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Mainz 05 : Ein Stadion voller Narren

Das war nicht nur ein Fußballspiel. Wäre es eines gewesen und nicht mehr als das, so hätte man frühzeitig nach Hause gehen und, sagen wir, den Rasen mähen können. 3:0 stand es im Bruchwegstadion - und schon bald stand der Aufstieg des FSV Mainz 05 fest.

          3 Min.

          Das war nicht nur ein Fußballspiel. Wäre es eines gewesen und nicht mehr als das, so hätte man frühzeitig nach Hause gehen und, sagen wir, den Rasen mähen können. 3:0 stand es im Bruchwegstadion nach 67 Minuten, und daß die Mainzer ihre Zweitligapartie gegen Eintracht Trier gewinnen würden, war klar. Doch an diesem Sonntag ging es um mehr als um einen Sieg in der zweiten Liga, um mehr als drei Punkte, es ging um alles: um den Aufstieg in den Fußball erster Klasse, den die Mainzer in den vergangenen beiden Jahren jeweils so dramatisch verpaßt hatten. Und deshalb war diese finale Partie gegen Trier nicht nur ein Fußball-, sondern auch ein Nervenspiel, ein Stück Theater, ein kleines Drama vor großem Publikum.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          In der ersten Halbzeit war es noch um Fußball gegangen, Mainz hatte brillant gespielt, besser, schneller, aggressiver als je zuvor in dieser Runde, allein drei Abseitstore pfiff der Schiedsrichter zurück und aus Michael Thurks 1:0 (23. Minute) hätten der Torschütze selbst und Mittelstürmer Benjamin Auer mit etwas Glück ein 3:0, 4:0, 5:0 machen können, aber zur Pause war es dann doch nur die knappste denkbare Führung geworden, mehr nicht.

          Im Karlsruher Wildparkstadion stand es ebenfalls 1:0, Alemannia Aachen, der Mainzer Konkurrent um den Aufstieg, lag um ein Tor zurück. Das würde den Mainzern reichen, auch ein Unentschieden in Karlsruhe würde ihnen reichen, aber nur bei einem eigenen Sieg. Die zweite Halbzeit begann - und mit ihr das große Zittern. Das Kribbeln, das Nervenflattern griff wie ein Gespenst um sich, auf dem Rasen und auf den Tribünen. Werden die Karlsruher das Ergebnis halten können? Oder wird man am Ende wieder an sich selbst scheitern? Das zweite Tor muß fallen, das war allen klar, wenn Aachen nur ein Tor schießt, könnte ein einziger eigener Fehler alles zerstören, zum dritten Mal.

          Noch vierzig Minuten. Trier, das ganz und gar nicht gewillt ist, den netten Partygast zu geben, greift an. Jetzt muß ein Konter her, aber der Schwung ist weg. Nur noch Zittern und Würgen. Die Angst im Nacken macht die Beine schwer. Zweimal schon haben sie am Ende alles verloren, das wirkt nach. Fast köpft Tamas Bodog ein Eigentor. Torhüter Dimo Wache hat aufgepaßt. Noch mal gutgegangen. Neben dem großen Traum stehen auch zwölf bis vierzehn Millionen Euro auf dem Spiel, so viel ist der Aufstieg wert.

          Noch eine halbe Stunde. Trier wird immer überlegener, nicht weil die Mannschaft besser würde, die Mainzer werden schwächer. Die Zuschauer verrichten Schwerstarbeit, sie singen ohne Unterlaß, feuern an, muntern auf, helfen, so gut es geht.

          Noch 25 Minuten. Dann die erste Erlösung. Babatz schießt einen Freistoß vor das Tor, Friedrich fällt der Ball vor die Füße, ein Schuß, 2:0. Gleich darauf Thurk: 3:0, das war's. Aber nur in Mainz. Was jetzt zählt, spielt sich 140 Kilometer südlich in Karlsruhe ab. 1:0 steht es dort noch immer. Der Aachener Trainer Berger spielt mittlerweile mit vier Stürmern, und wie schnell sind zwei Tore geschossen. "KSC" skandieren die Mainzer Fans, minutenlang, als könnte man sie noch im Badischen hören. Es ist dieses ohnmächtige Warten auf das Ergebnis von einem anderen Platz, das die Mainzer am Ende schon zweimal verzweifeln ließ. Noch zehn Minuten. Die Karlsruher brauchen die Punkte gar nicht, sie können nach den Ergebnissen auf den anderen Plätzen nicht mehr absteigen, das klingt nicht beruhigend, aber das wissen die KSC-Spieler nicht, zum Glück.

          Noch fünf Minuten. Im Mainzer Stadion stehen alle, bis auf einen: Trainer Klopp sitzt wie apathisch auf der Bank. "Ich hätte flennen können", sagt er später. Dann pfeift der Schiedsrichter ab. 3:0. Aber in Karlsruhe wird noch gespielt. Klopp steht auf, geht über den Platz, wie in Zeitlupe. Dreißig Sekunden noch, dann explodieren die Gefühle. Schluß in Karlsruhe, 1:0, Mainz ist in der Bundesliga. Klopp sprintet wie von Sinnen über den Platz, die Zuschauer stürmen das Feld, der Ausnahmezustand beginnt. Alles entlädt sich, die Ventile sind offen, die Gefühle schlagen über den Menschen zusammen. Klopp, für Minuten völlig überwältigt, umarmt jeden, der ihm nahe kommt, sie kippen ihm Bier und Sekt über den Kopf, dann schafft er es für ein paar Momente in die Kabine, dort muß er sich beherrschen, "damit mich mein Sohn in zehn Minuten noch erkennt". Draußen ist das Feld voller Menschen, ein Stadion voller Narren. "Wir sind nur ein Karnevalsverein", singen sie. Sie feiern noch lange, dann ziehen sie alle zusammen in die Stadt, auf den Theaterplatz. Die große Feier kann beginnen.

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