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Mainz 05 : Einige Personalien sind offen - nicht aber das System

Der Countdown läuft, die erste Liga ruft, und die Vorfreude wächst von Tag zu Tag. Wer den FSV Mainz 05 in diesen Tagen im Trainingslager in Herzlake erlebt, muß ein wenig umdenken, wenn er auch andere Vereine in dieser Phase der Vorbereitung erlebt hat.

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          Der Countdown läuft, die erste Liga ruft, und die Vorfreude wächst von Tag zu Tag. Wer den FSV Mainz 05 in diesen Tagen im Trainingslager in Herzlake erlebt, muß ein wenig umdenken, wenn er auch andere Vereine in dieser Phase der Vorbereitung erlebt hat. Gewöhnlich ist dies: Die Profis und ihre Entourage logieren in einer ausgesuchten Hotelanlage, mitreisende Anhänger und Journalisten werden in sicherer Entfernung untergebracht und nur zu festen Besuchszeiten wie weiland im städtischen Krankenhaus vorgelassen. Die Profis möchten bei ihrer Saisonvorbereitung weder belästigt noch gestört werden, deshalb heißt es: Alle anderen müssen draußen bleiben. Beim FSV Mainz sieht das anders aus. Berührungsängste sind den Rheinhessen auch nach dem Aufstieg in den Fußball erster Klasse fremd geblieben. Spieler, Trainer, Freunde des Vereins und Pressevertreter wohnen in der "Alten Mühle" in Herzlake unter einem Dach - und siehe da: Es funktioniert problemlos.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Erholung ist das nicht, was die Mainzer Spieler im beschaulichen Emsland suchen. Die Trainingseinheiten sind intensiv, es sind Stunden dabei, die bei den Zuschauern am Spielfeldrand für Erstaunen sorgen. Da spielen zwei Trainingsteams gegeneinander mit einem Tempo und einer Kampfbereitschaft, die bei manch anderem Verein vermutlich das Pensum einer halben Woche füllen würde. Trainer Jürgen Klopp steht dann als stiller Genießer an der Seitenlinie. "Für solche Einheiten liebe ich meine Jungs", sagt er, während die Spieler von Zweikampf zu Zweikampf flitzen.

          Es ist ein besonderes Klima, in dem die Mainzer trainieren, professionell und doch entkrampft. Klopp läßt immer wieder Pressing üben, das Verschieben der Mannschaftsteile in Richtung Ball, er läßt spielen, spielen, spielen - und immer wieder geht er auf Spieler zu und redet mit ihnen, erklärt ihnen Laufwege, korrigiert Fehler. Dabei hat er einiges zu tun. Sechs Spieler sind in Herzlake am Ball, die neu sind und das Mainzer System erst noch verinnerlichen müssen: Ranisav Jovanovic, Nikolce Noveski und Benjamin Weigelt haben Verträge (Conor Casey ist noch verletzt), dazu kommen die beiden Gastspieler Wladislaw Washuk (Ukraine) und Daniel Wansi (Kamerun), außerdem ist Christian Demirtos aus der Mainzer Amateurmannschaft als Schnupperkandidat dabei. Am Mittwoch wurde dann noch Dejan Ilic von Roter Stern Belgrad als Testkandidat erwartet.

          Wer sich nun Chancen ausrechnen darf, Anfang August beim Mainzer Erstligadebüt in Stuttgart zur Startformation zu gehören, darüber darf in Herzlake spekuliert werden. Kapitän Wache ist die Nummer eins im Tor, daran gibt es keinen Zweifel, auch wenn Ersatzmann Wetklo ordentlich trainiert und Ansprüche anmeldet. Stark dürfte die Innenverteidigung besetzt sein - auch nach dem Abgang von Manuel Friedrich zu Werder Bremen. Tamas Bodoq ist die Nummer eins, was Erfahrung und Härte betrifft, aber auch Juniorennationalspieler Matthias Abel hat nach überstandenem Kreuzbandriß wieder zu alter Stärke zurückgefunden. Konkurrenz haben beide im hünenhaften Neuzugang aus Aue, Nikolce Noveski. Auf der rechten Außenbahn hat Robert Nikolic kaum Konkurrenz, was einen der bisherigen Schwachpunkte des Mainzer Spiels nicht unbedingt verbessern dürfte, allerdings zeigte der junge Demirtos beim Testspiel gegen Meppen (2:0 nach Toren von Auer und Teinert) am Dienstag starke Ansätze, genau wie der Kameruner Wansi, der im Angriff ordentlich Wirbel machte. Auf der linken Außenbahn hat Trainer Klopp die Wahl zwischen defensiver Zuverlässigkeit (Rose) und hochtalentiertem Allroundspiel (Weigelt), eine Alternative, die auf Dauer gewiß der Neuzugang von Rot-Weiß Essen für sich entscheiden wird. Im Dreier-Mittelfeld hat Christof Babatz seinen Platz wohl sicher, um die restlichen Positionen streiten sich eine ganze Reihe von Spielern. Antonio da Silva als spielstärkster Mann hat nach dem Ausfall von Mimoun Azaouagh (Pfeiffersches Drüsenfieber) gute Chancen auf einen Startplatz in Stuttgart. Dennis Weiland, Wladislaw Washuk (falls er einen Vertrag erhält), Fabian Gerber sind weitere Kandidaten. Vorn ist nach den Eindrücken aus den ersten Testspielen bislang nur Benjamin Auer eine feste Größe.

          Einige Personalien sind also noch offen bei den Mainzern. Sicher ist allerdings eines: Klopp will in der Bundesliga den Stil seiner Mannschaft nicht ändern. Standard wird ein 4:3:3-System mit Offensivpressing sein - eine Variante, die für manche Überraschung bei der Konkurrenz sorgen könnte. Das ist nicht gerade das System, das in der Bundesliga Standard ist. Und eine Klasse höher auf Defensive umzuschalten, kommt für Klopp als Standard nicht in Frage. "Das ist nicht unser Spiel." Das 2:0 gegen den ehemaligen Zweitligakonkurrenten SV Meppen, der mittlerweile in der Oberliga angekommen ist, wertete Klopp als gelungenen Test. Die Mainzer taten sich nach den kraftraubenden Trainingseinheiten schwer gegen die ehrgeizigen und gut organisierten Meppener und trafen erst in der zweiten Halbzeit. Paßgenauigkeit und Spritzigkeit fehlten, doch dies ist kein Grund zur Sorge. "Es ist nicht angenehm, in dieser Phase der Vorbereitung gegen einen solchen Gegner zu spielen", sagte Klopp. Daß er damit recht hatte, kann selbst der Meister bestätigen. Auch Werder Bremen hat dieser Tage gegen Meppen gespielt - und ist über ein 2:1 nicht hinausgekommen.

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