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Schalke 04 : Heidel gibt auf

Das war’s: Sportvorstand Christian Heidel verabschiedet sich vom Schalke 04. Bild: EPA

Das war’s für Christian Heidel: In seiner Heimatstadt Mainz verkündet er seinen Rücktritt als Schalker Sportvorstand und die Auflösung seines Vertrages. Sein Büro hat er jetzt schon geräumt.

          Den Marathon nach dem Spiel stand Christian Heidel mit bemerkenswerter Standhaftigkeit und Ruhe durch. Der Sportvorstand von Schalke 04 beantwortete geduldig die Fragen zur Nachricht des Bundesliga-Samstags: Der 55 Jahre alte Manager räumt seinen Posten bei Schalke 04 und hat sich mit seinem Arbeitgeber auf Auflösung seines bis zum 1. Juli 2020 fixierten Vertrags zum 1. Juli 2019 ohne jeden Anspruch auf eine Abfindung geeinigt. Er verzichtet damit freiwillig auf ein Jahresgehalt in Höhe von anderthalb Millionen Euro.

          Schon jetzt werde er nur noch im Hintergrund arbeiten, sein Büro samt Familienfotos auf dem Schreibtisch hat er nach Informationen der F.A.S. schon in den vergangenen Tagen geräumt. Die Entscheidung zum Abschied hatte Heidel am Montag dem Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies mitgeteilt, am Freitag schließlich setzte er Trainer Domenico Tedesco in Kenntnis. Erst am Samstag sickerte die Neuigkeit wenige Stunden vor Spielbeginn als Gerücht durch. Die Mannschaft erfuhr nach dem Spiel in der Kabine von der Veränderung. „Das kam für mich überraschend. Er hat mich hergeholt. Wir haben immer sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet“, sagte Trainer Domenico Tedesco.

          Offiziell gab Schalke den Rücktritt kurz nach Abpfiff der 0:3-Niederlage seines bisherigen Klubs ausgerechnet bei seinem Heimatverein Mainz 05 bekannt, für den er vor seinem Wechsel im Jahr 2016 24 Jahre lang tätig war. Diese Konstellation entbehrte nicht einer gewissen Ironie. In zuvor fünf Bundesligaduellen mit Heidels Schalkern hatte Mainz 05 fünfmal verloren und kein einziges Tor geschossen, bei drei dieser Partien waren die Mainzer willkommene Helfer in der Not, als sie Heidel in unangenehmen bis brenzligen Situationen das Leben erleichterten. Nun aber kannten sie keine Gnade und siegten vor 26000 Zuschauern dank Treffern von Karim Onisiwo (18./84. Minute) sowie Jean-Philippe Mateta (73.).

          Entscheidung fiel vor zehn Tagen

          Nach Informationen der F.A.S. war es Heidels alleinige Entscheidung, den Abgang unmittelbar nach dem Spiel in seiner Heimatstadt in jenem Stadion zu verkünden, dessen Bau er maßgeblich vorangetrieben hat. „Es ist mir aber eher unangenehm, dass ich das ausgerechnet hier verkünde“, sagte er. Das 2:3 verlorene Spiel gegen Manchester City am Mittwoch habe aber keinen anderen Ablauf gestattet. Für sich selbst habe er die Entscheidung vor zehn Tagen getroffen.

          2016 war Heidel von Mainz aus aufgebrochen, um nach einem Vierteljahrhundert in Diensten von Mainz 05 ein neues sportliches Abenteuer in Angriff zu nehmen. „Ich wollte was Anderes erleben, das habe ich nun in voller Breite von einer Vizemeisterschaft bis hin zu der jetzigen Situation“, sagte Heidel mit einem gewissen Sarkasmus. „Ich habe die Entscheidung dennoch keine Sekunde bereut. Schalke ist ein überragender Verein.“ Auf Schalke initiierte er große Investitionen in die Infrastruktur und verwies immer wieder darauf, dass er den zuvor deutlich zu hohen Gehaltsetat der Schalker massiv reduziert habe.

          Nach einer schwierigen ersten Spielzeit erlebte Schalke mit Rang zwei in der Abschlusstabelle der vergangenen Saison und dem Erreichen des Achtelfinals der Champions League ein Zwischenhoch. Im Umfeld des Klubs wurde ihm aber eine schwache Transferpolitik angelastet sowie der daraus folgende sportliche Niedergang im Laufe dieser Saison bis auf den derzeitigen Rang 14.

          Heidel begründete seinen Abgang dezidiert mit Grenzüberschreitungen in manchen Medien. Er kritisierte vor allem einen Kommentar, in dem er zum Rücktritt aufgefordert wurde mit den Worten, wenn er noch ein „Fünkchen Anstand“ besäße. Heidel sagte weiter, dass einige Geschichten in den vergangenen Wochen „erstunken und erlogen“ gewesen seien. „Ich bin ein Mensch, der für Kritik sehr empfänglich ist. Wenn die Kritik aber in den Bereich der Verunglimpfung geht, dann muss ich das nicht haben“, sagte er. „Es geht hier nicht um Anstand oder Schuld, sondern um Verantwortung. Und die Verantwortung für die sportliche Situation muss ich tragen und ein Zeichen setzen, dass sich Leute dieser Verantwortung bewusst sind. Ich hatte nicht mehr den Glauben, dass wir noch ruhig arbeiten können auf Schalke. Ich war nun als Person der Grund für Probleme.“

          Heidel betonte, dass seine Entscheidung nichts mit einem Bruch im Verhältnis zu Tönnies, dem Aufsichtsrat oder seinen beiden Vorstandskollegen Peter Peters und Alexander Jobst zu tun habe. „Ganz im Gegenteil: Mit hat es gut getan, wie meine Vorstandskollegen reagiert haben, als ich es ihnen mitgeteilt habe“, sagte er. Heidel stellte klar, dass er vom Aufsichtsratschef im Spätherbst nicht hintergangen worden sei, als dieser ihm einen Mann zur Seite stellen wollte. „Diese Idee, unser Team zu erweitern um möglicherweise Jonas Boldt, die habe ich angestoßen und gemeinsam mit Clemens Tönnies vorangetrieben. Es ist hier so viel Arbeit zu tun, dass wir einen Sportdirektor dringend brauchen als Verstärkung.“ Nun braucht Schalke 04 erst einmal einen neuen Sportvorstand.

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