach dem Auswärtserfolg am zweiten Spieltag in Freiburg zehnmal 90 Minuten warten, ehe gegen Stuttgart vor drei Wochen mal wieder ein Sieg eingespielt wurde. Solch eine Negativserie hatte es noch nicht gegeben, seit Thomas Tuchel 2009 den Trainerposten übernahm. Da wurde es nicht nur wegen der ungemütlichen Nähe zu den Abstiegsrängen Zeit für eine positiv konnotierte Bestmarke.

          Seit Sonntag ist Tuchel nun der einzige Bundesligatrainer, der eine positive Bilanz gegen die Bayern aufzuweisen hat. Drei Siege stehen bei zwei Niederlagen für den 38 Jahre alten Fußballlehrer im dritten Dienstjahr beim Tabellen-Dreizehnten in der Statistik. Um einen Trainer mit einer vergleichbar guten Bilanz zu finden, muss man schon an der Spitze des internationalen Geschäfts fahnden. Wenigstens Carlo Ancelotti und José Mourinho wissen - anders als beispielsweise die statistisch unterlegenen Kollegen Ferguson und Wenger - ähnlich gut wie Tuchel, wie man die Bayern bezwingt. Der Italiener führte den AC Mailand gegen die Bayern zu zwei Siegen und zwei Unentschieden, Mourinho gewann mit seinen Klubs Chelsea und Inter Mailand zwei von drei Begegnungen.

          Tuchel wäre nun freilich nicht Tuchel, wenn er seine Bilanz im Stile eines Mourinho zum alleinigen Verdienst seiner Person erklären würde. „Meine Mannschaft war sehr schlau und aufmerksam und hat im Kollektiv gut verteidigt“, sagte Tuchel. So sehr der 38 Jahre alte Fußballlehrer das Lob an seine Spieler weiterzugeben versuchte, so sehr war der Triumph gegen die Bayern auch ein Sieg der Beharrlichkeit des Fußballdenkers in düsterer Zeit. Der Coach ließ sich in der Krise der vergangenen Monaten nicht von seinem Weg abbringen, obwohl der Klub vom Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation bis hin zum enttäuschenden Saisonstart in der Liga manchen Tiefschlag verkraften musste. Statt in der Not auf simpleres Handwerkszeug wie eine defensivere Grundordnung zu bauen, wahrte er im Einvernehmen mit seinen Spielern den Glauben an die eigenen Stärken.

          „Top, wie mutig wir gespielt haben“

          Also mussten sich die Mainzer gegen die Bayern nicht auf eine Abwehrschlacht mit Leidenschaft, Aggressivität und vor allem einer großen Portion Glück verlassen. „Es ist einfach top, wie mutig wir gespielt haben“, sagte Niko Bungert, der per Kopf das Tor zum 3:1 erzielt hatte. „Gegen so eine Spitzenmannschaft ist es das Dümmste, sich zu verkriechen. Dann kriegt man eine Klatsche.“ Zwar hatten die Bayern am Ende der 90 Minuten 67 Prozent Ballbesitz. Statt mit Kombinationen über Kroos, Ribéry, Müller und Gomez mussten sie diese Zeit allerdings für Querpässe in Höhe der Mittellinie verschwenden, weil die Mainzer ihnen durch ihre Kompaktheit nur diesen Raum zum Spiel ließen.

          Der Toptorjäger Mario Gomez kam deshalb in 90 Minuten gerade einmal zu einer echten Chance. Ganz anders agierten die Rheinhessen mit ihrer verhältnismäßig kurzen Ballbesitzzeit, in der sie sich ein Übergewicht an Torschüssen und auch Eckbällen erarbeiteten. „Wir wissen, was wir tagtäglich im Training leisten“, sagte Tuchel. „Wir hatten auch schon bei den Spielen in Nürnberg, Berlin und Hannover im Ballbesitz Dominanz ausgestrahlt. Das wollten wir gegen Bayern nicht aufgeben.“ Bei seiner Mannschaft kam diese Marschroute an. Der starke Abwehrorganisator Bo Svensson fühlte sich an die Leistungen der Vorsaison erinnert, als sein Team durch laufintensives und mutiges Verteidigen die Gegner ärgerte. „Unser Verteidigen fing heute bei den Spitzen Sami Allagui und Andi Ivanschitz an, die defensiv unglaublich viel gelaufen sind“, sagte der dänische Nationalspieler. „Die haben uns anderen acht das Leben enorm erleichtert.“

          Bemerkenswerte Bilanz von Schönheim

          Die Leistung war umso erstaunlicher, als Mainz 05 mit personellen Schwierigkeiten in die Begegnung mit dem nun gestürzten Tabellenführer gegangen war. „Vor dem Spiel standen Adam Szalai, Nikolce Noveski, Eugen Polanski, Marcel Risse und Jan Kirchhof in Jeans in der Kabine, das war also fast eine komplette Bundesligaelf, die uns fehlte“, sagte Tuchel. „Aber ich habe schon vor dem Spiel ungern über die geredet, die fehlen, weil ich all denen vertraue, die auf dem Feld stehen.“ So gesehen war der Überraschungserfolg der vermeintlichen Notelf vielleicht das Erweckungserlebnis für einen Kader, bei dem zuvor noch manche Frage bezüglich der Leistungsfähigkeit offen war.

          So war es vermutlich ein keineswegs zu vernachlässigendes Zeichen, dass der Cheftrainer kurz vor Abpfiff auch noch Fabian Schönheim in höchster Abwehrnot vertraute und ihm zu seinem ersten Kurzeinsatz in der Bundesliga seit dem Abstieg mit dem 1. FC Kaiserslautern im Jahr 2006 verhalf. Der aus Wiesbaden über den Rhein gewechselte Schönheim, der wegen gesundheitlicher Probleme lange nicht den Anschluss gefunden hatte, gehört nun also auch dazu. Zumal der 24 Jahre alte Verteidiger nun immerhin nach einer Niederlage und einem Unentschieden mit dem FCK eine ausgeglichene persönliche Bilanz gegen die Bayern hat. Das ist noch keine Bestmarke. Aber immerhin auch bemerkenswert.

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