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FSV Mainz : Meister des Minimalismus

Augen zu und durch: Verteidiger Noveski bedrängt den Hoffenheimer Stürmer Obasi. Bild: Reuters

Keine Mannschaft ist effektiver als der FSV Mainz 05: Beim 2:1 gegen Hoffenheim glänzt der von seinem Nationaltrainer verschmähte Ivanschitz als Vorarbeiter und Vollstrecker.

          Die Erfolge von Mainz 05 waren zuletzt sogar Wahlkampfthema in Griechenland. Vier Tage vor dem Urnengang am Sonntag hatte sich Ministerpräsident Kostas Karamanlis in einem Chat an der Kurzmitteilungsbörse Twitter auf Anfrage eines Wählers enttäuscht gezeigt, dass sein Lieblingsklub Panathinaikos Athen vor Saisonbeginn Andreas Ivanschitz nach Mainz ziehen ließ. Dort beweise der 25 Jahre alte Österreicher nun, welch großartiger Fußballspieler er sei. So bedenklich es für einen Politiker sein mag, dass er nichts Wichtigeres zu diskutieren hat als die Fehler seines bevorzugten Sportvereins, so sehr mag das Wehklagen des Staatschefs verständlich sein: Der Spielmacher hat nämlich, gemeinsam mit dem ebenfalls überragenden Mittelfeldkollegen Elkin Soto, auch am Samstag beim Mainzer 2:1-Sieg gegen die TSG Hoffenheim seine Klasse bewiesen.

          Der zurzeit in der Scorerliste der Bundesliga führende Österreicher traf bei dem Erfolg gegen die Elf aus dem Kraichgau zunächst nach sechs Minuten in „Tor des Monats“-Qualität mit einem 14-Meter-Schuss in den Winkel, ehe er fünf Minuten später als Vorbereiter beim zweiten Mainzer Treffer durch einen überlegten Kopfball von Aristide Bancé seine Bilanz weiter aufbesserte; Ivanschitz ist inzwischen bei neun der bislang zwölf Mainzer Treffer als Schütze oder Helfer maßgeblich beteiligt gewesen. Auch am Samstag gelang es Trainer Thomas Tuchel, seinem Team einen erfolgbringenden „Matchplan“ mit auf die neunzigminütige Abenteuerreise zu geben – und das, obwohl der Sechsunddreißigjährige in dieser Woche wegen einer Magen-Darm-Grippe lediglich das Abschlusstraining selbst leiten konnte. „Ich habe mit Arno Michels und Roland Vrabec Helfer in meinem Trainerteam, denen ich absolut vertrauen kann“, sagte Tuchel, der am Sonntag aus Rücksicht auf den geschwächten Kreislauf sitzend die Übungseinheit seiner Reserveleute verfolgte.

          Auch in der Chancenverwertung unübertroffen

          Am Tag zuvor merkte man ihm freilich kaum etwas von seinen gesundheitlichen Problemen an: Da trieb er seine Mannschaft gegen die zuvor in fünf Pflichtspielen siegreichen Hoffenheimer wild gestikulierend nach vorne. Aggressiv gingen die Mainzer zu Werke, was freilich auch schnell hätte bestraft werden können. Milorad Pekovic, der erst fünf Minuten vor Beginn für den grippegeschwächten Bo Svensson ins Team rutschte, bekam unmittelbar nach dem Anpfiff von Schiedsrichter Guido Winkmann die Gelbe Karte gezeigt und wandelte bereits nach zehn Minuten am Rande eines Platzverweises. Den Abpfiff erlebte der an Verwarnungen gewöhnte Mainzer „Gelb-Rekordler“ dennoch auf dem Feld. „Das hätte ich nicht mehr unbedingt erwartet“, sagte Pekovic später, nachdem er seinen anfänglichen Übereifer im Laufe der Partie gezügelt hatte.

          So trug der Defensivmalocher in Reihen der auf Platz sechs in der Tabelle geführten Rheinhessen maßgeblich dazu bei, dass der Aufsteiger weiter an seinem Ruf als Meister der Effektivität arbeitet: Wie bei den drei vorangegangenen Siegen gegen die Bayern, Berlin und in Bochum gewann Mainz abermals mit dem Minimalvorsprung von einem Tor, nachdem drei Minuten vor Spielende Andreas Ibertsberger den späten Anschlusstreffer für Hoffenheim erzielt hatte. Diese statistische Auffälligkeit passt ins Bild dieser Runde: Denn der Klub ist laut der Datenbank des Fachmagazins „Kicker“ auch in der Chancenverwertung unübertroffen. Nach den zwei Toren bei vier Möglichkeiten vom Wochenende weisen die Mainzer mit zwölf Saisontreffern den Wert von 38,7 Prozent an erfolgreich genutzten Torgelegenheiten auf. „Unsere Stürmer haben diese Effektivität, weil sie es im Training gegen mich und meine Torhüterkollegen so schwer haben“, sagte Torwart Heinz Müller schmunzelnd. Innenverteidiger Niko Bungert führte eine etwas seriösere Begründung an: „Wir haben nicht viele Chancen – aber dank Ivanschitz, Bancé und Schürrle eine herausragende Abschlussqualität.“

          Nachhilfeunterricht?

          Bemerkenswert bei all diesen Spitzenwerten ist indes, dass Tuchel trotz stolzer 14 Punkte und eines Sieges gegen einen Meisterschaftsanwärter wie Hoffenheim auf große Mängel in Halbzeit zwei hinwies. „Wir haben uns viel zu weit hinten reindrängen lassen und uns nicht vernünftig spielerisch befreit“, kritisierte er sein Team – und natürlich sich selbst als den taktisch Verantwortlichen. Ob sich der junge Trainer deshalb für die kommenden Tage Nachhilfeunterricht verordnete?

          Tuchel holte sich bei Hansi Flick, dem Assistenten von Bundestrainer Joachim Löw, die Erlaubnis ein, bei den auf dem Mainzer Kunstrasen geplanten Trainingseinheiten der Nationalmannschaft zuschauen zu dürfen.

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